Technik

WordCar: Künstliche Intelligenz auf den Spuren Jack Kerouacs

von Stefan Adrian

Im WordCar reist eine künstliche Intelligenz auf einem Road-Trip durch die USA – und erzeugt dabei Literatur. Das Projekt wird von Google unterstützt.

WordCar vor der Fassade einer leerstehenden Fabrik
Mobile Kunst: Das WordCar erzeugt aus seinen Eindrücken Literatur im Stil des Schriftstellers Jack Kerouac. Foto: Christiana Caro

Das erfahren Sie gleich:

  • Das Projekt WordCar verbindet künstliche Intelligenz mit Literatur
  • Road-Trip folgt dem Werk von Jack Kerouac
  • Ross Goodwin arbeitet auf ungewöhnliche Weise mit künstlicher Intelligenz

Jack Kerouac und sein rastloses Leben

Jack Kerouacs berühmtestes Werk "On the Road" ist eines dieser Bücher, das nie alt wird. Das prägende Werk der Beat-Generation, 1957 publiziert, infiziert auch genau 60 Jahre nach seinem Erscheinen vom ersten Augenblick an mit seiner Rastlosigkeit, die sinnbildlich für das Leben des US-amerikanischen Autors stand.

Rastlos wie der Stil des Buches selbst ist auch die Entstehung. Legendärerweise hat Jack Kerouac sein Hauptwerk auf einer knapp 40 Meter langen Papierrolle geschrieben. Da ihn das ständige Ein- und Ausspannen des Papiers der Schreibmaschine in seiner Konzentration störte, klebte er kurzerhand Rollen von Architektenpapier zusammen und klopfte sein bahnbrechendes Werk im Jahre 1951 in nur drei Wochen in die Maschine.

Diese Papierrolle existiert auch heute noch, sie befindet sich im Besitz des US-amerikanischen Millionärs Jim Irsay, Bewunderer der Beatnik-Ära und Besitzer des NFL-Football-Teams Indianapolis Colts, der den literarischen Schatz gelegentlich auch ausstellen lässt.

Im WordCar von New York nach New Orleans

Auch das WordCar hat auf seiner Reise von New York nach New Orleans Papier ausgespuckt. Nur in wesentlich schmaleren Rollen Thermopapier, wie man es beispielsweise von Rechnungen in Restaurants kennt. Man weiß auch nicht, wie wie viele Meter es insgesamt ergeben würde, würde man sie zusammenkleben; nur, dass am Ende die stolze Summe von 200.000 Wörter zu Buche standen.

Computerausdruck mit dem Titel "Hello World"
So fängt es immer an: Die Phrase "Hello World" wird normalerweise als einfaches Beispiel für den Syntax einer Programmiersprache genutzt. Foto: Christiana Caro

WordCar ist ein Projekt von Ross Goodwin, einem US-amerikanischen Künstler, Technologen, Hacker und Gonzo Data Scientist. Der ehemalige Ghostwriter für Barack Obama und John Kerry, der auch an seinem ersten Roman arbeitet, hat eine große Leidenschaft für künstliche Intelligenz. Diese zwei Leidenschaften - Schreiben und KI - brachte er in seinem WordCar zusammen.

Goodwin stattete einen Cadillac XTS mit einer Überwachungskamera vom Typ Axis M3007 aus, die zeitgleich in alle vier Himmelsrichtungen funktioniert, sowie einem GPS-System, das mit dem Standortdienst Foursquare gekoppelt war. Sein Laptop nahm alles auf, was im Wagen gesprochen wurde, und speicherte dabei jede Uhrzeit. All das zusammen hatte Goodwin mit einer selbstlernenden künstlichen Intelligenz verbunden, die er wiederum mit Büchern gefüttert hatte, die den Mythos des amerikanischen Road-Movies beschreiben – eben Kerouacs "On The Road", oder auch Tom Wolfes "Electric Kool-Aid Acid Test".

Verwegene Prosa der künstlichen Intelligenz

"Diese Maschine lernt durch Bücher, die Menschen geschrieben haben, was Wörter und Grammatik sind und wie man Gedanken als Sätze formuliert, allerdings auf nicht ganz menschlichem Level. Es ist vielmehr wie ein Insektenhirn, das Schreiben gelernt hat", beschreibt Goodwin. Das Resultat jedenfalls wechselte zwischen dadaistischen Aneinanderreihungen und verwegener Prosa und sah in etwa so aus:

Weiße Wolken am blauen Himmel waren mit Blitzlicht überzogen, die Gesichter der Männer waren in blanken Terror ausgebrochen. In der Ferne stand ein großer Baum ein paar Meilen weit weg. Die Tür öffnete sich, und er warf einen kurzen Blick auf das Papier, betrachtete die Tür und starrte auf das Fenster.

Mit von der Partie war auch Kenric McDowell, der das Projekt WordCar für Artists and Machine Intelligence (AMI) betreute und umsetzte. AMI ist eine Abteilung von Google, die Künstlern ermöglicht, Projekte mit künstlicher Intelligenz zu realisieren. McDowells Beobachtung über den ungewöhnlichen Road-Trip und die genaue Funktionsweise des WordCar hat er einem Essay niedergeschrieben. "Es muss schön gewesen zu sein, ein Baby Boomer zu sein. Die Autos waren bizarr. Benzin war billig. Man musste sich nicht schuldig fühlen", rekapituliert er.

Kenric McDowell von Google
Google an Bord: Kenric McDowell von der Google-Tochter Artists and Machine Intelligence (AMI) fuhr an Bord mit Foto: Christiana Caro

Auch Jack Kerouac wurde redigiert

Was wohl die Beatniks zu diesem Projekt gesagt hätten? Für sie war die Form der Literatur immerhin auch immer zum Experiment verleitend wie der Inhalt der Texte selbst. William S. Burroughs zerschnitt mit seiner Cut-Up-Technik Manuskriptseiten und ordnete sie willkürlich neu an. Nur in digitalen Zeiten in jeder Sekunde zu wissen, wo man sich befindet – und stets ortbar zu sein – wäre vermutlich nicht im Sinne der Freigeister gewesen.

2018 jedenfalls soll eine filmische Dokumentation über das WordCar erscheinen sowie die Texte in einem Buch zugänglich gemacht werden. Ganz analog also in einer herkömmlichen Papiervariante. Und redigiert. So wie übrigens Jack Kerouacs Werk auch. Auch dessen Erstveröffentlichung von "On The Road" unterschied sich letztlich von dem, was auch heute noch auf der legendären Papierrolle zu lesen ist.

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