Technik

Wie Bose und Co. das E-Auto zum Konzertsaal machen

von Nicole Jansen

Keine Motorgeräusche, fast komplette Stille: Elektroautos sind die ideale Bühne für tollen Audioklang. Bald auch für ein Unternehmen aus Deutschland.

Wie Bose und Co. das E-Auto zum Konzertsaal machen
Die Schönheit des Klanges: Leise Elektroautos bieten für Hifi-Hersteller wie Bose oder Harman Kardon ganz neue Möglichkeiten. Foto: Shutterstock / Alsu940

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie Elektroautos Hifi-Liebhabern ganz neue Möglichkeiten eröffnen
  • Welche Störeffekte beim Elektroauto aber ein großes Problem sind
  • Welche großen Hersteller an eigenen E-Auto-Lösungen arbeiten

Elektroautos bieten einige Vorteile für die Umwelt und die Nutzer. Einer davon ist das nahezu geräuschlose Fahren. Motoren- und Auspuffgeräusche fallen weg, nur das Abrollen der Reifen und der Wind erzeugen einen hörbaren Ton. Damit sind die Fahrzeuge für die Stadt ein Segen, denn sie rollen nahezu flüsterleise über die Straße.

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Hersteller von Soundsystemen stellt das allerdings vor eine neue Herausforderung, denn ihre Lautsprecher müssen klarer und besser klingen denn je. Immer mehr Firmen versuchen sich deshalb am perfekten Sound für das E-Auto.

Paragon: Lautsprecher für E-Autos aus Deutschland

Die kleine Stadt Delbrück befindet sich in Nordrhein-Westfalen, nicht weit von Paderborn entfernt. Hier sitzt das Unternehmen Paragon, das seit 1988 die Automobilindustrie beliefert – mit Akustik-Sensoren, Cockpit- sowie Karosserie-Teilen. Künftig erweitert die Firma ihren Wirkungsbereich um ein neues Feld: Lautsprecher für Elektroautos.

Dafür übernahm die Paragon AG die Lautsprecher-Produktions-Gesellschaft (LPG) für drei Millionen Euro. Ab sofort sollen somit in Eigenregie Lautsprecher und sogar komplett vernetzte Soundsysteme entstehen. Doch damit nicht genug, denn Paragon will auch Außensound-Lautsprecher bauen, die bereits in wenigen Monaten Pflicht für neue E-Autos sind. Doch es warten großer Herausforderungen und noch größere Konkurrenten auf das deutsche Unternehmen.

Neue Herausforderung für Soundsysteme

„Alles geschieht geräuschlos, man hört nur den Fahrtwind oder den eigenen Gesang – oder Musik aus dem Radio“, sagt Thomas Taetz. Seit vier Jahren ist er für ein mittelständisches Unternehmen im E-Kastenwagen rund um Düren unterwegs. In der Basisversion war dieser mit 2x15-Watt-Lautsprechern ausgerüstet, die Taetz ein vernünftiges Hörerlebnis ermöglichten.

Selbstverständlich war das nicht. Als die E-Mobilität in den Kinderschuhen steckte, standen Techniker in Sachen Infotainment vor zwei Problemen: möglichst leichte, stromsparende Anlagen zu konzipieren und für elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV) zu sorgen.

Krächzte in herkömmlichen Autos der Lautsprecher nur, sobald das Handy klingelte, brachten Elektrofahrzeuge Antriebe und Spannungsverhältnisse mit, die den kompletten Wagen zum Störeffekt machen. Die Lösung waren mit Kohlefasern abgeschirmte Kabel und eigens für Stromer entwickelte Filter, welche die Radioantenne vor unliebsamen Impulsen bewahren.

