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Gesundheit

Tierwohllabel und bewusste Ernährung sind im Trend

von Leonie Butz

Studie: Deutschland isst gesund und bewusst?
Regional, bedacht auf das Tierwohl und vor allem gesund: So ernährt sich Deutschland einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zufolge. Foto: Unsplash/Chris Lawton

Das erfahren Sie gleich:

  • Bundesministerium und Verbraucherzentralen zeigen in Studien: Deutsche essen gesund und bewusst
  • Die WHO hingegen warnt vor der steigenden Zahl von adipösen Erwachsenen und Kindern
  • Die Untersuchungen des Konsums durch das Umweltbundesamt lassen von bewusst und Bio nicht viel erkennen

Bewusste Ernährung ist im Trend, und viele Deutsche fordern ein Tierwohllabel – aber entspricht das Ergebnis der Studien tatsächlich der Wirklichkeit?

Das Bundesministerium und seine Studie

Die Deutschen essen gesund und bewusst. Das ist zumindest das Ergebnis einer Umfrage, die das Marktforschungsinstitut Forsa bereits zum dritten Mal für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft machte. Darin befragte das Institut telefonisch rund 1000 Menschen in Deutschland. Die Ergebnisse der Studie lesen sich dabei wie ein Idealbild der perfekten Gesellschaft. Die meisten informieren sich über regionale Produkte, legen Wert auf das Wohl der Tiere und essen am liebsten Obst und Gemüse. Durst löschen fast alle mit Wasser, einige trinken Tee oder Kaffee, nur ein Viertel trinkt täglich zuckerhaltige Limonaden oder Fruchtsäfte. Auch hier ein Vorzeigebild.

Bei einer so starken Trendwende bleibt die Frage zu klären, ob sich die Gesellschaft innerhalb eines Jahres tatsächlich so geändert hat.

Aber kann eine Umfrage mit rund 1000 Personen wirklich repräsentativ für die Gesellschaft sein? Und was ist mit der Gesellschaft, die immer dicker wird? Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) waren Anfang 2017 knapp 59 Prozent aller Männer und 37 Prozent aller Frauen in Deutschland übergewichtig. „So dick war Deutschland noch nie“, betitelt die DGE ihren 13. Ernährungsbericht zur Übergewichtsentwicklung. Und auch bei Kindern ist die Zahl der Übergewichtigen in ganz Europa drastisch gestiegen. Laut der WHO sind rund 15 Prozent übergewichtig, sieben Prozent sind adipös.

Diese klaffende Diskrepanz zwischen dem Schein der Umfrage und der Realität bleibt aber bei der Vorstellung der Ergebnisse unerwähnt. Stattdessen zeigt uns der Report Trends auf – von Fertiggerichten im vergangenen Jahr zu täglich Selbstgekochtem bei fast 50 Prozent der Befragten in diesem Jahr. Bei einer so starken Trendwende bleibt doch die Frage zu klären, ob sich die Gesellschaft innerhalb eines Jahres tatsächlich so geändert hat.

Das Bundesministerium und seine Studie
Vor allem Obst und Gemüse kommt auf den Teller, eingekauft wird bewusst und regional? Bundesministerium und Umweltbundesamt sind sich da leider nicht so einig. Foto: Unsplash/ Igor Miske

Bewusst auf Tierwohl achten?

Auch eine Trendwende hin zu bewusstem Konsum verzeichnet die Studie. 78 Prozent der Befragten gaben an, dass sie Wert auf regionale Produkte legen, 63 Prozent sagten, sie kaufen bewusst. Sehr vielen ist außerdem das Tierwohl wichtig – sie sind bereit, dafür mehr für Fleisch und andere tierische Produkte auszugeben. 79 Prozent achten nach eigenen Angaben auf Inhalts- und Zusatzstoffe der Lebensmittel.

Damit steht die Studie nicht allein: Eine Umfrage der Göttinger Ernst-August-Universität im Auftrag des Verbraucherzentralenbundesverbandes (vzbv) kam zu ähnlichen Ergebnissen. Demnach würden 69 Prozent der Befragten höhere Fleischpreise akzeptieren, wenn dies eine nachweisbar bessere Tierhaltung begünstige. 42 Prozent befürworten sogar eine Fleischsteuer, deren Einnahmen dem Tierwohl dienen soll. Es sei in jedem Fall wichtig und im Sinne der Verbraucher, eine einheitliche EU-Fleischkennzeichnung einzuführen, so vzbv-Chef Klaus Müller.

Andere Studien widersprechen diesem Ergebnis aber stark. Eine Untersuchung des Umweltbundesamtes und des Bundesverbandes der Energie und Wasserwirtschaft etwa hat den Konsum in Deutschland 2017 untersucht. Demnach liegt der tatsächliche Marktanteil der biozertifizierten Lebensmittel in Deutschland bei knapp fünf Prozent. An dem Angebot kann das nicht liegen, denn die Untersuchung zeigt auch, dass die Anzahl der Biomärkte in Deutschland merklich steigt.

Vielleicht lässt sich ja aus der Studie eben die Wunschvorstellung der Befragten herauslesen.

„Statt produktive Politik zu machen, gibt der Bundesernährungsminister ebenso bunte wie belanglose Broschüren heraus.“ So die Kritik der Verbraucherorganisation Foodwatch an dem Ernährungsreport. Die Organisation kritisiert außerdem, dass statt tatsächlichen Maßnahmen – etwa beim versprochenen Tierwohlsiegel – nur Scheininitiativen anlaufen. Ob sich also tatsächlich etwas aus der Studie herauslesen lässt, das bleibt dem eigenen Ermessen überlassen. Vielleicht ja sogar die Wunschvorstellung der Befragten.

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