Technik

Telemedizin im Meer: HALLIGeMED rettet Leben vom Festland aus

von Gertrud Teusen

Anfang 2019 startet Schleswig-Holstein ein Projekt zur Telemedizin: HALLIGeMED bietet Ersthelfern auf den Hallig-Inseln ärztliche Hilfe per Fernbehandlung.

Eine Luftaufnahme der Hallig Norderoog.
Medizinisch unterversorgt: Damit die Bewohner und Besucher der Halligen im Notfall schnell Hilfe bekommen, soll Telemedizin die Versorgungslücke bis zum Eintreffen der Rettungskräfte schließen. Foto: picture alliance / imageBROKER

Das erfahren Sie gleich:

  • Warum das Fernbehandlungsverbot auf der Kippe steht
  • Was man sich vom Pilotprojekt HALLIGeMED erwartet
  • Wie moderne Technik bei der Diagnosestellung hilft

Passiert irgendwo im Land ein medizinischer Notfall, ruft man üblicherweise den Notarzt. Der kommt, je nach Standort und Situation, binnen Minuten mit dem Rettungswagen oder Rettungshubschrauber.

Doch ob der Einsparungen im Gesundheitssystem und drohendem Ärztemangel auf dem Land könnte diese Versorgung bald der Vergangenheit angehören. Dabei kann man sich kaum vorstellen, dass es Gegenden in Deutschland gibt, wo das etablierte akut-medizinische Versorgungssystem schon heute die Patienten nicht mehr zuverlässig betreuen kann.

Wie HALLIGeMED die medizinische Versorgung sichern soll

Die Bewohner und Besucher der Halligen, kleinen Inseln vor der Nordsee-Küste Schleswig-Holsteins, sind medizinisch gesehen im akuten Notfall auf sich allein gestellt. Im besten Fall leistet rettungsmedizinisch-ausgebildetes Fachpersonal erste Hilfe – und fordert im Zweifelsfall den Rettungshubschrauber oder Seenotrettungskreuzer an.

Doch wenn der Arzt mit dem Helikopter aufgrund von Wetterverhältnissen, zum Beispiel Nebel, oder der Seenotrettungskreuzer aufgrund der Gezeiten nicht landen oder anlegen kann, dauert es viele Stunden, bis wirklich ärztliche Hilfe kommt.

Nicht zuletzt aufgrund dieser Gegebenheiten startet in Schleswig-Holstein jetzt das Telemedizin-Projekt HALLIGeMED.

Warum das Fernbehandlungsverbot auf der Kippe steht

In Deutschland gibt es immer noch in den meisten Bundesländern das so genannte "Fernbehandlungsverbot". Dieses besagt, dass Patienten, die einen Arzt nicht persönlich besuchen, auch nicht behandelt werden dürfen.

Ferndiagnosen per Telefon und andere Kommunikationswege sind damit also ausgeschlossen; auch nachdem sich die Infrastrukturen und technischen Möglichkeiten stark verändert haben, hält die Ärzteschaft vielfach noch daran fest.

Nachdem Baden-Württemberg das Fernbehandlungsverbot bereits gekippt hat, schließt sich nun die Ärztekammer Schleswig-Holstein an. Zwar muss die neue Berufsordnung noch vom entsprechenden Gesundheitsministerium des Landes genehmigt werden, doch damit wurde zumindest schon die größte Hürde zum Einsatz der Technik aus dem Weg geräumt.

Das ist gut, denn es gibt nicht nur bereits jetzt einen Ärztemangel auf dem Land, sondern auch hierzulande Regionen, die geographisch so abgelegen sind, dass im Notfall dringende Hilfe ausbleibt.

Verdacht auf Herzinfarkt führt zu HALLIGeMED

Wie eben die Hallig-Inseln: Zehn dieser Mini-Inseln liegen im Meer vor der Küste Schleswig-Holsteins, fünf von ihnen sind ganzjährig bewohnt. Eine davon, die Hallig Hooge hat einen sehr engagierten Bürgermeister, der, aufgrund eines ganz persönlichen Notfalls, die medizinische Versorgung auf den Halligen verbessern wollte.

Matthias Piepgras meldete 2006 beim zuständigen Ersthelfer einen Notfall: Verdacht auf Herzinfarkt. Der Notruf ging raus. Aber es dauerte fünf Stunden, bis der Arzt aufgrund der schlechten Wetterverhältnisse und ungünstiger Gezeiten eintraf.

In der Klinik angekommen, zeigte das EKG, dass es kein Herzinfarkt war. Doch die Stunden der Ungewissheit hat Matthias Piepgras nicht vergessen: "Wenn mir unser Krankenpfleger in Absprache mit Ärzten auf dem Festland etwas hätte spritzen dürfen, wenn er ein EKG hätte digital übermitteln können, hätte ich gar nicht von der Hallig weg gemusst", erzählte der 62-Jährige in einem Zeitungsinterview.

Piepgras recherchierte und fand die Konzepte der medizinischen Notfallversorgung in den OffShore-Windparks. Dort kommen seit geraumer Zeit telemedizinische Möglichkeiten zum Einsatz, um die Ersthelfer vor Ort zu unterstützen. Ob es sich nur um eine leichte Erkrankung handelt oder ob eine lebensbedrohliche Situation besteht, entscheidet dort das geschulte Personal gemeinsam und in Abstimmung mit dem Arzt im Krankenhaus via digitaler Kommunikation.

Und genau so soll das HALLIGeMED-Konzept auch funktionieren.

