Technik

Was die digitale Technik mit unseren Fähigkeiten anstellt

von Sabrina Lieb

Was die digitale Technik mit unseren Fähigkeiten anstellt
Analoge Logik: Waren unsere geistigen Fähigkeiten früher ausgeprägter? Foto: Pixabay/Pexels

Das erfahren Sie gleich:

  • Dümmer oder klüger? Die Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Fähigkeiten
  • Das Internet als externes Gedächtnis hat auch Vorteile: Das Gehirn fokussiert sich auf wichtige Dinge
  • Leute kennenlernen und Partner finden funktioniert im Internet genauso gut wie offline

Die digitale Technik verändert unser Gehirn – so viel steht fest. Die Frage ist nur: In welche Richtung entwickeln sich unsere Fähigkeiten?

Schwächt digitale Technik unsere Fähigkeiten?

Zwei von drei Deutschen nutzen das Internet täglich. Etwa 30 Prozent aller Paare lernen sich über das Internet kennen. Und würden Autofahrer nur strikt nach dem Navi fahren, würde wohl kaum einer von ihnen lernen, wie die Straßen in seiner unmittelbaren Umgebung zusammenhängen. Aufmerksamkeit, Orientierung, Gedächtnis und soziale Beziehungen – schwächen die digitalen Technologien unsere Fähigkeiten und Kompetenzen oder werden wir durch sie sogar noch klüger, wie der kanadische Autor Clive Thompson in seinem Buch „Smarter thank you think“ prophezeit? Wagen wir einen Blick hinter die Kulissen.

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Die Aufmerksamkeit leidet

„Lass mich mal noch schnell meine Mails checken“ - durchschnittlich unterbricht sich ein Smartphone-Benutzer alle 18 Minuten bei dem, was er gerade tut. Das entspricht rund drei Mal die Stunde, rund 50 Mal am Tag. Noch bedenklicher stimmt die Zahl einer deutschen Studie mit 60.000 Teilnehmern, die im Testzeitraum im Durchschnitt 88 Mal am Tag ihr Smartphone einschalteten, wobei sie davon 35 mal nur das Datum und die Uhrzeit checkten.

Die anderen Male machten sie das, was man eben sonst so online tut: Surfen, Mails checken, mit anderen Usern chatten, Profile in sozialen Medien überprüfen. Hand aufs Herz: Wer kann sich da noch auf die Arbeit konzentrieren? Befragungen von Lehrern ergaben, dass es vor allem Schülern immer schwerer fällt, sich beim Lesen lange Zeit auf einen Text zu konzentrieren. Umso besser gelingt es jedoch, wenn am Monitor selbst gelesen wird.

Navi ausschalten stärkt das Gehirn

Der Mannheimer Psychologe Stefan Münzer hat es in seinen Studien längst bestätigt: Wer ausschließlich per Navi fährt, verliert den Überblickt darüber, wie die Stadtteile aufgebaut sind und die Straßen zusammenhängen. Wenn wir mit dem Auto auf unbekannten Routen unterwegs sind, müssen wir uns unentwegt entscheiden: Wollen wir GPS-gesteuert schnell und einfach an unser Ziel kommen oder finden wir uns mithilfe von Karten etwas mühsamer, dafür aber nachhaltiger zurecht?

Experten vermuten, dass diese Hirnregion langfristig verkümmert, wenn wir die Orientierung an das Navi abgeben.

Das Einprägen solcher Informationen wirkt sich auf unser Gehirn aus, wie eine Studie mit Londoner Taxifahrern zeigen konnte. Die Fahrer müssen während ihrer Ausbildung 25.000 Straßennamen lernen. Forscher untersuchten mittels Hirnscan rund 80 Auszubildende, wovon jedoch nur die Hälfte die Prüfung schaffte. Bei jenen Taxifahrern, die den Abschluss geschafft hatten, fanden sich nach drei, vier Jahren im Hippocampus – ein Bereich im Gehirn, der als zentrale Schaltstation im limbischen System gilt – mehr graue Substanz als bei denen, die durch die Prüfung gefallen waren und nicht Taxi fuhren. Experten vermuten, dass diese Hirnregion und die damit zusammenhängenden Fähigkeiten langfristig verkümmern, wenn wir die Orientierung an das Navi abgeben.

