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Streit um Stickoxide: Selbsternannter Experte hat sich verrechnet

von
Michael Penquitt

Mitte Januar hat der Lungenarzt Dieter Köhler die Schädlichkeit von Stickoxiden angezweifelt. Doch seine Behauptungen beruhen auf eklatanten Fehlern.

Schadstoffausstoß von Autos in einer Stadt
Der nicht mehr praktizierende Lungenfacharzt Prof. Dr. Dieter Köhler relativierte die Stickoxid-Belastung in Großstädten – offenbar mit falschen Zahlen. Foto: Getty Images/J/J Images /J Morrill Photo

Das erfahren Sie gleich:

  • Womit Köhler seine Kritik begründet
  • Wo sich der Arzt verkalkuliert hat
  • Wie schwach seine Ausrede ist

Der in der Debatte um Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub bekannt gewordene Lungenfacharzt Dieter Köhler hat seine Kritik auf falsch berechneten Zahlen gefußt. Das ergibt eine Recherche der taz.

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Köhler hat Mitte Januar eine Stellungnahme veröffentlicht, die von 112 Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie unterzeichnet wurde. Darin behauptete er, wer an einer viel befahrenen Straße wohnt und 80 Jahre alt wird, atme im Laufe seines Lebens lediglich so viele Stickoxide ein wie ein starker Raucher innerhalb weniger Monate durch Zigaretten.

Auch stellte er den aktuellen Forschungsstand zur Schädlichkeit von Luftschadstoffen pauschal in Frage. "Einer der wenigen Experten auf diesem Gebiet", wie sich Köhler selbst nennt, vertrat den Standpunkt, seine Kollegen hätten "systematische Fehler" begangen und Daten "extrem einseitig interpretiert". Die aktuellen Dieselfahrverbote seien deshalb völlig willkürlich.

Köhler bläst Stickoxid-Werte im Zigarettenrauch auf

Unzählige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler widersprachen Köhlers Aussagen. Sie wiesen daraufhin, dass der emeritierte Lungenspezialist nie zu dem vorliegenden Thema wissenschaftlich publiziert hat. Jetzt steht nicht nur sein Fachwissen in Frage, auch seine Mathematik-Kenntnisse scheinen lückenhaft zu sein.

Anders als von Köhler berechnet, werden pro Schachtel Zigaretten nicht 1 Million Mikrogramm Stickstoffdioxid (NO2) freigesetzt, sondern nur 10.000 Mikrogramm Stickoxid (NOx). Davon entfallen, laut Köhlers eigenen Angaben, 10 bis 50 Prozent auf das vom Grenzwert betroffene NO2. Demnach hat sich Köhler um den Faktor 200 bis 1.000 verrechnet. Starke Raucher müssten damit knapp sechseinhalb bis 32 Jahre lang jeden Tag eine Schachtel Zigaretten rauchen, um den von Köhler angenommenen Wert zu erreichen.

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"Extreme wissenschaftliche Unsachlichkeit"

Damit nicht genug: Auch seine Kalkulation zum Feinstaub enthält Fehler. Geht man von den Zahlen aus, die Köhler nennt, ist die Konzentration des Feinstaubs im Zigarettenrauch 10 Millionen Mal so hoch wie der Grenzwert auf der Straße. Köhler sprach dagegen von 1 Million. Doch auch dieses Ergebnis steht auf schwankendem Grund: Seit bereits 15 Jahren gelten für Zigaretten neue Feinstaub-Grenzwerte, von denen Köhler augenscheinlich keine Kenntnis genommen hat.

Noch vor wenigen Wochen kritisierte Köhler im ZDF die vermeintlich "extreme wissenschaftliche Unsachlichkeit" in der Debatte. Von der taz mit seinen eigenen Fehlern konfrontiert erwiderte er, er sehe diese nicht als großes Problem. Die Größenordnung stimme ja und außerdem: „Ich mache ja praktisch alles allein und habe nicht einmal mehr eine Sekretärin als Rentner.“

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