Mini-Lautsprecher mit richtig Wumms

Damit war die Bahn frei für konzertreife Performance. Das erste Audiosystem speziell für ein Elektrofahrzeug kam aus dem Sauerland: Audiotec Fischer hatte 2011 für die Studie des zweisitzigen Cityflitzers MUTE von der TU München eine Anlage mit 1,4 kg Gewicht, aber reichlich Wumms entwickelt: Bei minimalem Stromverbrauch waren maximal 90 Dezibel Beschallung drin – genug, um nicht nur dem Fahrer Festival-Stimmung zu vermitteln, sondern auch seiner Umgebung.

Weil das E-Auto fast keinen Lärm macht, ist Hören im Innern entspannter als gewohnt. Die favorisierte Playlist versetzt uns in Hochstimmung, lange Touren werden kurzweilig, wenn ein Hörbuch läuft. Viele Hersteller bieten dafür Multimedia-Tools Marke Eigenbau an, die neben Navigation und Informationsanzeigen auch über ein Radio und Schnittstellen verfügen, an die sich Smartphone, Tablet, Laptop, MP3- oder DVD-Player koppeln lassen. Je nach Fahrzeuggröße kommt ordentlicher Klang aus zwei bis sechs Lautsprechern.

Bose bildet einen Konzertsaal nach

Bose bildet einen Konzertsaal nach
Vorbild Konzertsaal: Bei modernen Lautsprecher-Systemen erreicht der Schall das Ohr nicht direkt, sondern über Reflektionen. Foto: Unsplash/Radek Grzybowski

Einen Schritt weiter geht Bose. Für Kenner guten Klangs haben die Amerikaner je drei verschieden große Bose-Lautsprecherpaare an beiden Fahrzeugseiten verbaut, die maßgeschneiderte Bassbox im Heck, rechts davon der Verstärker. Alles zusammen soll dem „psycho-akustischen“ Aspekt des Hörens gerecht werden: Wie im Konzertsaal erreicht der größere Teil des Schalls das Ohr indirekt über Reflexionen im Auto-Innenraum. Das schafft Live-Atmosphäre unterwegs, unabhängig von der Lautstärke.

Harman Kadon setzt auf zwölf Lautsprecher

Bei Harman Kardon sorgen ein Sieben-Kanal-Digitalverstärker mit 360 Watt und zwölf aufeinander abgestimmte Lautsprecher dafür, dass es im Innern fein tönt. Höchste Konsequenz angesichts der Akustik in Elektromobilen bewies der schwäbische Hersteller Sinn im Auftrag von Elon Musk. Das Ziel: Die Anlage mit dem besten Klang zu bauen, den die Stromversorgung leisten könnte, ohne die Reichweite zu sehr zu verringern.

Als „Referenzhörer“ bat Musk den Musikproduzenten Rick Rubin um sein Urteil. Dieser prägte unter anderem Adeles Sound ebenso wie Rock- und Heavy-Metal-Klassiker. Und bescheinigte dem System Bestklang: „Ich würde überhaupt nichts ändern.“ Verständlich: Sinns Kreation macht sogar das Luftholen von La Callas bei ausgezeichneten Aufnahmen hörbar. Während der Fahrt, wohlgemerkt.

Was im Car-HiFi-Sektor möglich ist, zeigt das 3D+ High-End- System der paragon AG aus Delbrück. In einen Oberklasse-SUV wurden 34 Lautsprecher im Dach, beidseitig jeder Kopfstütze, in und vor den Sitzen so verteilt, dass jeder Hörer individuell vom Klang umschlossen ist. Die Anlage ist skalier- und modularisierbar, weniger Boxen in kleineren Modellen erzielen ebenfalls hochwertigsten Surround Sound.

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Ein ausgeklügeltes In-Car-Communication-System ist auch noch drin: Über Mikrofone in den Gurten werden die Worte
ohne Verzögerung an die Lautsprecher weitergegeben - vorbei die Zeit, da man sich zum Mitfahrer hin- und den Blick vom Verkehr abwenden musste.

Wer also Spitzenklang im Elektroauto haben will, kann ihn heute schon kriegen. Oder die Stille, so wie Herr Taetz, gelegentlich mit eigenem Gesang füllen.

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