Leben

Tiny Houses revolutionieren den Wohnmarkt

von Daniela Pemöller

Junge Leute und sogar Familien entdecken Tiny Houses für sich – also das reduzierte Leben auf wenigen Quadratmetern. Aber funktioniert das wirklich?

Tiny House "Retreat" auf einem Parkplatz
Bei der Logistikbranche abgeguckt: Das Tiny House "Retreat" erinnert an einen Container, kann zum Fahrzeugwechsel aufgebockt werden und ist 18 Quadratmeter groß. Foto: Philipp Obkircher

Das erfahren Sie gleich:

  • Was sind Tiny Houses und woher kommen sie?
  • Wer wohnt darin, wer baut sie und was kosten sie?
  • Wie verringern Tiny Houses den ökologischen Fußabdruck?

Die Tiny Houses kommen aus den USA

Anfangs waren es in Deutschland die Älteren, die sich für Tiny Houses interessierten. Rentner, die ihre 125 Quadratmeter Wohnung gegen 25 Quadratmeter eintauschten. Doch mittlerweile sind es immer mehr junge Leute und sogar Familien, die nach weniger streben. Tiny Houses – so heißt der Trend zum Wohnen auf kleinstem Raum. Entstanden ist er aus der Not heraus, nämlich nach der schweren Wirtschaftskrise 2007/2008 in den USA.

Die kleinsten Tiny Houses kosten nur 100 Euro Miete im Monat.

Die meisten dieser Winzighäuser stehen auf Rädern, sind zwischen zehn und 55 Quadratmeter groß und kosten ab 15.000 Euro aufwärts. Doch es gibt auch kleinere Einheiten wie die des Berliners Van Bo Le-Mentzel, die messen nur 6,4 Quadratmeter. Die „100-Euro-Wohnung“ (weil sie nur 100 Euro Miete im Monat kostet) ist klein, bietet aber alle Funktionen einer 1-Zimmer-Wohnung: Bett, Dusche, WC, Küche, Schreibtisch und Sitzecke.

Zusammen mit anderen Kreativen gründete der Architekt 2016 das Kollektiv Tinyhouse University. Darin werden antworten gesucht auf die Frage: Wie können wir auf kleiner Fläche für wenig Geld leben? 15 Antworten finden sich nun bis Anfang März 2018 im Bauhaus Campus Berlin beim Bauhaus-Archiv Museum für Gestaltung. Darunter auch Le-Mentzel’s „100-Euro-Wohnung“. In der Summe ist Strom, Heizung, Wasser und Internet übrigens inklusive.

Möglichst kleiner ökologischer Fußabdruck

Überteuerter Wohnraum und die damit verbundene Suche nach günstigen Alternativen sind aber nur ein Aspekt der Tiny-Houses-Bewegung. Vielen geht es um ein neues Lebenskonzept, gekennzeichnet durch konsequentes Downsizing und Nachhaltigkeit. Der 17-jährige Waldorfschüler Leopold Tomaschek aus Pommoissel bei Lüneburg etwa will mit seinem blauen selbstgebauten Minihaus „ein ökologisches und soziales Statement gegen unsere ressourcenausbeutende Konsumgesellschaft setzen“.

Einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, sich von überflüssigem Krempel befreien und auf das Wesentliche besinnen – darauf kommt es den Tiny-House-Bewohnern an. Da die Minihäuser so klein sind, verbrauchen sie weniger Energie zum Heizen und Kühlen. Die Energie wird mittels Solarzellen oder Windturbinen erzeugt, geheizt wird mit Holz- oder Propanöfen, und Komposttoiletten ersetzen herkömmliche WCs. Weil es weniger Platz gibt, achten die Bewohner darauf, nicht zu viel Müll zu produzieren. Und auch der Wasserverbrauch hält sich wegen eines kleineren Boilers in Grenzen.

Schwierigkeiten mit der Baugenehmigung

Der Amerikaner Jay Shafer gilt als Gründer der Tiny-House-Bewegung. Er stellte Baupläne zum Nachbauen online. Einer der ersten Deutschen, der sie umsetzen wollte, war Hanspeter Brunner aus Staufen bei Freiburg. Schnell stellte der jedoch fest, dass die Anleitungen höchstens als Anregung herhielten. Denn die deutschen Straßenvorschriften und Anhänger waren anders als die amerikanischen. Damit wären wir beim Grundproblem der Tiny-House-Bewegung in Deutschland: die Bauordnung. Sobald ein Gebäude in Deutschland ein Fundament hat, handelt es sich um eine bauliche Anlage. Und als solche braucht das Tiny House eine Baugenehmigung. Die Bauordnung schreibt beispielsweise vor, dass das Haus an das Strom- und Abwassernetz angeschlossen sein muss, bestimmt die Höhe der Wände und wie die Dämmung beschaffen sein soll. Eine Trockentoilette ist hier gar nicht vorgesehen.

Wer allerdings sein Mini-Haus auf einen Anhänger packt, unterliegt nicht der Bauordnung, sondern dem Straßenverkehrsrecht. Und die besagt, dass Anhänger bis vier Meter Höhe und 2,55 Meter Breite ohne Sonderzulassung gestattet sind. Bauberaterin und Tiny-House-Expertin Isabella Bosler schreibt in Ihrem Blog: „Da sich Längen über sieben Meter nicht wirklich bequem durch Deutschland bewegen lassen, wird man bei uns kaum größeren Tiny Houses begegnen – es sei denn, einem Tiny-House-Enthusiast war das Mehr an Wohnraum eine Sonderzulassung wert. Die typischen, auf Trailer aufgebauten Tiny Houses haben also selten mehr als 15 qm Wohnfläche.“

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Tiny Houses helfen nicht gegen Wohnungsnot

Paul Neupert studierte in Berlin die Geographie der Großstadt und schrieb seine Masterarbeit über mobiles Wohnen. Darin schreibt er, dass „eine dauerhafte Wohnnutzung in Sondergebieten bauordnungsrechtlich illegal ist. Auch eine kommunale Duldung bietet keine Sicherheit, denn sie kann jederzeit unbegründet widerrufen werden.“ Es fehlt an Verbindlichkeiten. Das Wohnrecht kann jederzeit zurückgezogen werden. Sogar, wenn eine Kommune dieses akzeptiert, könne das Bundesland sein Veto einlegen. So geschehen in Nordrhein-Westfalen, wo das Dauerwohnen auf Campingplätzen seit einiger Zeit verboten ist, so Neupert im Deutschlandfunk Kultur. Der Berliner sieht wegen dieser Rechtsunsicherheit in der Tiny House-Bewegung keine Chance, um steigenden Mieten und Wohnungsnot zu begegnen. Mobiles Wohnen als Lebensstil könne aber funktionieren.

Mittlerweile haben sich einige Handwerker auf den Bau der mobilen Winzighäuser spezialisiert. Sie und ihre Kundschaft hoffen darauf, dass das deutsche Wohnrecht irgendwann reformiert wird, um auch alternative Lebensformen zuzulassen.

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