Leben

Öffentlicher Nahverkehr: Grüne setzen sich für Ein-Euro-Ticket ein

von Carsten Fischer

Politiker beraten über die Möglichkeit eines vergünstigten oder sogar kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs. Doch welche Vor- und Nachteile hätte das?

Ein Nahverkehrzug fährt auf einer Brücke über einen Fluss
Das Leben in vollen Zügen genießen: Bahn fahren kostenlos zu machen könnte den öffentlichen Nahverkehr überfordern, warnen Kritiker. Foto: picture alliance / ZB

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie die Grünen den Nahverkehr durch geringe Preise attraktiver machen wollen
  • Welche Vorteile ein vollkommen kostenloser ÖPNV hätte
  • Welche Schritte den Bürgern sonst finanziell unter die Arme greifen sollen

Im Zuge des sich immer schneller und dramatischer vollziehenden Klimawandels entfachten zahlreiche Politiker eine Debatte um den öffentlichen Nahverkehr. Aus wessen Geist die Idee des kostenlosen ÖPNV nun wirklich stammt, lässt sich aber nur schwer nachvollziehen. Fest steht allerdings: Da die Diskussion rasant an Fahrt aufgenommen hat, pochen viele auf den eigenen Namen.

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Die Umsetzung der Idee dürfte dennoch eine ganze Weile dauern. Die Grünen setzen sich deshalb für eine bezahlbare Zwischenlösung ein. So liegt die Last der notwendigen Veränderung beim Schadstoffausstoß nicht allein auf der Elektromobilität.

Grüne fordern stark vergünstigten ÖPNV

Wer mit dem Bus oder der Bahn unterwegs ist, spart sich nicht nur nervenaufreibende Staus zu den Stoßzeiten, sondern sorgt auch für sinkende Emissionswerte in großen Städten. Der ÖPNV könnte also das Zünglein an der Waage sein, wenn es um einen grüneren Verkehr geht.

Das ist auch der Parteispitze der Grünen klar. Gegenüber der Bild am Sonntag äußerte sich Fraktionschef Anton Hofreiter zu einer möglichen Zukunft der öffentlichen Verkehrsmittel. Demnach sollen die Verkehrsverbunde ein Ein-Euro-Ticket einführen, mit dem Kunden den ganzen Tag über Busse und Bahnen nutzen können.

Die Kosten für tägliche Fahrten im ÖPNV betragen mit so einem Ticket höchstens 365 Euro pro Jahr. Doch das soll nur der Anfang sein, denn die Grünen planen in den nächsten Schritten ein übergreifendes Ticket für Öffis, Car- sowie Bikesharing-Dienste und eine geringere Besteuerung von Bahntickets im Fernverkehr von sieben statt 19 Prozent.

Fünf deutsche Städte wollen noch 2018 ein Pilotprojekt starten, bei dem die Bürger die öffentlichen Verkehrsmittel für einen Euro pro Tag nutzen können – die Verluste zahlt der Bund. Neben den Städten Reutlingen, Mannheim und Herrenberg in Baden-Württemberg sind auch Essen und Bonn dabei. Einziger Haken: Die Kunden müssen ein Jahresabo für 365 Euro abschließen.

Wird Bahn fahren demnächst kostenlos?

Noch im Februar standen Pläne für einen vollkommen kostenlosen Nahverkehr mit Bus und Bahn zur Debatte. Auch weiterhin beschäftigen sich Politik, Länder, Städte und Kommunen mit einer möglichen Umsetzung. Doch was sind die Vor- und Nachteile?

Das sind die Vorteile des kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs:

  • Autofahrer, die bisher nur die Kosten für einen Fahrschein im Blick hatten, aber nicht die Kilometerkosten ihres Autos, könnten nun umstiegen.
  • Fahren tatsächlich weniger Menschen mit ihrem Verbrenner, sinken die CO2-Emissionen und die Feinstaubbelastung.
  • Mobilität wird sozialer – auch Menschen mit wenig oder keinem Einkommen könnten mobil sein.

Überhaupt dreht sich alles um die Finanzierung: Diese muss bei einem flächendeckenden kostenlosen öffentlichen Nahverkehr nachhaltig sichergestellt sein und es dürfen keine zusätzlichen Belastungen für Bürger und Kommunen entstehen.

Menschen warten an einer Bahnstation
Nächste Station: Mobilität für alle. Mit kostenlosem öffentlichen Nahverkehr könnten auch Menschen ohne Einkommen mobil sein. Foto: Unsplash/Franz Spitaler

Mit Argusaugen verfolgen die Verkehrsminister der jeweiligen Länder die Debatte. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) äußerte sich zurückhaltend zu dem Thema: „ÖPNV zum Nulltarif würden die Kommunen nur mit tatkräftiger finanzieller Unterstützung durch den Bund anbieten können.“

Hochrechnungen zu einem erhöhten Fahrgastaufkommen gibt es noch nicht. Klar ist aber dennoch, dass für eine Großstadt wie Mannheim viele neue Busseund Bahnen organisiert werden müssen. Damit einher geht eine neue Taktung der Abfahrtszeiten über die Stadtgrenzen hinaus. Hier wartet schon das nächste Problem: Wie verhält sich die Bezahlung bei einer Fahrt außerhalb des gesponserten Areals?

Die Nachteile des kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs:

  • Die Kosten belasten die öffentlichen Haushalte. In Hasselt (Belgien) ist der kostenlose öffentliche Nahverkehr nach 17 Jahren wieder abgeschafft worden, weil die Stadt sich die Ausgaben nicht mehr leisten konnte.
  • Die öffentlichen Verkehrsmittel sind jetzt schon in vielen Städten an der Kapazitätsgrenze, das Angebot müsste massiv ausgebaut werden. Der Fahrgastverband Igeb schätzt, das in Deutschland ein Milliardenprogramm an Investitionen nötig wäre.
  • Experten fürchten, dass nicht in erster Linie Autofahrer auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigen, sondern vor allem Fußgänger und Fahrradfahrer.

Deutschland muss dringend Emissionen senken

Dass Deutschland nach wie vor zu viel Kohlenstoffdioxid ausstößt, ist kein Geheimnis. Um die aus Brüssel vorgegebenen Richtlinien zu erfüllen, ist es für die Bundesrepublik zwingend notwendig, die Emissionen signifikant zu senken. Andernfalls drohen finanzielle Sanktionen.

Neben der zu hohen CO2-Emission leiden viele Großstädte auch unter zu hohen Feinstaubwerten. Die Stuttgarter Innenstadt überschreitet den Maximalwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft beispielsweise nahezu täglich – und plant deshalb für 2019 Diesel-Fahrverbote. Viele Institutionen und Naturschutzverbände behandeln das Thema derzeit dezidiert, haben aber noch keine Komplettlösung parat.

Danach bedingungsloses Grundeinkommen?

Die Debatte um den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr in Deutschland erhitzt die Gemüter ähnlich stark wie die über das bedingungslose Grundeinkommen.

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Das in Finnland erstmals durchgeführte Projekt hat überraschend positive Ergebnisse gebracht: Seit Anfang 2017 erhalten 2000 zufällig ausgewählte Bürger 560 Euro im Monat – egal ob sie es brauchen oder nicht. Sie müssen nicht einmal auf Arbeitssuche sein.

Das Groß der Teilnehmer berichtet, dass sie mehr Lust haben, einen Arbeitsplatz zu suchen und mehr Zeit finden, um mögliche Geschäftsideen zu verfolgen. Somit scheint das Hauptargument zahlreicher Kritiker gegen kostenlose Leistungen, zumindest in Finnland, vorerst entkräftet.

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