Leben

ÖPNV: Deshalb finden viele ihn schrecklich – und das hilft

von Leonie Butz

Evolutionsbiologisch ist der ÖPNV eine Qual – warum das so ist und was Verkehrsunternehmen tun können hat Doktor Elisabeth Oberzaucher untersucht

Menschen halten sich in einem Bus oder eine Straßenbahn an den Handschlaufen fest.
Dicht an dicht: Die Enge in öffentlichen Nahverkehrsmitteln passt nicht zur Natur des Menschen. Foto: Shutterstock / XiXinXing

Das erfahren Sie gleich:

  • Warum sich unsere Abneigung gegen den ÖPNV evolutionsbiologisch erklären lässt
  • Was Verkehrsunternehmen dagegen tun können
  • Wie für Evolutionsbiologin Doktor Elisabeth Oberzaucher der perfekte Verkehr aussieht

Doktor Elisabeth Oberzaucher ist Evolutionsbiologin und -psychologin. In ihrem Buch „Homo urbanus“ beschäftigt sie sich mit dem menschlichen Leben und Verhalten in Städten – und wie es beschaffen sein müsste, damit der Mensch sich wohl fühlt.

Mit aio hat Dr. Oberzaucher über den evolutionsbiologischen Blick auf den öffentlichen Nahverkehr gesprochen – und was Verkehrsunternehmen tun können, um den ÖPNV attraktiv zu gestalten.

Die Abneigung gegen den ÖPNV – aus evolutionsbiologischer Sicht

aio: Warum ist es für die meisten Menschen so unangenehm, mit dem ÖPNV zu fahren?
Doktor Elisabeth Oberzaucher: Da gibt es mehrere Gründe: Eines der Hauptprobleme sind die anderen Menschen. Denn es entstehen Konflikte zwischen eigenen Zielen und den Zielen der anderen. Wir wollen in Ruhe gelassen werden und möglichst schnell an unser Ziel kommen. Aber wir müssen Rücksicht nehmen auf andere Menschen. Auf der anderen Seite sind hingegen Menschen die essen, laut sind oder nicht gut riechen.

Zu diesen Toleranzproblemen kommt die kognitive Herausforderung, den Überblick zu behalten. Das lässt sich evolutionsbiologisch erklären: Die Vergrößerung der Gruppen, in denen wir gelebt haben hat auch die Größe des Gehirns beeinflusst. Denn wir müssen immer mehr Informationen verarbeiten.

Ein weiteres Problem ist der Kontrollverlust: Denn wir sitzen nicht selbst hinter dem Steuer. Wir fragen uns, wann denn tatsächlich die nächste Bahn kommt. Aber dabei merken wir nicht, dass wir die Kontrolle im Individualverkehr überschätzen. Aspekte wie Stau oder die Parkplatzsuche nehmen uns die Kontrolle – aber wir sitzen selbst am Steuer. Dadurch entsteht die Illusion, Herr bzw. Herrin der Lage zu sein.

Ebenfalls ein Problem ist die Informationspolitik des öffentlichen Nahverkehrs. Die klassischen Papierfahrpläne geben Intervalle oder Zeiten an, in denen der Bus oder die Bahn fährt. Um ein Stück Kontrolle zurückzugewinnen, sollten Echtzeitangaben diese Pläne ergänzen. So habe ich als Fahrgast die Möglichkeit zu entscheiden, ob ich stehenbleibe, zu Fuß gehe oder mir noch kurz einen Kaffee besorge.

Was können wir gegen das ungute Gefühl in Bus und Bahn tun?
Zu Stoßzeiten sind überfüllte Bahnen und Busse unvermeidlich, in denen die Individualdistanz unterschritten wird. Viele Menschen haben deshalb Strategien entwickelt, wie sie dem entgehen können. Sie fahren etwa nicht mit der Bahn um 17 Uhr, da sie immer überfüllt ist.

Das können Verkehrsunternehmen tun

Was muss sich beim ÖPNV ändern, damit er wieder attraktiv wird?
Strukturelle Maßnahmen von Seiten der Verkehrsbetriebe sind eine Lösung. Einer der wichtigsten Aspekte ist die Inneneinrichtung. Dabei spielt vor allem der Platz eine entscheidende Rolle – genauer gesagt die Reduzierung der Sitzplätze. Das ist – nicht nur aus Sicht der Verkehrsbetriebe – aber eine unpopuläre Maßnahme. Dadurch ließen sich die Sitzplätze jedoch aufwerten und das Stehen angenehmer machen.

Auch Einzelsitzplätze können den Komfort deutlich erhöhen – denn sie zwingen uns nicht, neben fremden Leuten zu sitzen.

Hier handelt es sich jedoch um ein emotional besetztes Thema. Zum einen liegt das daran, dass die Entwicklung von neuen Lösungen von Technikern getragen wird, die vornehmlich in Zahlen und Daten sprechen. Die Quantität lässt sich problemlos in Zahlen ausdrücken, die Qualität der Verkehrsmittel jedoch nicht, sie ist nicht physisch messbar. Aber auch die Politik und die Fahrgastvertreter zögerten anfänglich, denn sie legen auf die Anzahl der Sitzplätze wert.

Doktor Elisabeth Oberzaucher
Mit aio hat Doktor Elisabeth Oberzaucher über den ÖPNV, Verkehrsunternehmen und ihren Traum vom Verkehr der Zukunft gesprochen. Foto: Sabine Oberzaucher

Aber letztendlich wurde das Konzept umgesetzt?
Ja. Und die positive Resonanz der Fahrgäste spricht für sich. Denn bei den Neuanschaffungen setzen die Wiener Verkehrsbetriebe – und auch andere Verkehrsbetriebe des Landes – bereits auf das Konzept von weniger Sitzplätzen und mehr qualitativem Raum in Bussen und Bahnen. Sie berücksichtigen menschliche Bedürfnisse – und verändern so auch das Verhalten der Passagiere positiv, das Ein- und Aussteigen etwa wird flüssiger.

Zwei Verkehrsunternehmen aus Deutschland sind übrigens auch an dem Konzept interessiert.

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Der perfekte ÖPNV

Wie sieht in ihren Augen der ideale Verkehr der Zukunft aus?
Das ideale Verkehrskonzept sieht in öffentlichem und Individualverkehr keine Konkurrenz. Stattdessen kombiniert er die beiden möglichst nachhaltig miteinander. Ein Beispiel: Ich fahre täglich von Hannover nach Bielefeld, weil ich dort arbeite. Mein Arbeitsplatz liegt etwas außerhalb des Stadtzentrums, also brauche ich für die letzte Meile einen Bike- oder Car-Sharing-Dienst. Bisher gibt es hier aber kaum Kooperationen – es steckt jedoch viel Potenzial in der Ergänzung des öffentlichen Verkehrs durch Sharing-Modelle.

Mein Traum – und der Traum eines jeden Fahrgastes – ist es, dass man einfach einsteigt und ein Weltticket löst.

Den Verkehrsunternehmen fehlt der Mut, sich mit den Anbietern zusammenzuschließen. Und bei vielen Verbunden ist es unnötig kompliziert, an ein Ticket zu kommen. Es wäre viel simpler, alles über eine Plattform buchen zu können – Bahn, Bus und individuelles Verkehrsmittel für die letzte Meile. Oder wir lösen einfach ein Weltticket, mit dem wir einfach alle Verkehrsmittel nutzen können. Aber das bleibt wohl eher ein Traum.

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