Leben

Sekundenschlaf und Müdigkeit: Risiko im Straßenverkehr

von Gertrud Teusen

Jeder vierte Unfall auf Autobahnen passiert durch Sekundenschlaf. Hinterm Steuer einzunicken kann schnell passieren. aio verrät, wie Sie es vermeiden.

Ein verschwommener Blick auf die Straße.
Bei Müdigkeit nimmt die Reaktionsfähigkeit hinterm Steuer signifikant ab. Foto: Shutterstock/Kunchit prompheat

Das erfahren Sie gleich:

  • Warum sich der Biorhythmus nicht austricksen lässt
  • Wie sich die plötzliche Müdigkeit ankündigt
  • Wie Müdigkeitswarnsysteme vor Sekundenschlaf schützen sollen
  • Was wirklich gegen Sekundenschlaf hilft

Sind Sie schon einmal längere Zeit auf der Autobahn gefahren und haben plötzlich festgestellt, dass Sie nicht mehr wissen, wo Sie gerade sind? Das Phänomen nennt sich "Autobahntrance" und ist oft der Vorbote des Sekundenschlafs.

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Der Sekundenschlaf wird in der Medizin als Müdigkeitsattacke bezeichnet. Darunter versteht man das ungewollte Einnicken bei langen Autofahrten. Mediziner gehen davon aus, dass es sich dabei um eine spontane "Notwehrreaktion" des Körpers handelt. Davor sind selbst Autofahrer nicht gefeit, die sich bester Gesundheit erfreuen.

Meistens fallen den Fahrern die Augen lediglich eine halbe Sekunde zu – in manchen Fällen kann der Sekundenschlaf jedoch auch 30 Sekunden andauern. Manchmal reagiert der Organismus damit auf Schlafstörungen, auf körperliche und seelische Erschöpfung oder zu lange Konzentration in einem monotonen Umfeld. Es gibt also viele Gründe, warum der Körper plötzlich auf "Stand-by" schaltet.

Der ADAC hat ausgerechnet, dass schon eine Sekunde Unaufmerksamkeit bei einer Geschwindigkeit von 130 km/h zu 36 Metern Blindflug führt.

Der Biorhythmus lässt sich nicht austricksen

Die Nacht von Freitag auf Samstag zwischen zwei und vier Uhr ist die gefährlichste: Gerade in dieser Zeitspanne passieren auf deutschen Straßen die meisten Unfälle. Selbst ausgeschlafene und gesunde Menschen können sich nachts schlechter konzentrieren, weil der Biorhythmus dann aufs Schlafen eingestellt ist und sich die innere Uhr nicht so ohne Weiteres umstellen lässt.

Es ist mehr so ein Gefühl, dass man nach einer anstrengenden Woche schnell nach Hause will und mit den Gedanken schon im Wochenende ist, das Menschen risikobereiter werden lässt. Darüber hinaus gibt es noch andere Gründe, die einen Sekundenschlaf begünstigen:

  • Zu lange Wachphasen: Je länger Menschen wach sind, desto mehr verspürt der Körper das Bedürfnis zu schlafen
  • Zu wenig Schlaf: Der Organismus, der über Tage und Wochen zu wenig Schlaf bekommt, wählt einen unbestimmten Zeitpunkt ohne Vorwarnung, um das Versäumte nachzuholen
  • Zu lange Fahrzeiten: Gerade auf dem Weg in den Urlaub ignorieren viele Autofahrer ihre Leistungsgrenzen und machen zu wenige Pausen
  • Krankheiten: Personen, die an Schlafstörungen oder Atemaussetzern in der Nacht (Schlafapnoe) leiden, sind ebenfalls anfälliger für den Sekundenschlaf

Erhöhtes Risiko bei Schlafapnoe und Narkolepsie

Experten zufolge sind ungefähr 25 Prozent der Unfälle auf deutschen Straßen auf plötzliche Schlafattacken zurückzuführen. Die Schlafforscherin Sylvia Kotterba vom Uniklinikum Bochum berichtete auf einem Kongress über die besonderen Schwierigkeiten der betroffenen Patienten.

Nach ihrem Bericht haben Patienten mit Narkolepsie ein siebenfach erhöhtes Risiko in Sekundenschaf zu fallen und dadurch einen Unfall zu verursachen. Bei Autofahrern, die unter Schlafapnoe leiden, ist die Unfallgefahr viermal höher.

Sollten diese Personen für einen Unfall verantwortlich sein, wird häufig auf verminderte Schuldfähigkeit plädiert. Doch das Gegenteil ist der Fall, erklärte die Schlafexpertin Kotterba in einem Bericht der Medical Tribune:

Nach aktueller wissenschaftlicher Meinung und Rechtsprechung wird davon ausgegangen, dass ein Betroffener Müdigkeit bemerkt.

Schlafforscherin Sylvia Kotterba

In schweren Fällen bedeuten einige Sekunden Schlaf dann mehrere Monate Haft – darüber hinaus wird der Versicherungsschutz eingeschränkt und der Führerschein entzogen.

