Leben

Schlaganfall-Therapie: E-Bike verbessert Erfolgschancen

von Gertrud Teusen

Fast 1,8 Millionen Deutsche haben schon mal einen Schlaganfall erlitten. Das E-Bike kann Betroffenen dabei helfen, motorische Fähigkeiten zurückzugewinnen.

Nahaufnahme eines Mannes, der auf einem Fahrrad sitzt.
Das E-Bike trainiert die Muskeln, ohne dass der Blutdruck steigt. Foto: Shutterstock/retoncy

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie stark Schlaganfall-Patienten vom E-Bike profitieren
  • Was Betroffene beachten müssen, bevor sie aufs Rad steigen
  • Was ein Schlaganfall ist und wer besonders gefährdet ist

Nach dem Schlaganfall aufs E-Bike

Reha-Maßnahmen sind für Schlaganfall-Patienten extrem wichtig. Viele von ihnen müssen motorische und kognitive Fähigkeiten von Grund auf neu erleben. Das Trainieren auf dem Ergometer gehört zu diesen Maßnahmen. Neu ist allerdings, dass bei der Schlaganfall-Therapie zunehmend die motorisierte Variante zum Einsatz kommt – und die ist mit einem E-Bike vergleichbar.

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Eine Studie aus den USA macht Mut, dass das Trainieren auf einem motorisierten Heimtrainer helfen könnte, die motorischen Fertigkeiten zu reaktivieren und im geschädigten Gehirn neue neurale Verbindungen entstehen zu lassen.

Die Studie umfasste 17 Überlebende eines Schlaganfalls im Alter von 23 bis 84 Jahren. Ihr Schlaganfall trat sechs bis zwölf Monate vor Beginn der Studie auf.

Zielsetzung der Schlaganfall-Therapie war es in erster Linie, den Betroffenen zu helfen, ihre Arme wieder zu benutzen. Einige von ihnen konnten beispielsweise keine Tasse halten, andere mussten das eigenständige Anziehen von Kleidung neu erlernen.

Die Patienten wurden zufällig einer von drei Gruppen zugeordnet: Die erste Gruppe übte auf einem motorisierten, stationären Fahrrad – also dem E-Bike ähnlichen Heimtrainer. Die zweite Gruppe trainierte auf einem herkömmlichen, stationären Fahrrad ohne Motor. Die dritte Gruppe wiederum wurde doppelt so lang wie die anderen Patientengruppen auf ein Standfahrrad geschickt.

Das E-Bike half den Patienten am besten

Nach acht Wochen zeigten die Patienten der ersten (E-Bike-) Gruppe eine Verbesserung von 34 Prozent der motorischen Fähigkeiten. Die Teilnehmer der anderen beiden Patientengruppen verbesserten sich ebenfalls, allerdings nur um 16 bzw. 17 Prozent.

Patienten können verlorene motorische Funktionen wiederfinden und ihre Lebensqualität verbessern.

Susan Lindner, Physiotherapeutin an der Cleveland Clinic

Besonders erstaunlich war, dass die Teilnehmer der E-Bike-Gruppe selbst über mehr Lebensqualität berichteten. Ihre Neigung zu depressiven Stimmungen ging merklich zurück. Frühere Forschungen haben gezeigt, dass beispielsweise Aerobic-Übungen dem Gehirn helfen, neue Informationen zu lernen, und dass regelmäßiges Training auf einem motorisierten stationären Fahrrad auch Parkinson-Patienten zugutekommt.

„Aerobes Training (zum Beispiel durch E-Biking) kann helfen, die Fähigkeit des Gehirns zu verbessern, sich neu zu organisieren und neue Verbindungen zu bilden“, sagt Susan Linder, Physiotherapeutin an der Cleveland Clinic. „Wir verbessern mit dem E-Bike-Training nicht nur die motorischen Fähigkeiten, sondern verbessern auch die kardiovaskuläre Gesundheit.“

Schlaganfall-Therapie zurück ins Leben

Schlaganfallpatienten sollten sich unbedingt ärztliche untersuchen lassen, bevor sie aufs Fahrrad steigen. Radfahren ist zwar per se eher sanft und schonend, dennoch können Belastungsspitzen zu ernsten Komplikationen führen. Deshalb wird in der Schlaganfall-Therapie zunächst auf Fahrradergometern (mit oder ohne Motor-Unterstützung) geübt, bevor es auch draußen auf die E-Bikes gehen kann.

