Leben

Steuern: Schweden belohnt reparieren statt wegschmeißen

von Roland Kontny

Schweden hat die Steuern für das Reparieren von Kleidung, Haushaltsgeräten und Fahrrädern gesenkt. Das Ziel: Ressourcen schonen und die lokale Wirtschaft fördern.

Zwei Schraubenschlüssel vor einem türkisfarbenen Hintergrund
Werkzeug für den Klimaschutz: Kreislaufwirtschaft bedeutet, dass Gegenstände durchs Reparieren möglichst lange in Gebrauch sein sollen. Foto: Pixabay/Pexels

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie Schweden die Kreislaufwirtschaft in Gang bringen will
  • Wieso mehr reparieren und weniger wegschmeißen gut fürs Klima ist
  • Was der Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU/CSU für Deutschland vorsieht

Steuersenkungen belohnen das Reparieren

Davon können die etwa 41 Millionen Haushalte hierzulande nur träumen: Die schwedische Regierung hat die Mehrwertsteuer auf Reparaturen von Schuhen, Kleidung, Haushaltsgeräten und Fahrräder von 25 auf 12 Prozent mehr als halbiert.

Dieser Schritt ist ein Teil der Strategie der schwedischen Regierung für mehr nachhaltigen Konsum und weniger wegschmeißen: "Für die Umwelt ist es häufig besser, solche Gegenstände zu reparieren anstatt neu zu kaufen", sagt Anna Söderström, Pressesprecherin des schwedischen Ministeriums für Verbraucherschutz gegenüber aio. Es würden gleichzeitig weniger Rohstoffe benötigt, weniger Abfall und Produktionsemissionen produziert und mehr Jobs geschaffen.

Die Idee der Kreislaufwirtschaft

Ein geistiger Vater dieser Idee ist Walter Stahel. Bereits 1982 gründete der Schweizer das Institut für Produktdauer-Forschung und berät seitdem Unternehmen und Regierungen in Nachhaltigkeit – so auch in Schweden.

Aus der Anfangszeit seiner Forschungen stammt auch die Idee zur Kreislaufwirtschaft. Sie sieht vor, dass erstmal hergestellte Produkte durch Reparaturen und fortlaufende Anpassung an neue Entwicklungen möglichst lange in Gebrauch sein sollten, um natürliche Ressourcen und die Umwelt zu schonen.

Denn während bei einem Neukauf das Geld vor allem in weitestgehend automatisierte Fabriken fließt, "füttert man bei einer Reparatur mit dem gleichen Geld Menschen in der eigenen Umgebung", erklärt Stahel die positive Auswirkung der Kreislaufwirtschaft auf die Beschäftigung anschaulich. Reparieren statt wegwerfen kommt also nicht nur der Natur zugute, sondern auch dem Leben der Menschen.

Vom Fahrrad aus fotografierter Waldweg im Sonnenlicht
Der Weg zu mehr Naturschutz: Die Initiative für die Kreislaufwirtschaft soll die CO2-Emissionen senken. Foto: Pexels/Markus Spiske

Weniger wegschmeißen, weniger Emissionen

In einer seiner Studien kommt Stahel zum Ergebnis, dass sich mit dem Ansatz "Reparieren statt wegschmeißen" die Treibhausgasemissionen einer Volkswirtschaft um 66 Prozent verringern und die Beschäftigung um vier bis fünf Prozent steigern ließen.

Grundlage waren dabei laut Stahel Berechnungen für sechs europäische Länder. Ginge es nach ihm, dürften die Gesetzesänderungen noch wesentlich krasser ausfallen: "Es sollten Dinge besteuert werden, die keiner will. Abfall zum Beispiel."

Menschliche Arbeit dagegen sei eine natürliche, nachwachsende Ressource, die erwünscht sei und darum überhaupt nicht besteuert werden sollte. Die Umsatzsteuer, die in der restlichen Welt übersetzt Mehrwertsteuer heißt, sei bei Reparaturen ohnehin fehl am Platze.

Erste Zahlen sprechen für eine steigende Zahl der Reparaturen von Haushaltsgeräten.

Ganz so weit wie Stahel ist man in Schweden noch nicht. Zunächst will man herausfinden, ob sich die gewünschten Effekte durch das Konzept "reparieren statt wegschmeißen" tatsächlich einstellen. Erste Zahlen sprechen für eine steigende Zahl der Reparaturen von "weißer Ware", den typischen Haushaltsgeräten. Belastbare Erhebungen laufen aber noch und lieferten bislang keine Ergebnisse.

Man ist also vorsichtig optimistisch. So oder so: Schweden wagt einen mutigen Schritt, um einem wichtigen Ziel näher zu kommen. Der erste Nachahmer könnte übrigens Italien werden. Dort erreichte eine entsprechende Petition im vergangenen Jahr immerhin knapp 20000 Unterstützer.

Mehrwertsteuer-Regeln in Deutschland

Und wir? Auch in Deutschland gibt es seit einigen Jahren Steuervergünstigungen für "haushaltsnahe Dienstleistungen" wie etwa Hecke schneiden oder das Einbauen einer neuen Dichtung für die Haustür.

Hinter der Einführung dieser Regelung steckte seinerzeit allerdings die Bestrebung des Gesetzgebers, zumindest einen Teil der Schwarzarbeit einzudämmen - und damit mehr Steuern einzunehmen. Mit Umweltschutz hatte das nichts zu tun.

Allzuviel Hoffnung auf eine Senkung der Mehrwertsteuer sollten sich deutsche Verbraucher derzeit nicht machen.

Aus zwei Gründen: Erstens ist das derzeit gültige Umsatzsteuergesetz ein Flickwerk von teils absurden Ausnahmeregelungen, an dessen Reform sich seit Jahrzehnten keine Bundesregierung herantraut.

Das Rütteln an dem unübersichtlichen Gesetz, das beispielsweise Kartoffeln mit sieben, Süßkartoffeln aber mit 19 Prozent Steuern belegt und Trüffel gegenüber Babywindeln in gleicher Weise bevorzugt behandelt, ließe einen - wie man heute sagt - Shitstorm diverser Lobbygruppen über dem Gesetzgeber aufziehen.

Zweitens dürften die dann zumindest kurzfristig fehlenden Steuereinnahmen einem deutschen Finanzminister grundsätzlich schwer abzuringen sein.

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Kreislaufwirtschaft im Koalitionsvertrag

Immerhin: Ausgeschlossen ist es nicht, dem Vorbild Schweden zu folgen. Im zwischen SPD und CDU/CSU ausgehandelten Koalitionsvertrag heißt es: "Wir stehen für eine Weiterentwicklung des erfolgreichen deutschen Modells der Kreislaufwirtschaft. Anspruchsvolle Recyclingquoten, Wettbewerb und Produktverantwortung sollen dabei auch künftig die Leitplanken sein. Wir wollen (...) Abfallvermeidung und Recycling stärken, die Einsatzmöglichkeiten für recycelte Materialien verbessern und entsprechende Anreize sowie mögliche gesetzliche Pflichten prüfen."

Das klingt noch etwas vage. Aber vielleicht überrascht und ja die kommende Bundesregierung mit einem ganz konkreten, gleichermaßen verbraucher- und umweltfreundlichen Vorstoß in diese Richtung - und holt sich auch Rat bei der schwedischen Regierung und Walter Stahel.

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