Leben

WeChat: In China wird die Smartphone-App zum Ausweis

von Marten Zabel

Die Smartphone-App WeChat wird in China zum digitalen Ausweis. Macht das System weltweit Schule, könnte das den Alltag revolutionieren.

Ansicht der Provinzhauptstadt Guangzhou
Bunte neue Welt: In Guangzhou wird die Nutzung der Smartphone-App als Ausweis bereits getestet. Foto: Unsplash/ Chunlea

Das erfahren Sie gleich:

  • Die Volksrepublik China testet die Nutzung der Smartphone-App WeChat als offizielles Ausweisdokument
  • Mit immer mehr digitalen Diensten könnte das Smartphone einst das Portemonnaie komplett ersetzen
  • Die Gefahren für den gläsernen Bürger nehmen mit der Digitalisierung sämtlicher Daten weiter zu

WeChat ersetzt in Fernost den Ausweis

China testet die Nutzung von WeChat als Ausweis. Die App ist auf fast jedem Smartphone in dem Land zu finden und wird bei der Digitalisierung des Staatswesens ein wichtiger Baustein sein: Die Gesichtserkennung mit der Smartphone-Kamera reicht bereits aus, um eine erste Stufe der Verknüpfung von Ausweis und App durchzuführen. An staatlichen Registrierungsstellen können Nutzer die Verknüpfung vervollständigen und danach das Smartphone als Ausweis nutzen. Die Funktion wird aktuell in der Provinzhauptstadt Guangzhou getestet und soll schon bald landesweit nutzbar werden.

Sogar zur Gründung einer Firma ist kein physisches Ausweispapier mehr nötig.

Schon mit der einfachen Gesichtserkennung wird das Smartphone bei einigen Diensten zum Ausweisersatz. Dazu gehört etwa der Login in Internetcafés. Auf der zweiten Stufe können Nutzer ihr Smartphone mit WeChat dann für fast alle Ausweisfunktionen nutzen. Sogar zur Gründung einer Firma ist dann kein physisches Ausweispapier mehr nötig.

Chinas beliebteste Smartphone-App

Die Smartphone-App WeChat ist im Reich der Mitte der mit Abstand beliebteste Messenger: Geschätzte 29 Prozent der Gesamtzeit, die in China mit Smartphones verbracht wird, entfallen auf den Dienst. Anfang 2017 verwendeten jeden Monat 923 Millionen Nutzer die App – das sind etwa drei Viertel aller Chinesen. Angesichts dieser Verbreitung ist die Kooperation zwischen Staat und App-Betreiber Tencent kein Wunder: Wenn fast jeder Bürger die App installiert hat, kann sie auch weitere Funktionen übernehmen.

Der digitale Ausweis in Deutschland

Die direkte Verknüpfung der App eines Privatanbieters mit staatlichen Funktionen wie dem Ausweis ist in Deutschland derzeit wohl kaum denkbar. Die hierzulande von staatlicher Seite eingeführte elektronische Ausweisfunktion eID nutzt ebenfalls kaum jemand: Nur ein Drittel der Bürger mit Personalausweis im Scheckkartenformat hat die eID freigeschaltet, und nur rund 15 Prozent davon haben die Funktion überhaupt schon einmal genutzt. Das entspricht 2,5 Millionen Nutzern. Die eID ist allerdings auch hauptsächlich für die Identifikation des Nutzers bei Online-Diensten gedacht – den Ausweis im Portemonnaie ersetzt sie nicht.

Nach europäischem Datenschutzverständnis wäre die Smartphone-App als Ersatz für den Ausweis auch eine große Gefahr.

Entsprechend wäre eine Zusatzfunktion in einer Smartphone-App als Ausweisersatz praktisch – aber nach europäischem Datenschutzverständnis auch eine große Gefahr. Chinas Regierung nutzt bereits jetzt Apps und künstliche Intelligenz, um ihre Bürger großflächig zu überwachen. Und selbst wenn ein Staat mit den Daten seiner Einwohner keinen Machtmissbrauch betreibt, liegen diese im Zweifelsfall irgendwo auf einem Server. Diesen könnten Kriminelle knacken und für ihre Zwecke missbrauchen. Wie sicher virtuelle Ausweispapiere vor der Fälschung durch Hacker sind, muss sich ebenfalls noch im Test zeigen. Viele Smartphone-Apps und Cloud-Speicher haben sich in den letzten Jahren als knackbar herausgestellt – sei es bei Datenlecks in Schuldnerdatenbanken oder bei gehackten Chatprotokollen und Online-Bilderspeichern auch prominenter Opfer.

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WeChat ist auch ein Mittel der Kontrolle

Chinas spezieller Markt in Sachen Internet, Apps und Smartphones macht das Quasi-Monopol von Tencent mit WeChat und der vom gleichen Hersteller stammenden Alternative QQ überhaupt erst möglich: Im Rest der Welt sind der Facebook Messenger und WhatsApp mit jeweils etwa 1,2 Milliarden Nutzern sehr beliebt. Ersterer Dienst ist in China gemeinsam mit dem dahinterstehenden sozialen Netz verboten, letzterer wird zu bestimmten Großereignissen zur präventiven Zensur manchmal vom Staat blockiert.

WeChat hat in China nicht nur den Vorteil, Produkt einer heimischen Firma zu sein, sondern auch eng mit den staatlichen Zensurbehörden zu kooperieren. Pornografische oder politisch abweichlerische Inhalte werden dort automatisch gesperrt und im Zweifelsfall an Ermittlungsbehörden gemeldet. Wird WeChat künftig in der Volksrepublik zum Ausweis, dürfte das sowohl Überwachung als auch Sanktionierung der Bürger weiter erleichtern: Mit dem für 2020 geplanten Sozialkredit-System Chinas sollen dem Staat unliebsame Personen künftig durch höhere Steuern oder die Verweigerung von Bahn- und Flugtickets abgestraft werden. Schon jetzt werden WeChat-Accounts bei Verstößen gegen Sittenregeln gesperrt. Künftig käme das einem Entzug des Personalausweises gleich.

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