Eine Gruppe von Männern trainiert auf Ergometern.
Training auf dem Ergometer gehört schon heute zur Schlaganfall-Therapie. Foto: Shutterstock / Kzenon

Der extreme Vorteil vom E-Bike: Körper und Herzkreislaufsystem können beim Treten das Aktivieren der großen Muskelgruppen ohne große Blutdruckanstiege trainieren.

Am Besten eignen sich E-Bikes, die sich auch über die Herzfrequenz steuern lassen. Der Nutzer kann also die individuelle Obergrenze eingegeben, und das E-Bike unterstützt bei Bedarf bis zu 100 Prozent, um die angegebene Herzfrequenzobergrenze nicht zu überschreiten.

Mit dem E-Bike erreichen Patienten – medizinisch betrachtet – mehrere Ziele: Sie können Übergewicht reduzieren, die Sauerstoffaufnahme des Körpers steigern und durch die Endorphine, die bei Bewegung ausgeschüttet werden, mehr Lebensfreude zurückgewinnen. Und genau das deckt sich mit den drei Hauptproblemen von Schlaganfall-Patienten. Nämlich: Übergewicht, Konditionsschwäche und Depression.

Durch die gleichmäßige Bewegung bei niedriger Pulsfrequenz kurbelt das Fahren auf dem E-Bike den Fettstoffwechsel an. Der Fahrer bewegt sich stets gesund und gelenkschonend, stärkt sein Immunsystem und die Abwehrkräfte, senkt das Risiko für Übergewicht, Diabetes und Herzkrankheiten.

Mit E-Motor-Unterstützung sind die Zeiten vergessen, in denen man nur mit hoch rotem Kopf Anhöhen erklimmen konnte. Elektroradfahrer sind oftmals fitter als vergleichbare Radfahrer, da sie in der Regel dreimal länger und dreimal häufiger fahren. E-Bikes erlauben weitere Runden mit vielen Eindrücken – und das an der frischen Luft, was der Seele und dem Hormonhaushalt gut tut.

Hintergrund: Was ist ein Schlaganfall?

Der Begriff „Schlaganfall“ bezeichnet einen schlagartig auftretenden Ausfall von Gehirnfunktionen. Es ist der Oberbegriff für die akute Schädigung von Hirnarealen, die entweder infolge eines Gefäßverschlusses oder durch eine Hirnblutung entsteht.

Laut der rki-Gesundheitsmonitoring haben hierzulande rund 1,76 Millionen Erwachsene mindestens einmal in ihrem Leben einen Schlaganfall erlitten. Etwa zwei Drittel aller Betroffenen behalten nach einem Schlaganfall Beeinträchtigungen zurück.

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„Im ersten Jahr nach einem Schlaganfall entwickeln rund 30 Prozent der Patienten Ängste oder Depressionen, und zehn Prozent zeigen einen relevanten kognitiven Abbau“, sagt Professor Dr. Armin Grau von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. Die Nachsorge, insbesondere auch in Bezug auf die Motorik, sei deshalb extrem wichtig. Grau: „Neu ist, dass es immer häufiger junge Menschen trifft."

Mehrere internationale Studien bestätigen diese Beobachtungen. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre stieg demnach in der Gruppe der 18- bis 34-jährigen Frauen die Zahl der Schlaganfälle um 32 Prozent, die der Männer in der gleichen Altersgruppe um immerhin 15 Prozent. Dieses Ergebnis überraschte sogar die Wissenschaftler, denn unter Senioren geht die Zahl der schweren Schlaganfälle leicht zurück.

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