In Paragraf 315c des Strafgesetzbuches (StGB) heißt es dazu:

„Wer im Straßenverkehr ein Fahrzeug führt, obwohl er infolge geistiger oder körperlicher Mängel nicht in der Lage ist, das Fahrzeug sicher zu führen und dadurch Leib oder Leben eines anderen Menschen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Wie sich die Müdigkeit im Straßenverkehr ankündigt

Die plötzliche Müdigkeit und das Einnicken am Steuer kommen selten aus dem Nichts, sondern kündigen sich an. Achten Sie deshalb auf diese ersten Anzeichen:

  • Auffällig ist beispielsweise das Gähnen. Das ist ein Trick des Gehirns, um eine extra Portion Sauerstoff zu tanken, um das Einschlafen zu verhindern
  • Besonders lästig und ein echtes Warnsignal ist es auch, wenn die Augen brennen und tränen
  • Plötzliches Frösteln und unerwartetes Kältegefühl sprechen ebenfalls für einen erschöpften Fahrer
  • Das ultimative Warnsystem des Körpers ist das plötzliche Zusammenzucken

Eine Frau steckt den Kopf aus dem Autofenster.
Frische Luft hält wach – und schützt vor Sekundenschlaf im Straßenverkehr. Foto: Shutterstock/ViChizh

Warnsysteme: Wenn die Kaffeetasse blinkt

Mehr als ein Viertel aller Unfälle auf Autobahnen werden von übermüdeten Fahrern verschuldet. Deshalb arbeiten die Fahrzeugersteller seit einigen Jahren auch an Assistenzsystemen, die die Aufmerksamkeit der Fahrzeugführer zu messen versucht und diese auf verschiedene Weise vor der Weiterfahrt warnen oder zu Pausen raten soll. Der Hintergrund ist die Erkenntnis, dass bereits eine vierstündige Autofahrt die Konzentrationsfähigkeit des Fahrers um die Hälfte reduziert.

Die Idee hinter den Müdigkeitswarnsystemen: Wer müde wird, macht öfter kleine Lenkfehler und versucht, sie abrupt zu korrigieren. Das erkennt die Elektronik, die als Lenkwinkelsensor oftmals als Teil des Schleuderschutzes ESP verbaut ist. Auch die Fahrtdauer, das Blinkverhalten oder die Betätigung der Pedale fließen in die Berechnung ein.

Verschiedene Hersteller bieten unterschiedliche Systeme aufgrund verschiedener Parameter an. Diese sind beispielsweise:

  • Lenkverhalten
  • Fahrstil
  • Fahrdauer
  • Uhrzeit
  • Blinkverhalten
  • Eventuell Frontkamera-Auswertung

Sowohl die Techniken zur Messung der Fitness der Fahrer wie auch die Bezeichnungen für diese Warnsysteme unterscheiden sich je nach Hersteller. Noch schaut ein Müdigkeitswarner (auch Aufmerksamkeitsassistent genannt) dem Fahrer nicht ins Gesicht.

Volvo arbeitet aber bereits an einem System, das anhand von Gesichtsmimik erkennt, ob ein Fahrer einzuschlafen droht. Zumeist beschränkt sich die Müdigkeitserkennung aber auf Auswertung des Fahrverhaltens.

Dabei wird zu Beginn einer Fahrt das "normale Fahrverhalten" gescannt und als Basisinformation gespeichert. Kommt es dann im Verlauf der Fahrt zu Abweichungen vom Basiswert, weil der Fahrer beispielsweise die Spur schlecht halten kann oder abrupt bremst, erscheinen unterschiedliche optische (zum Beispiel als Symbol in Form einer Kaffeetasse) und akustische Warnhinweise.

Kaffee oder Tee? Was bei Sekundenschlaf hilft

Wer einem Sekundenschlaf vorbeugen will, sollte sich nur ausgeschlafen und hellwach ans Steuer setzen. Grau ist alle Theorie und die Realität sieht oft anders aus, worauf man aber trotzdem achten sollte:

Updates

Bleiben Sie zum Thema Leben immer informiert.

  • Regelmäßige Pausen auf längeren Strecken: Wenn Sie eine mehrstündige Autofahrt planen, dann planen Sie die Pausen gleich mit: Alle 90 Minuten sind 15-Minuten-Stopps ideal
  • Achten Sie auf Ihre innere Uhr: Zwischen zwei und vier Uhr morgens tickt sie besonders langsam und fordert damit den nötigen Schlaf ein. Optimal ist auch ein Nickerchen von bis zu 30 Minuten
  • Leichte Kost statt schwerer Mahlzeiten: Sich nüchtern hinters Steuer zu setzen ist keine gute Idee. Vermeiden Sie aber schwere Mahlzeiten und Fast Food, denn beides verstärkt die Müdigkeit. Besser ist leicht Verdauliches und Obst
  • Während der Pause Sauerstoff tanken: Wenn Sie schon mal eine Pause machen, dann bewegen Sie sich an frischer Luft. Sauerstoff ist genau das, was Ihr Körper braucht, um frisch und leistungsfähig zu bleiben. Und auch während der Fahrt sorgen Sie für eine ausreichende Frischluftzufuhr durch geöffnete Fenster

Was garantiert nicht hilft: Kaffee oder andere koffeinhaltigen Getränke wirken nur für einen begrenzten Zeitraum und sind nicht geeignet, um Sekundenschlaf zu vermeiden. Der Mythos vom doppelten Espresso an der Tankstelle oder dem Energydrink hält sich hartnäckig, ebenso wie laute Musik den müden Autofahrer wieder munter machen soll. Aber das sind eben nur Mythen und was nach dem Koffein-Schock folgt, ist meist eine noch größere Müdigkeit.

Gegen Müdigkeit am Steuer gibt es nur eine Abhilfe: Rechts ran, Lehne runter und ein Nickerchen halten. Anschließend einige Dehn- und Streckübungen auf dem Parkplatz und die Reise kann weitergehen.

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