Wie moderne Technik bei der Diagnosestellung hilft

HALLIGeMED wird zunächst auf den drei Halligen Langeneß, Oland und Hooge mit entsprechenden Stützpunkten eingerichtet. Man rechnet mit einem breiten Spektrum der möglichen Erkrankungen von Bauchschmerzen bei einem Kind bis zu einem Herzinfarkt bei einem Hallig-Besucher oder einem Bewohner der Halligen.

Ein einzelnes Haus steht allein im Grün. Die Hallig Hooge, eine Insel in der Nordsee, testet ab 2019 Telemedizin.
Hier kommt nur selten ein Arzt vorbei: Die Hallig Hooge ist eine der drei Testinseln, auf den Telemedizin erprobt wird. Foto: picture alliance / Hinrich Bäse

Ziel ist die Verkürzung des sogenannten "therapiefreien Intervalls", also der Zeitraum, bis der Notarzt – falls nötig – mit dem Hubschrauber eintrifft. Der Telemediziner unterstützt und begleitet via Video- und Audioübertragung den Krankenpfleger auf der Hallig, indem er Medikamentengaben delegiert oder ihn zu Maßnahmen anleitet.

"Wenn künftig ein Patient mit Brustschmerz in die Krankenpflegestation auf Hooge kommt, kann der Krankenpfleger ein EKG machen, das er an die Uniklinik weiterleitet. Wenn es ein typisches Herzinfarkt-EKG ist, können wir das schnell erkennen und sofort vorbereitende Maßnahmen einleiten", erklärt Projektleiter Dr. Niels Renzing, Oberarzt im Institut für Rettungs- und Notfallmedizin (IRUN).

Medizinische Daten werden je nach Bedarf an den Hausarzt, einen Kardiologen oder eine Klinik übermittelt. Das sind zum Beispiel EKG, Sauerstoffsättigung des Blutes oder Blutdruckwerte. "Und das alles in Echtzeit", betont Dr. Jan Wnent, stellvertretender Leiter des IRUN.

Eine spezielle Datenbrille kommt vor allem bei Unfällen zum Einsatz – auf den autofreien Halligen sind das hauptsächlich Kollisionen oder Stürze mit dem Fahrrad. Gerade im Sommer werden die größeren Halligen von zahlreichen Touristen besucht – und dementsprechend passieren auch mehr Unfälle.

Bei Unfällen könnten unsere Spezialisten dem Krankenpfleger via Datenbrille über die Schulter schauen.

Dr. Renzing, Oberarzt im IRUN

Diese Übertragung sowie der visuelle Kontakt mit dem Patienten sind die entscheidenden Vorteile der Telemedizin gegenüber einer rein telefonischen Konsultation, denn "der erste optische Eindruck ist ganz wichtig" und die beratenden Ärzte könnten den Ersthelfern vor Ort "Tipps für die Akutbehandlung und Schmerzmedikation geben". So kommt der Telemediziner quasi virtuell an den Einsatzort.

Und all das zum Wohle der Patienten und mit dem Ziel einer deutlichen Erhöhung der Patientensicherheit. Denn wenn die Situation kritisch ist, wird parallel zur telemedizinischen Konsultation doch ein Transfer ins Krankenhaus eingeleitet. Bis der Rettungsdienst allerdings kommt, können bestimmte medizinische Maßnahmen an den Pfleger übertragen werden. Zugleich wird der Patient die ganze Zeit zumindest aus der Ferne ärztlich überwacht.

Starke Partner machen Telemedizin möglich

Die Lockerung des Fernbehandlungsverbots kommt den Projektpartnern von HALLIGeMED gelegen. Das Institut für Rettungs- und Notfallmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) übernimmt beim Hallig-Projekt die Koordination. Ärzte stehen somit 365 Tage im Jahr, unabhängig von Witterung, rauer See und den Gezeiten online zur Verfügung.

Aus Sicht des Projektleiter Dr. Niels Renzing sind die Halligen, die im Jahr an 20 bis 30 Tagen aufgrund ungünstiger Wetterbedingungen rettungsdienstlich nicht erreichbar sind, das ideale Einsatzgebiet für Telemedizin.

Die Ministerien für Soziales, Gesundheit, Jugend und Familie sowie Inneres, ländliche Räume und Integration haben beschlossen, das Pilotprojekt in den nächsten drei Jahren mit 750.000 Euro zu fördern.

"Die Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung bietet die große Chance, eine Brücke zwischen ambulantem und stationärem Sektor als auch zwischen dem ländlichen Raum und Fachärzten im Universitätsklinikum zu schlagen", sagte Landesgesundheitsminister Heiner Garg von der FDP.

Telemedizin so gut wie einsatzbereit

Die Schulung des medizinischen Fachpersonals ist mittlerweile fast abgeschlossen, für eine sichere Kommunikation sind die Halligen mit Glasfasertechnologie versorgt. Theoretisch steht dem Start der Telemedizin nichts mehr im Weg.

Nun hoffen die Verantwortlichen, dass sich der Einsatz im nächsten Jahr auszahlt – und weniger Patienten mit großen Aufwand zum Festland gebracht werden müssen.

"Durch Schulungen des vor Ort eingesetzten medizinischen Personals und Unterstützung durch ein telemedizinisches System können Fehleinschätzungen, aber auch Verzögerungen im Behandlungsablauf minimiert und so die Sicherheit der Patienten erhöht werden", erläuterte Jan-Thorsten Gräsner, Direktor des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin.

Das Projekt HALLIGeMED könnte Pilotcharakter für die Halligen und auch für andere ländliche Regionen in Schleswig-Holstein und darüber hinaus haben. Experten gehen davon aus, dass sich Telemedizin zu einem elementaren Baustein der Medizin entwickeln kann.

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