Leben

Zeitsouveränität: Flexible Arbeitszeiten gegen Stress im Alltag

von Dr. Kai Kaufmann

Flexible Arbeitszeiten und Zeitsouveränität: Es ist Zeit für individuelle Arbeitszeitmodelle. Pendler und Fernpendler können davon besonders profitieren.

Eine Frau arbeitet in einem großen Loft-Büro.
Flexible Arbeitszeiten und Ortsunabhängigkeit reduzieren nachweislich den Stress bei Mitarbeitern. Foto: Shutterstock / Mooshny

Das erfahren Sie gleich:

  • Warum gerade Fernpendler viel Stress haben – und welche Studien das zeigen
  • Wie sich das Arbeitsleben dank Zeitsouveränität stressfreier gestalten lässt
  • Warum flexible Arbeitszeiten und der richtige Ausgleich entscheidend sind

Mit dem Acht-bis-Fünf-Arbeitstag ist es wie mit manch anderem Auslaufmodell. Ob Plastiktüten, Rundfunkgebühren oder Fax-Geräte: Gefühlt sind diese Dinge schon fast Geschichte, aber noch sind sie da. Wie besagte Normarbeitszeit. Acht Stunden täglich, 40 Stunden die Woche. Doch starre Regelungen der Arbeitszeit sind oft Ursache für unnötigen Stress im Alltag. Sie passen einfach immer weniger zu den Bedürfnissen von Beschäftigten in einer modernen Welt.

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Einerseits fordern Arbeitgeber heute von Beschäftigten fachlich mehr Flexibilität denn je. Andererseits gelten für sie häufig Arbeitszeitregelungen von anno dazumal. Selbst, wenn es branchenbedingt oder betrieblich nicht notwendig wäre. Ein Paradox.

Stress auf dem Arbeitsweg: Über 1 Mio. mehr Fernpendler

Müssen Arbeitnehmer täglich noch lange Pendeln, macht das extra Stress. Denn gerade für Pendler kommt das klassische Arbeitszeitmodell quasi ab Werk als Fehlerprodukt. Ein wahrer Zeitkiller und eine organisatorische Zwangsjacke im Alltag. Besonders betroffen sind davon Fernpendler. Die Zahl der Berufspendler, die per Auto oder Bahn für den Job sogar in ein anderes Bundesland fahren, ist seit 1999 um 1,12 Millionen angestiegen, meldete die Bundesagentur für Arbeit im Juli 2018.

Ein überfüllter Bahnsteig an der Kölner U-Bahn-Haltestelle Neumarkt.
Volle Bahnen und kilometerlange Staus: Pendler und besonders Fernpendler leiden unter der zeitlichen Doppelbelastung. Foto: picture alliance / Geisler-Fotop

„Der Preis der erhöhten Mobilität ist zunehmender Stress bis hin zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen, insbesondere bei den sogenannten Fernpendlern“, sagte Sabine Zimmermann, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion, der „Passauer Neue Presse“. Hier seien die Arbeitgeber gefordert, Arbeitszeitmodelle zu finden, die den Beschäftigten flexible Arbeitszeiten einräumen und dem Stress des Pendelns entgegenwirken.

Wirtschaftsweise: 8-Stunden-Tag nicht geeignet für digitalisierte Welt

Man muss keineswegs links sein, um derlei Forderungen zu vertreten. Selbst die ehrwürdigen Wirtschaftsweisen rütteln am Acht-Stunden-Tag. Naturgemäß aus ökonomischen Gründen: Flexiblere Arbeitszeiten und Arbeitszeitmodelle seien wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen, sagte der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, der "Welt am Sonntag". Der klassische Arbeitsschutz per festen Arbeitszeiten sei nicht mehr geeignet für unsere digitalisierte Welt.

Deutscher Gewerkschaftsbund: 52 % der Beschäftigten haben kaum Einfuss auf Arbeitszeiten

Na, dann sind sich doch alle einig? Da kann Helga Nielebock, Leiterin der Abteilung Recht im Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) vermutlich nur lachen. „Nach dem DGB-Index „Gute Arbeit“ von 2015 geben 52 Prozent der Beschäftigten an, gar keinen oder nur geringen Einfluss auf die Arbeitszeitgestaltung zu haben“, sagte sie gegenüber „R&W – Fachmedien Recht und Wirtschaft“.

Mehr Flexibilität heißt für diese Arbeitnehmer allzu oft mehr Arbeit und Stress im Beruf. Darunter leidet die Gesundheit. Schon ab zwei Überstunden pro Woche nehmen bei Vollzeitbeschäftigten Erschöpfung und Schlafstörungen zu. Das geht aus dem Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) von 2016 hervor. Flexible Arbeitszeiten bedeuten also keinesfalls eine bessere Stressbewältigung im Job. Das sollten Arbeitgeber im Blick behalten, denn letztlich leidet die Produktivität unter gestressten Arbeitnehmern.

Besser wäre also mehr Zeitsouveränität. Und tatsächlich wird seitens politischen Parteien, Arbeitgebervertretern und Soziologen genau dieser Ruf nach Zeitsouveränität als ein Mittel der Stressbewältigung im Arbeitsleben immer lauter.

Standford-Studie: Home Office bringt 13,5 % mehr Produktivität

Am Ende zahlt sich mehr Zeitsouveränität auch wirtschaftlich für die Arbeitgeber aus. Eine aktuelle Studie der renommierten University of Stanford zeigt, dass Arbeiten im Home Office pro Arbeitnehmer in den sechs Monaten der Studie nicht nur 1900 US-Dollar an Kosten für Büroraum sparte. „Die Produktivität der Home-Office-Mitarbeiter stieg um 13,5 Prozent“, berichtet Wirtschaftsprofessor und Studienleiter Nicholas Bloom. Passender Titel seines TEDx-Talks: „Los jetzt, sagen Sie ihrem Boss, dass Sie künftig von zu Hause aus arbeiten.“

So lässt sich das Arbeitsleben flexibler und stressfreier gestalten

Doch es muss ja nicht gleich das Home Office sein – es gibt ja nicht nur ein Arbeitszeitmodell für weniger Stress im Job und eine optimierte Work-Life-Balance durch flexible Arbeitszeiten. Fragen Sie Ihren Chef oder HR, welche Optionen Ihr Arbeitgeber anbietet.

