Leben

Selbstversorgung: Warum das Dorf Ungersheim autark leben will

von
Stefan Adrian

In Ungersheim im Elsass fahren die Schüler mit einer Pferdekutsche zur Schule. Es ist Teil eines Maßnahmenkatalogs, der Ungersheim autark von Energie- und Lebensmittelversorgung machen soll.

Ansicht von Ungersheim. Im Vordergrund sind Fachwerkhäuser zu sehen, im Hintergrund ein Bergwerk.
Idylle im Elsass: Ungersheim setzt auf partizipative Demokratie und Autonomie. Foto: picture-alliance/Burkhard Juettner

Das erfahren Sie gleich:

  • So funktioniert die Selbstversorgung in Ungersheim
  • So schwierig ist es, autark zu leben
  • So plant Ungersheim die Zukunft

So funktioniert die Selbstversorgung in Ungersheim

Wer wissen will, was da los ist in Ungersheim, diesem Mekka der Selbstversorgung und des autarken Lebens, der kommt an einem Mann nicht vorbei. Einem Mann, der Sätze wie diesen sagt:

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Das heutige System ist darauf ausgelegt, zu spalten, damit die Leute und ihr Konsumverhalten besser kontrolliert werden können.

Die Aussage passt zu linker Kapitalismuskritik ebenso wie zu rechter Verschwörungstheorie. Vielleicht ist es daher kein Zufall, dass Jean-Claude Mensch überhaupt keiner Partei angehört. Seit 1989 ist der Franzose parteiloser Bürgermeister in Ungersheim im Elsass, einem etwas mehr als 2000 Einwohner zählenden Dorf an der Grenze zu Deutschland.

Unter dem Einfluss des Bürgermeisters hat sich Ungersheim der Transition-Bewegung des Briten Rob Hopkins angeschlossen. Diese beruht auf partizipativer Demokratie und vor allem auf Autonomie: Ungersheim möchte unabhängig von externer Nahrungs- und Energieversorgung sein, also autark leben. Erreicht werden soll die komplette Selbstversorgung durch das Programm "21 Maßnahmen für das 21. Jahrhundert".

So betreibt die kleine Gemeinde mittlerweile ein eigenes Solarkraftwerk auf 40 000 Quadratmetern, das an sonnigen Tagen zu 100 Prozent den Energiebedarf deckt. Ein Blockheizkraftwerk versorgt durch ein Fernwärmenetz mehrere öffentliche Gebäude. Und Ungersheim hat Pestizide und Düngemittel von seinen Feldern verbannt, die die eigene sowie umliegende Schulen mit Bio-Nahrungsmitteln versorgen.

Für deren Bestellung werden Langzeitarbeitslose re-integriert, und mit der lokalen Währung, dem "Radis" (zu deutsch: Radieschen), kann man bei etwa zehn Prozent der örtlichen Händler Wein, Obst und Gemüse kaufen, aber auch einen neuen Haarschnitt bekommen.

So schwierig ist es, autark zu leben

Über das kleine Dorf auf seinem Weg zur Selbstversorgung wurde auch bereits ein Film gedreht: "Qu’est-ce qu’on attend?"(zu deutsch: "Was erwarten wir?") der Filmemacherin Marie-Monique Robin zeigt auf, wie Ungersheim Alternativen zu einem kapitalistischen Wirtschaftssystem erprobt und dabei weg geht "vom politischen Standarddenken, vom Einheits- und Konsumdenken", wie Jean-Claude Mensch es bezeichnet.

Ein Pferd zieht einen Planwagen mit Kindern. Dahinter fährt ein weißes Auto.
Schulbus à la Ungersheim: Der Gaul Richelieu bringt die Kinder zu Schule.

Nicht alle Eltern lassen ihr Kind mit der Pferdekutsche zur Schule fahren. Viele bevorzugen das Auto.

Ungersheim ist jedoch kein Zauberland, in dem alle Hand in Hand friedlich in die Autonomie tanzen. Jean-Claude Mensch mag parteilos sein, der Elsass jedoch ist eine der Hochburgen der Front National. Bei den Präsidentschaftswahlen 2017 war Marine Le Pen stimmenstärkste Kandidatin vor Emmanuel Macron. Und nicht alle Eltern lassen ihre Kinder mit der Pferdekutsche – gezogen von Gaul Richelieu – in die Schule fahren, sondern bevorzugen das Auto. Autark leben ist manchmal auch unbequem.

So plant Ungersheim die Zukunft

Reibung ist also garantiert. Aber Mensch hat sein fünftes Mandat angetreten und ist entschlossen, weiter an den 21 Maßnahmen zur Selbstversorgung zu schrauben. Munter zählt er seine Ziele für 2018 auf, dazu zählen etwa die Sanierung eines partizipativen Lebensmittelgeschäfts, der Bau eines positiven Energiegebäudes für eine Mikrobrauerei, eine Obstpresse, die Schaffung einer Bio-Cafeteria und die Gründung eines städtischen Gemüseanbaus auf zwei Hektar zur Verbesserung der Versorgung der Gemeinschaftsküche.

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Elektromobilität kann eine interessante Alternative werden.

Bei so viel Autonomiebestreben und Energiebewusstsein scheint es fast paradox, dass Jean Claude Mensch Elektromobilität noch nicht in sein Projekt integriert hat. Was aber nicht heißt, dass das nicht der Fall sein wird. "In Ungersheim fehlt es an öffentlichen Verkehrsmitteln, Elektromobilität kann Beine interessante Alternative werden", sinniert Jean Claude Mensch bereits darüber nach.

Vielleicht kann Gaul Richelieu dann ja in die verdiente Rente gehen …

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