Leben

Vom Carsharing zum Caring

von Anna Butterbrod

Autos, Wohnungen oder Schreibtische: Wir teilen gerne – aber meist anonym. Eine Künstlerin sorgt jetzt dafür, dass Menschen sich durchs Teilen näherkommen.

Vom Carsharing zum Caring
Essensgabe: Beim Foodsharing geht es nicht nur ums Essen – sondern vor allem um das Miteinander. Foto: Pixabay/Pexels

Das erfahren Sie gleich:

  • Carsharing, Airbnb oder Frents: Teilen gehört mittlerweile zum Lifestyle
  • Manche Menschen vermissen dabei das reale Miteinander
  • Ein neues Projekt in München verbindet Sharing mit persönlichem Austausch

Carsharing gehört schon zum Lifestyle

Wir geben unsere Wohnung per Airbnb in die Hände von Fremden, sie überlassen uns dafür ihre Apartments in Rio, Paris oder auf Mallorca. Über die Plattform frents verleihen wir unsere Kamera, den Beamer oder die Bohrmaschine – kostenlos. Müssen wir irgendwo hin, nutzen wir Carsharing. Kurz: Teilen gehört für viele von uns zum Lifestyle. Wir haben es professionalisiert, benutzen Apps, nennen es Sharing Economy und, ja, wenn dabei der ein oder andere Euro rausspringt – warum nicht?

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Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Wann haben Sie Ihrem Nachbarn zuletzt einen Gefallen getan, zum Beispiel die Blumen während des Urlaubs gegossen? Moment, wissen Sie überhaupt, wer gerade neben Ihnen wohnt? Durch die globale Vernetzung scheinen viele von uns den direkten Draht zu den Menschen in unserem Umfeld zu verlieren. Und in Zeiten, in denen wir immer wieder umziehen, flexibel sein und unsere Freundschaften über Facebook pflegen müssen, wird vieles anonymer. Das reale Miteinander verliert immer mehr an Bedeutung.

Kein Kontakt trotz Kleiderkreisel

Laut einer Studie setzt jeder zweite Deutsche auf Angebote der Sharing Economy. Und dass es dabei nicht zu einem größeren Miteinander kommt, ist eigentlich paradox: Schließlich sorgen nachhaltige Plattformen wie zum Beispiel Kleiderkreisel dafür, dass Fremde in Kontakt miteinander treten. Aber dabei bleibt es dann wohl meist beim Geschäft.

Ich finde es schrecklich, dass man heutzutage überall etwas kaufen oder für etwas bezahlen muss

Sharing-Aktivistin Dorothea Seror
Ihr Thema ist das Miteinander: Performance-Künstlerin Dorothea Seror hat in München die "Zona Libre" für Kostenlos-Projekte gegründet. Foto: Dorothea Seror

Genau das will Dorothea Seror, 55, ändern. Die Performance-Künstlerin ist Mitgründerin des Münchner Leonrod-Hauses, in dem rund 30 Künstler kreativ sind. Neben dem Gebäude initiierte sie die „Zona Libre“: ein Raum für Projekte, die rein gar nichts kosten. „Ich finde es schrecklich, dass man heutzutage überall etwas kaufen oder für etwas bezahlen muss“, sagt sie.

In der „Zona Libre“ ist das anders: Es gibt einen Garten, in dem Interessierte sonntags kostenlos sähen, pflanzen und ernten dürfen. Dann ist da die „BrauchBar“, ein Kostenlos-Laden. „Wir leben doch alle im Überfluss!“, findet Dorothea Seror. „Die BrauchBar hält Dinge im Umlauf: Bücher, Klamotten, Geschirr... Wir möchten die Menschen dazu bringen, erstmal bei uns vorbei zu schauen, bevor sie sich etwas neues kaufen.“

Sie macht Foodsharing zur Party

Einmal pro Woche bringt ein Bauer aus dem Umland seine Ernte vorbei: Bezahlen kann man seine Kohlköpfe, Bohnen und Tomaten auch, indem man bei der Ernte hilft. Im „FairTeiler“ nebenan können überschüssige Lebensmittel abgegeben und abgeholt werden. „Viele verwechseln Foodsharing mit der Tafel“, sagt Dorothea Seror. „Aber es kommen nicht nur bedürftige Menschen, die darauf angewiesen sind. Darum geht es gar nicht. Hier soll sich auch der Top-Manager wohl fühlen. Es geht um eine neue Gesellschaftsvision, die wir in den Köpfen verankern wollen. Die Kernbegriffe sind Freiheit, Freude und Miteinander. Wir sind glücklich über jeden, der vorbeischaut.“

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Es geht darum, sich zu vernetzen – und zwar nicht nur digital.

Besonders bei den „Zona Libre“-Partys, die am 11. jeden Monats gefeiert werden – für die Menschen vom Gelände und die gesamte Nachbarschaft. Gekocht wird dabei gemeinsam, mit Foodsharing-Zutaten. „Es kommen internationale Künstler, die auch im ,World's Smallest Performance Space' in meinem Atelier auftreten. Alles for free! Es geht darum, sich zu vernetzen – und zwar nicht nur digital. Ich bin selber keine Partyqueen mehr, aber diese Abende haben immer was ganz Besonderes. Da sitzen wir oft bis vier oder fünf Uhr morgens zusammen.“

Anscheinend braucht es Menschen wie Dorothea Seror, die uns wieder daran erinnern, was teilen wirklich bedeutet. Und wie wertvoll das Ergebnis sein kann, wenn man es richtig macht...

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