Elektromobilität

Elektrofahrräder: E-Bike-Boom führt zu mehr tödlichen Unfällen

von Leonie Butz

Mit der Popularität von E-Bikes steigt die Zahl der tödlichen Unfälle von Pedelecs. Viele Fahrer kommen mit Geschwindigkeit und Gewicht nicht zurecht.

Verschlechtern E-Bikes die Unfall-Statistik?
E-Bikes machen das Radfahren leichter – aber auch gefährlicher? Statistiken sagen ja, das ist aber nicht das ganze Bild. Foto: Unsplash/outerwoodsmedia

Das erfahren Sie gleich:

  • Warum die tödlichen Unfälle mit Pedelecs zunehmen
  • Was neue Besitzer von Elektrofahrrädern beachten sollten
  • Wie der Trend in der Unfallstatistik die Vision Zero gefährdet

Fast 10 Prozent mehr Pedelec-Tote

Die neuesten Daten des Statistischen Bundesamtes stimmen nachdenklich: Während die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Radfahrer im Jahr 2017 insgesamt weiter gesunken ist (auf 382), stiegen die Todeszahlen von Pedelec-Fahrern gegenüber dem Vorjahr noch mal an – und zwar um 9,7 Prozent auf 68 Tote. Dazu kommen 5047 verletzte Fahrer. Die Unfallstatistik zeigt auch: Die meisten der getöteten Verkehrsteilnehmer auf einem Elektrofahrrad waren 70 Jahre oder älter.

Vollelektrischer Fahrspaß

Jetzt für Audi e-tron News registrieren

Jetzt kostenlos anmelden

Die Erkenntnisse aus einzelnen Bundesländern bestätigen diese Tendenz. Beispiel Baden-Württemberg: Das Innenministerium in Stuttgart meldete, dass 2017 die Zahl der Unfälle mit E-Bikes erneut drastisch gestiegen ist. Waren es 2016 noch 878 Unfälle im Südwesten des Landes, so stieg die Zahl 2017 auf 1096. Und auch die schweren Verletzungen durch E-Bike-Unfälle stieg leicht an. 2016 gab es 259 schwer Verletzte, 2017 waren es 303.

Das Problem: Mehr Leistung, mehr Gewicht

Das soll nicht bedeuten, so die Unfallforscher, dass das E-Bike generell unfallträchtiger ist – kommt es aber zu einem Unfall, endet dieser bei einem Rad mit Motor schneller tödlich als bei einem normalen Fahrrad. Dies liegt vor allem an höheren Geschwindigkeiten der Räder sowie am abweichenden Anfahr- und Bremsverhalten.

Wir empfehlen, den sicheren Umgang mit dem Pedelec zu trainieren.

Ulrich Klaus Becker, ADAC-Vizepräsident Verkehr

Die zusätzliche Kraft des Motors und das höhere Gewicht der Pedelecs führe dazu, dass diese sich anders fahren als herkömmliche Fahrräder, so der ADAC. "Der Umgang mit Elektrofahrrädern will gelernt sein, da die Beschleunigung nicht mit einem herkömmlichen Fahrrad vergleichbar ist", sagt ADAC-Vizepräsident Ulrich Klaus Becker, "deswegen empfehlen wir, den sicheren Umgang mit dem Pedelec zu üben und zu trainieren."

Fahrsicherheitstrainings, vor allem für ältere Verkehrsteilnehmer, bieten einige Bundesländer gemeinsam mit Verkehrs-Institutionen wie dem Fahrrad-Club ADFC an. Das Interesse daran ist jedoch gering bis nicht vorhanden.

E-Bike und Alkohol: Fatale Kombination

Bedenklich auch: Die Zahl der Verletzten durch Unfälle mit alkoholisierten E-Rad-Fahrern ist 2016 um ein Drittel gestiegen. Nach dem Motto „ich kann nicht mehr Autofahren, also steige ich aufs Elektrofahrrad“, setzen sich viele nach dem Feierabendbier lieber auf ihre E-Bikes.

