Leben

Verkehr: Wie krank Lärm macht – und welche Lösungen es gibt

von
Dr. Kai Kaufmann

Verkehrslärm kostet in Europa jährlich 1 Million gesunde Lebensjahre, schätzt die WHO. Elektromotoren sind nicht der einzige Weg aus dem Dilemma.

Ein Flugzeug fliegt über eine Stadt
Flugzeuge über Städten sind nur eine von vielen Lärmquellen. Für die Bewohner kann das gefährlich sein. Foto: Getty Images/iStockphoto

Das erfahren Sie gleich:

  • Welche körperlichen Symptome Verkehrslärm auslöst
  • Warum auch psychische Probleme mit Lärm in Verbindung stehen können
  • Lärm macht krank: Welche Maßnahmen gegen Lärmbelästigung es gibt

Es ist der Soundtrack unseres täglichen Lebens: die permanente Geräuschkulisse des ganz normalen Verkehrs zu Lande und in der Luft. Ist man ohnehin gestresst und liegen die Nerven blank, kann der Lärm richtig weh tun. Fast jeder zweite Deutsche fühlt sich durch Lärm von Fahrzeugen, Bahnverkehr und Flugzeugen nicht nur belästigt, sondern auch geschädigt. Und das zurecht.

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Verkehrslärm: Zweitschlimmstes Umweltproblem laut WHO

Die Lärmbelastung durch den Verkehr macht im wahrsten Sinne des Wortes Millionen Menschen körperlich und psychisch krank. Laut einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Verkehrslärm nach der Luftverschmutzung das Umweltproblem mit den zweitstärksten Auswirkungen auf die Gesundheit. In der WHO-Studie "Burdon of disease from environmental noise" wird errechnet, wie viele gesunde Lebensjahre Europäer durch Verkehrslärm verlieren. Konservativ betrachtet, liegt die Zahl bei einer Million Lebensjahre pro Jahr.

Stressreaktion durch Lärm: Tinnitus im Ohr

Zur Einschätzung von welcher Art Lärm die Rede ist: Der ganz normale Lärm einer Hauptverkehrsstraße liegt bei 80 Dezibel. Ab 85 Dezibel leidet das Gehör unter dem erhöhten Schallpegel. Typisches Symptom: Tinnitus – ein nervtötendes dauerhaftes Rauschen oder Klingeln im Ohr. Heute ist Tinnitus so verbreitet, dass fast jeder jemanden mit diesem Leiden kennt.

Der gesamte Organismus wird aber schon bei einer niedrigen Schallintensität beeinträchtigt. Die Lärmbelastung löst die typische Stressreaktion aus, um Menschen in Alarmbereitschaft zu versetzen. Die Muskeln sind angespannt, der Blutdruck steigt, das Herz rast...

Viele Menschen wissen nicht, dass dauerhafter Lärm nicht nur dem Gehör schadet, sondern auch immense Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem sowie das Schlafverhalten hat.

Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen

Typische gesundheitliche Folgen von Lärmbelastung über einen längeren Zeitraum sind:

Straßenlärm und Fluglärm: Risiko für Herzinfarkt

Selbst die Wahrscheinlichkeit an einem Herzinfarkt zu erkranken, kann aufgrund dauerhaften Lärms durch Fahrzeuge, Schienen- und Flugverkehr erhöht werden. Das legten bereits frühere Studien zumindest nahe. Die aktuelle NORAH-Studie konnte diesen Zusammenhang nun klar nachweisen. NORAH steht für "Noise-Related Annoyance, Cognition, and Health". Es ist die bislang umfangreichste Studie zum Thema Auswirkungen von Verkehrslärm.

Im Gegensatz dazu ließ sich in der NORAH-Studie nicht zeigen, dass auch Fluglärm mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko einhergeht. Dies liegt allerdings daran, dass schlichtweg zu wenige Studienteilnehmer lautem Fluglärm ausgesetzt waren.

Autos stecken im städtischen Verkehr fest
Das hohe Verkehrsaufkommen in Städten sorgt nicht nur für eine erhöhte Schadstoffbelastung, sondern auch für viel Lärm. Foto: Getty Images/iStockphoto

Depressive Episoden und Leistungsverlust

Wie sehr Lärm auch die Seele von Menschen krank machen kann, zeigt eine weitere Erkenntnis aus der NORAH-Studie:

Als Ergebnis hat mich sehr beeindruckt, dass wir einen so hohen Anteil an Depressionen als Folge von Lärm haben. Das haben wir absolut nicht erwartet.