Eine Frau arbeitet im Home Office.
Ist der Arbeitsweg zu lang oder es warten Verpflichtungen zuhause, ist das gelegentliche Arbeiten im Home Office eine gute Alternative. Foto: Shutterstock / Undrey

So überzeugen Sie Ihren Chef von flexiblen Arbeitszeiten für mehr Zeitsouveränität – Tipps und Argumente:

  • Machen Sie konkrete Vorschläge: Über welche Kanäle sind Sie wann erreichbar? Welche Lösungen gibt es für Konferenzen oder den Jour Fixe? Wie werden Daten zwischen Mitarbeitern ausgetauscht?
  • Nennen Sie Argumente für Vorteile von flexiblen Arbeitszeitmodellen für das Unternehmen: z.B. ergebnisorientiertes Arbeiten, statt Präsenzarbeit; gesparte Pendelzeit ist gewonnene Arbeitszeit; erhöhte Zufriedenheit der Mitarbeiter; bessere Stressbewältigung
  • Weisen Sie darauf hin, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse zur gesteigerten Effizienz bei erhöhter Zeitsouveränität für Mitarbeiter gibt (s.o.)
  • Weniger Stress heißt gesündere Arbeitnehmer, heißt weniger Ausfälle wegen Erkrankungen: Das rechnet sich für das Team, den Chef und den Arbeitgeber
  • Weniger Stress führt außerdem zu kreativerem Arbeiten, was bessere Ergebnisse bringt
  • Das Unternehmen fordert agiles Arbeiten, das braucht flexible Arbeitszeitmodelle und Zeitsouveränität für den Mitarbeiter
  • Bieten Sie einen Probezeitraum mit terminierten Feedback-Gesprächen an
  • Ihr Vorgesetzter ist gegen mehr flexibles Arbeiten? Welche Bedenken, welche Wünsche hat er? Machen Sie sich schlau und gehen Sie mit diesem Wissen in die nächste Verhandlungsrunde; kündigen Sie an: „Ich komme mit meinem Anliegen wieder, Chef!“

Flexible Arbeitszeitmodelle

  • Arbeitszeitmodelle mit einer kleineren Vollzeit und größeren Teilzeit in Korridoren zwischen 28 und 32 Stunden pro Woche
  • Arbeitszeitkonten: individuelle Arbeitszeiten können von Mitarbeitern angespart und abgegolten werden
  • Home Office: ein oder mehrere Tage Arbeiten von zu Hause aus
  • Remote bzw. Mobile Working: Das Arbeiten kann an jedem beliebigen Ort stattfinden
  • Jobsharing: Mitarbeiter teilen sich Jobs; der Anteil muss nicht mehr 50:50 sein
  • Gleitzeit: Dienstzeiten liegen in definierten Zeitkorridoren
  • Wahlmöglichkeiten entlang des Lebenslaufes, Beispiel: Elternzeit
  • Sabbatical: eine längere Auszeit, häufig ein Jahr
  • Mitarbeiter haben intern ein Rückkehrrecht bzw. einen Anspruch auf befristete Teilzeit
Eine Mutter liegt mir ihrem Baby im Bett.
Besonders familiäre Verpflichtungen machen Zeitsouveränität notwendig. Foto: Shutterstock / Garnet Photo

Stressbewältigung beim Fernpendeln

  • Tipp Nr. 1 ist natürlich: Prüfen Sie im Unternehmen Möglichkeiten für mehr Zeitsouveränität (siehe Modelle oben) und realisieren Sie diese
  • The Big Picture: Hadern mit dem Pendeln verursacht Stress. Machen Sie sich bewusst, wofür Sie das tun: für das Wohnen im Grünen, für einen tollen Job... Die Resilienzforschung zeigt: Das große Ziel im Blick zu behalten hilft bei der Stressbewältigung
  • Gleichzeitig gilt: Ihre Lösung für flexible Arbeitszeiten – wie einen Tag wöchentlich im Home Office – ist ja in Arbeit. Das fördert die Entspannung
  • Achtsamkeit: Nehmen Sie Ihre Gefühle und Reaktionen bewusst wahr. Bereits das Beobachten ohne einzugreifen kann eine beginnende Stressspirale frühzeitig unterbrechen. Denn: Es schafft Distanz. Achtsamkeit ist wissenschaftlich belegt eine der besten Methoden zur Stressbewältigung
  • Stress manifestiert sich körperlich: Muskeln spannen sich an, beim Autofahren typischerweise im Hals-, Nacken- und Schulterbereich, aber auch im Kiefer. Entspannen Sie deshalb diese Körperregionen während und nach der Fahrt bewusst, am besten mit praktischen Übungen
  • Wir brauchen täglich (!) Bewegung – auch zur Stressbewältigung. Wenn Sie viel Pendeln oder gar Fernpendeln nach einem stressigen Tag, sorgen Sie am Abend für Bewegung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt wöchentlich mindestens 2,5 Stunden moderaten Sport. Das ist Bewegung, bei der Sie sich noch unterhalten können ohne außer Atem zu kommen. Beispiel: ein zügiger Spaziergang

Alternativ hilft für mehr Bewegung und weniger Stress im Büro ein Bürohund.

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