Das Gedächtnis muss trainiert werden

Sokrates war der erste, der vor rund 2500 Jahren vor schriftlichen Notizen warnte. Nach dem griechischen Philosophen soll das physische Festhalten von Informationen dem Gedächtnis schaden. Ähnliche Bedenken gibt es auch heute. Der Grund: Unser Gedächtnis ist wie ein Muskel, der trainiert werden will. Einer US-Studie zufolge kannten mehr als 70 Prozent aller Befragten nicht die Handynummer ihres Kindes auswendig, fast jeder Zweite musste bei der Nummer seines Partners passen. Eine weitere Studie der Columbia University in New York konnte zeigen, dass die Probanden Informationen besser behielten, wenn die Chancen gering waren, das geforderte Wissen online zu finden als jene, die sich sicher waren, es jederzeit im Internet abrufen zu können.

Das Gehirn kann die frei gewordenen Kapazitäten anderweitig nutzen.

Nach Ansicht der Hirnforscherin Hannah Monyer hat das Internet als externes Gedächtnis durchaus seine Vorteile, weil das Gehirn dadurch die frei gewordenen Kapazitäten anderweitig nutzen kann. Auch finden sich in der Neurowissenschaft immer weitere Hinweise darauf, dass unser Gedächtnis aktiv daran arbeitet, Unwichtiges zu vergessen und entsprechende Nervenverbindungen zu kappen. Laut dem kanadischen Neurowissenschaftler Blake Richards, der an der University of Toronto die Langlebigkeit von Erinnerungen erforscht, fokussiere sich unser Gehirn dadurch auf Dinge, die wichtig für Entscheidungen sind.

Leute kennenlernen im Internet

Zu viel Internet und die Nutzung von sozialen Medien soll angeblich die Einsamkeit fördern. Gegen diese These halten Markus Appel und Constanze Schreiner. Die beiden Medienpsychologen forschen in Würzburg und haben zahlreiche Studien zum Thema ausgewertet. Ihr Fazit: „Im Mittel finden sich keine Belege dafür, dass die Nutzung digitaler Medien zur sozialen Vereinsamung führt (...)“. Dafür zeichnete sich ab, dass Menschen, die im wirklichen Leben ausgiebig mit anderen kommunizieren, dies auch intensiv in der virtuellen Welt tun – sie können im Internet genauso Leute kennenlernen wie offline.

Heutzutage lernen sich rund 30 Prozent aller Paare über das Internet kennen. Häufig wird darüber debattiert, ob die Entwicklung der digitalen Beziehungsstarts das romantische Wesen einer Liebesbeziehung auf den Kopf stellt. Was sagt die Wissenschaft dazu? „Vieles bleibt beim Alten.“ Der überwiegende Gusto der Frauen, die sich nach wie vor einen größeren, etwas älteren und finanziell wie gesellschaftlich gut gestellten Mann als Partner vorstellen, ist ungebrochen. Männer hingegen bevorzugen eine etwas kleinere, schlanke und jüngere Frau – online wie auch offline.

Diese Aspekte mögen oberflächlich klingen, aber sie ändern nichts an der Qualität einer Beziehung, die möglicherweise ihren Start im Internet findet. Wer seinen zukünftigen Partner zuerst virtuell kontaktiert, führt mit ihm im Durchschnitt eine mindestens genauso erfüllte Beziehung wie Paare, die sich im Offline-Leben zum ersten Mal begegnen. Die Psychologen um John Cacioppo von der University of Chicago berichten sogar, dass diese Beziehungen häufig etwas länger halten. Dies konnte eine repräsentative Umfrage unter mehr als 19.000 Männern und Frauen in den USA zeigen.

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