Prof. Dr. Rainer Guski, Leiter der NORAH-Studie

Das größte Risiko für Depressionen gehe dabei von Fluglärm aus, doch auch Lärm auf Straßen und Schienen erhöhe diese Gefahr deutlich. Natürlich kommen bei Depressionen meist mehrere Ursachen zusammen – ein möglicher Faktor ist aber Stress durch chronischen Verkehrslärm.

Vergleichsweise harmlos klingt da noch das geringere Denkvermögen, das ebenfalls auf das Konto von Verkehrslärm gehen kann. Jeder dessen Büro an einer Hauptverkehrsader oder Dauerbaustelle liegt, kann davon ein Lied singen. Die Folgen der Belastung durch diesen Lärm reichen von ständiger Gereiztheit im Umgang mit den Kollegen bis zu schlechten Entscheidungen. Mit anderen Worten: dauerhafter Lärm im Umfeld des Büros bietet keine guten Aussichten für den Erfolg eines Unternehmens.

Frau sitzt genervt im Auto
Sind Menschen oft Lärm ausgesetzt, kann das zu Stress führen. Forscher sehen dabei einen Zusammenhang mit Depressionen. Foto: Getty Images

Maßnahmen gegen Lärmbelastung

Schon jetzt gibt es viele Möglichkeiten, um Beeinträchtigungen durch Verkehrslärm zu verringern, sie müssten nur häufiger angewandt werden.

Dazu gehören:

  • Asphalt mit geräuschdämpfenden Gummigranulaten
  • Flüsterasphalt (Hohlräume schlucken Lärm)
  • geräuscharme Reifen
  • Elektromotoren
  • Tempolimit 30 km/h
  • geänderte Verkehrsführung
  • Förderung des Radverkehrs
  • Förderung öffentlicher Transportmittel
  • Speziell gelagerte Bahngleise in einem Rasenbeet
  • Lärmschutz an Autobahnen (Schallschutzwand)

85 Prozent weniger Reifengeräusche durch elastischen Straßenbelag

Der Hauptlärm wird dabei nicht allein durch die Motoren der Autos produziert. "Wenn man Verkehrslärm verringern will, muss man das Reifengeräusch abdämpfen, indem man die Oberflächen der Straßen verbessert", sagt Luc Goubert vom belgischen Wissenschaftszentrum Persuade gegenüber dem Magazin FUTURIS auf Euronews. Drei Faktoren seien hierbei entscheidend, so Goubert: die Struktur, die Dämpfung und die Elastizität der Straßenoberfläche.

Bislang sei der Faktor Elastizität für die Lärmreduzierung aber nicht genutzt worden. In einem europäischen Projekt hat Persuade nun einen entsprechenden Lösungsansatz entwickelt und in Dänemark getestet. Dafür beschichteten die Forscher einen Straßenabschnitt mit einem neuartigen elastischen Material. Akustische Messungen zeigen: die elastische Schicht beseitigt 85 Prozent der Reifengeräusche.

Acht intelligente Lösungen für Kopenhagen

Ebenfalls in Dänemark testet dessen Hauptstadt acht intelligente Lösungen für einen besseren Verkehrsfluss. "Diese Lösungen wären nicht nur der effizienteste Weg, um Kopenhagens Mobilität zu verbessern. Sie sind auch ein Mittel, um eine Stadt mit sauberer Luft, weniger Lärm und reduzierter CO2-Emission zu schaffen", sagt Morten Kabell, Kopenhagens Mayor of Technical and Environmental Affairs.

Jede der acht Intelligent Traffic Solutions (ITS) widmet sich einem Thema. Um Lärm geht es vor allem bei Thema 3, sein Titel: "Better Flow in the Streets". Weniger Staus bedeuten auch weniger Lärm – für dieses Ziel wurde ein System zur Erfassung aktueller Verkehrsströme entwickelt. Sein Name: CITS für Copenhagen Intelligent Transport Systems.

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CITS bildet anonymisierte Standorte und Routen von Mobilfunknutzern auf einer Karte ab. Via WiFi-Stationen werden diese Daten in einem Verkehrszentrum gesammelt und ausgewertet nach Faktoren wie Position, Route und Tempo. Auf diese Weise werden die unterschiedlichen Nutzungsprofile – der intermodale Verkehr – erstellt: Fußgänger, Autofahrer, Radfahrer etc. Dies ergibt ein aktuelles, komplexes Bild über Verkehrsströme – und damit die Möglichkeit Staus und Menschenansammlungen zu umgehen.

In einem Pilottest kommt CITS in Kopenhagen bereits zum Einsatz. Dort sind Coffee Shops mit einem Interface ausgestattet, das den aktuellen Strom von Verkehrsteilnehmern jeder Art abbildet.

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