Realität: Mehr tödliche Unfälle durch E-Bikes
Besonders ungeübte Fahrer sollten bei den ersten Erfahrungen mit E-Bikes nicht auf ein Fahrsicherheitstraining verzichten. Foto: Unsplash/petkovski

Bei bis zu 25 km/h ist dies im betrunkenen Zustand jedoch keine sichere Alternative – auch wenn es laut Gesetz erlaubt ist, mit bis zu 1,5 Promille auf das Elektrofahrrad zu steigen. Das gilt allerdings nur, solange der Fahrer dabei nicht mit Fehlern oder Übertretungen auffällt. Und es gilt auch nicht für die schnellen S-Pedelecs, die bis zu 45 km/h erreichen können. Bei ihnen zählt, wie auch beim Auto, 0,3 Promille als Grenze.

Allerdings spiele diese im Straßenverkehr kaum eine Rolle: Laut dem Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) sind etwa 99 Prozent aller verkauften E-Bikes Pedelces, also Fahrräder mit einer Nenndauerleistung des Motors bis maximal 250 Watt und einer Maximalgeschwindigkeit von 25 km/h. Die S-Pedelecs kommen entsprechend nur auf einen Anteil von etwa einem Prozent.

Immer mehr Elektrofahrräder

Die Zahl der Unfälle und der Toten auf deutschen Straßen ist eng damit verbunden, dass sich mit E-Bikes auch diejenigen auf den Drahtesel schwingen, die zuvor nicht die körperlichen Möglichkeiten hatten – etwa alte oder kranke Menschen. Von 2016 auf 2017 verzeichnete der Markt einen Anstieg der Verkaufszahlen um 19 Prozent auf 720.000.

Bei einem so drastischen Anstieg der Elektrofahrräder ist ein erhöhtes Unfallaufkommen nicht ungewöhnlich. Trotzdem gilt besonders für ungeübte Fahrer: Erst auf unbefahrenen Wegen testen, bevor es in den Straßenverkehr geht. Wer sich unsicher fühlt, sollte zusätzlich ein Fahrsicherheitstraining absolvieren und nicht auf den Helm verzichten.

Laut dem Statistischen Bundesamt fahren Benutzer von Pedelecs übrigens ungefähr genauso viel oder wenig gesetzeskonform wie normale Radfahrer: Je 1000 Fahrer registrierte die Polizei 617 Fehlverhalten mit Elektrofahrrädern und 611 mit herkömmlichen Fahrrädern. Zu den häufigsten Vorwürfen zählten falsche Straßenbenutzung und zu hohe Geschwindigkeit.

Hintergrund: Vision Zero

Die schlechten Nachrichten aus der Unfallstatistik in Bezug auf Fahrer von Pedelecs widersprechen der Vision Zero. Diese setzt als Ziel, dass kein Mensch mehr im Verkehr umkommen soll. Die Idee stammt ursprünglich aus Schweden und sollte dort die Arbeitssicherheit gewährleisten. Seit 1997 dient das Modell aber auch als Konzept für einen sicheren Straßenverkehr.

Auf dieser Basis hat sich auch in Deutschland einiges in Sachen Verkehrssicherheit getan: 1976 wurde der Sicherheitsgurt Pflicht, Airbags und Notbremsassistenten sind heute in den meisten Autos Standard, und auch das ABS liefern Autohersteller inzwischen meist serienmäßig.

All das hat bereits zu deutlichen niedrigeren Todeszahlen geführt. 2017 starben insgesamt 3180 Menschen bei Unfällen in Deutschland. Laut dem Statistischen Bundesamt ist das die niedrigste Zahl seit mehr als 60 Jahren.

Updates

Bleiben Sie zum Thema Elektromobilität immer informiert.

Fazit: An sich ist die Unfallstatistik erfreulich: Weniger Verkehrstote insgesamt und auch weniger getötete Radfahrer. Und selbst den Anstieg der tödlichen Unfälle mit E-Bikes muss man ins Verhältnis setzen: 19 Prozent mehr verkaufte E-Bikes stehen 9,7 Prozent mehr Todesfälle entgegen.

Trotzdem sollten gerade ältere Menschen den Umgang mit Elektrofahrrädern an einem sicheren Ort trainieren, bevor sie sich ins Verkehrsgetümmel begeben. Dann können sie die Vorteile des E-Bikes voll genießen – und zwar mit Sicherheit.

Auch interessant

Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Um mehr über die von uns verwendeten Cookies zu erfahren und wie man sie deaktiviert, können Sie unsere Cookie-Richtlinie aufrufen.

Schließen