Leben

Öffentlicher Nahverkehr kostenlos: Das sind die Vorteile

von Carsten Fischer

Politiker beraten über die Möglichkeit eines kostenfreien öffentlichen Nahverkehrs in Deutschland. Wir sagen, was es wirklich bringt.

Ein Nahverkehrzug fährt auf einer Brücke über einen Fluss
Das Leben in vollen Zügen genießen: Bahn fahren kostenlos zu machen könnte den öffentlichen Nahverkehr überfordern, warnen Kritiker. Foto: picture alliance / ZB

Das erfahren Sie gleich:

  • Politik diskutiert heiß über eine Revolution im öffentlichen Nahverkehr. Wir nennen die Vorteile und die Nachteile
  • Ein Pilotprojekt zum kostenlosen Bahnfahren läuft Ende des Jahres in ausgewählten deutschen Städten an
  • Bedingungsloses Grundeinkommen als nächster Schritt?

Öffentlicher Nahverkehr: Politiker diskutieren

Im Zuge des sich immer schneller und dramatischer vollziehenden Klimawandels entfachten zahlreiche Politiker eine Debatte um den öffentlichen Nahverkehr. Aus wessen Geist die Idee des kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs nun wirklich stammt, lässt sich aber nur schwer nachvollziehen. Fest steht allerdings: Da die Diskussion rasant an Fahrt aufgenommen hat, pochen viele auf den eigenen Namen.

Hintergrund: Dass Deutschland nach wie vor zu viel Kohlenstoffdioxid ausstößt, ist kein Geheimnis. Um die aus Brüssel vorgegebenen Richtlinien zu erfüllen, ist es für die Bundesrepublik zwingend notwendig, die Emissionen signifikant zu senken. Andernfalls drohen finanzielle Sanktionen.

Neben der zu hohen CO2-Emission leiden viele Großstädte auch unter zu hohen Feinstaubwerten. Die Stuttgarter Innenstadt überschreitet den Maximalwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft beispielsweise nahezu täglich. Viele Institutionen und Naturschutzverbände behandeln das Thema derzeit dezidiert, haben aber noch keine Komplettlösung parat.

Wird Bahn fahren demnächst kostenlos?

Hier kommt neben dem Ausbau der Elektromobilität der öffentliche Nahverkehr ins Spiel: Fünf deutsche Städte starten Ende des Jahres ein Pilotprojekt, bei dem die Bürger die öffentlichen Verkehrsmittel kostenfrei nutzen können – zahlen wird der Bund. Neben den Städten Reutlingen, Mannheim und Herrenberg in Baden-Württemberg startet der Versuch auch in Essen und Bonn. Bei den Bürgern kommt die Idee erwartungsgemäß gut an, eben auch weil der Bund das Unterfangen zahlt.

Das sind die Vorteile des kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs:

  • Autofahrer, die bisher nur die Kosten für einen Fahrschein im Blick hatten, aber nicht die Kilometerkosten ihres Autos, könnten nun umstiegen.
  • Fahren tatsächlich weniger Menschen mit ihrem Verbrenner, sinken die CO2-Emissionen und die Feinstaubbelastung.
  • Mobilität wird sozialer – auch Menschen mit wenig oder keinem Einkommen könnten mobil sein.

Überhaupt dreht sich alles um die Finanzierung: Diese muss bei einem flächendeckenden kostenlosen öffentlichen Nahverkehr nachhaltig sichergestellt sein und es dürfen keine zusätzlichen Belastungen für Bürger und Kommunen entstehen.

Menschen warten an einer Bahnstation
Nächste Station: Mobilität für alle. Mit kostenlosem öffentlichen Nahverkehr könnten auch Menschen ohne Einkommen mobil sein. Foto: Unsplash/Franz Spitaler

Mit Argusaugen verfolgen die Verkehrsminister der jeweiligen Länder die Debatte. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) äußerte sich vergangene Woche zurückhaltend zu dem Thema: „ÖPNV zum Nulltarif würden die Kommunen nur mit tatkräftiger finanzieller Unterstützung durch den Bund anbieten können.“

Hochrechnungen zu einem erhöhten Fahrgastaufkommen gibt es noch nicht. Klar ist aber dennoch, dass für eine Großstadt wie Mannheim viele neue Busseund Bahnen organisiert werden müssen. Damit einher geht eine neue Taktung der Abfahrtszeiten über die Stadtgrenzen hinaus. Hier wartet schon das nächste Problem: Wie verhält sich die Bezahlung bei einer Fahrt außerhalb des gesponserten Areals?

Die Nachteile des kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs:

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  • Die Kosten belasten die öffentlichen Haushalte. In Hasselt (Belgien) ist der kostenlose öffentliche Nahverkehr nach 17 Jahren wieder abgeschafft worden, weil die Stadt sich die Ausgaben nicht mehr leisten konnte.
  • Die öffentlichen Verkehrsmittel sind jetzt schon in vielen Städten an der Kapazitätsgrenze, das Angebot müsste massiv ausgebaut werden. Der Fahrgastverband Igeb schätzt, das in Deutschland ein Milliardenprogramm an Investitionen nötig wäre.
  • Experten fürchten, dass nicht in erster Linie Autofahrer auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigen, sondern vor allem Fußgänger und Fahrradfahrer.

Danach bedingungsloses Grundeinkommen?

Die Debatte um den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr in Deutschland erhitzt die Gemüter ähnlich stark wie die über das bedingungslose Grundeinkommen. Das in Finnland erstmals durchgeführte Projekt hat überraschend positive Ergebnisse gebracht: Seit Anfang 2017 erhalten 2000 zufällig ausgewählte Bürger 560 Euro im Monat – egal ob sie es brauchen oder nicht. Sie müssen nicht einmal auf Arbeitssuche sein.

Das Groß der Teilnehmer berichtet, dass sie mehr Lust haben, einen Arbeitsplatz zu suchen und mehr Zeit finden, um mögliche Geschäftsideen zu verfolgen. Somit scheint das Hauptargument zahlreicher Kritiker gegen kostenlose Leistungen, zumindest in Finnland, vorerst entkräftet.

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