Elektromobilität

Wikipedia als Vorbild: Die Community gestaltet ein Auto

von Ji-Hun Kim

Unternehmen wie Local Motors haben sich Wikipedia zum Vorbild genommen. Bei ihnen entscheiden nicht einzelne Fachleute über Design oder Technik – sondern die Gemeinschaft.

Wikipedia als Vorbild: Die Community gestaltet ein Auto
Schlauer Bus: Mithilfe der Software des IBM-Computers Watson fährt der Olli autonom durch die Stadt. Foto: Local Motors

Das erfahren Sie gleich:

  • Autos werden zunehmend von der Community entwickelt
  • Nutzer als Designer und Ingenieure
  • Die Deutsche Bahn testet bereits einen Crowd-Bus

Innovation über die Weisheit der Masse

Im Bereich Software gehört das Konzept der Open Source und des Crowdsourcing mittlerweile zum Alltag. Betriebssysteme wie Linux, Browser wie Firefox und natürlich auch das größte Lexikon der Welt, Wikipedia, wären ohne die Teilhabe und Mitgestaltung von Tausenden engagierter User und Fans nicht denkbar. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass die Weisheit der Masse nicht nur gemeinschaftliches Arbeiten an einem Produkt ermöglicht, sondern vor allem auch innovative und qualitativ hochwertige Ergebnisse liefern kann.

Die Nutzer von heute wünschen sich immer mehr eine flexible, nachhaltige und vernetzte Mobilität.

Bei Automobilen ist man bislang nicht davon ausgegangen, dass so etwas möglich ist. Jahrzehntelange Ingenieurerfahrung, komplexe Zulieferernetzwerke und eine kostenaufwendige Produktion: Vieles lässt sich mit Hilfe einer Community erreichen – bei Autos hört das allerdings auf, so der Tenor. Seitdem sich Autos elektrisch fortbewegen können, hat sich das jedoch verändert. E-Autos von heute brauchen keine hochkomplexen Doppelkupplungsgetriebe, geschweige denn Verbrennungsmotoren, die Abertausende kleinster kontrollierter Benzin-Explosionen im Zylinder und Kraftbelastungen um die 8.000 Umdrehungen pro Minute standhalten müssen. Hinzu kommt ein veränderter Anforderungskatalog an ein zeitgemäßes Automobil. Die Nutzer von heute wünschen sich immer mehr eine flexible, nachhaltige und vernetzte Mobilität.

Produktion im 3D-Drucker

Das von Jay B. Rogers in den USA gegründete Unternehmen Local Motors entwickelt bereits seit 2007 Automobile mit Hilfe von Open Source und Crowdsourcing. Soll ein neues Modell entwickelt werden, wird die eigene Community mit rund 30.000 Mitgliedern online konsultiert. Ob Design, Technik, Antrieb oder Innenraum – Entwicklungen optimieren die Unterstützer im Rahmen von kleinen einzelnen Wettbewerben. Desweiteren setzt das Unternehmen auf Technologien wie 3D-Druck, um eine dezentralisierte Produktion von Vehikeln zu ermöglichen. Daher auch der Name Local Motors. In sogenannten Mikrofabriken können jederzeit Fahrzeuge hergestellt werden. Alle Baupläne werden zudem unter freier Lizenz veröffentlicht und so der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Local Motors ist dabei nicht der einzige Player, der auf das Prinzip der offenen Quellcodes setzt. OSVehicles, gegründet von Tin Hang Liu und Yuki Liu mit Sitz in Kalifornien, setzt ebenfalls auf den Plattformgedanken. Die Plattform TABBY beispielsweise ist ein Open-Source-Framework, das theoretisch jedem ermöglicht, ein fahrtüchtiges Chassis in weniger als einer Stunde zu bauen. Auch hier helfen 3D-Drucker und öffentlich zugängliche Konstruktionspläne, individuelle Fahrzeuge modular für jeglichen Gebrauch zu entwickeln, die in der Vergangenheit sonst mehrere Millionen Euro an Entwicklungskosten verschlungen hätten. Auf der weltgrößten Elektronikmesse CES wurde Anfang 2017 gemeinsam mit Renault die Plattform POM, die auf dem Modell Twizy basiert, vorgestellt. Start-ups, Forschungsinstitute, Bastler und Autoliebhaber werden dezidiert dazu aufgefordert, jene Plattform zu nutzen, um eigene, individuelle Fahrzeugkonzepte zu entwickeln und sich in den Foren über Designs, Erfahrungen und Verbesserungen auszutauschen. Ein auf dieser Plattform basierender Open-Source-Buggy für eine der kommenden Mars-Missionen? Definitiv vorstellbar.

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Die Bahn hat den Crowdsourcing-Bus getestet

Aber zurück zu Local Motors. Jüngstes Produkt der Firma ist der autonome City-Shuttle Olli. Von dezentralen 3D-Drucker-Infrastrukturen hergestellt und ausgestattet mit der künstlichen Intelligenz des Supercomputers IBM Watson, soll Olli den Transit in der City verbessern. Er wird bereits in einigen Städten getestet: Die Deutsche Bahn ließ seit Frühjahr 2017 im Berliner Stadtteil Schöneberg auf dem sogenannten Euref-Campus die dort arbeitenden Menschen an der Mobilität der Zukunft schnuppern.

Panoramablick im autonomen Bus Olli
Innovation mit Aussicht: Im Olli haben die Fahrgäste einen Panoramablick. Foto: Local Motors

Demnächst soll das Angebot erweitert werden. Dann können User die fahrende Kapsel per App am Smartphone auf Zuruf bestellen. Ein mit modernsten Sensoren und Technologien ausgestatteter Mini-Bus on demand, der auch noch mit einem freundlich sprechen kann? Gerade für die getressten Großstädter in Berlin klingt das nach einer plausiblen und wünschenswerten Mobilitätsoption, die wohl nicht früh genug kommen kann.

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