Leben

Mindesthaltbarkeitsdatum – hat es jetzt ausgedient?

von Leonie Butz

Viel zu viel Essen landet in der Tonne – dem Mindesthaltbarkeitsdatum und der Verschwendung haben Molkereien in Norwegen den Kampf angesagt.

Nichts für die Tonne: Mit Apps essen retten
Zu viel Essen landet in der Tonne: Einige Apps bieten Gastronomien oder Privatpersonen Plattformen, um übriggebliebene Lebensmittel zu verschenken oder günstig zu verkaufen. Foto: CC0: Unsplash/Charles Deluvio

Das erfahren Sie gleich:

  • Rund 18 Millionen Tonnen Essen landet in Deutschland jährlich in der Tonne
  • In Norwegen haben Molkereien deshalb das Mindesthaltbarkeitsdatum umformuliert
  • Apps helfen Unternehmen und Privatpersonen, weniger Essen zu verschwenden

Die Krux mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum

18 Millionen Tonnen. Diese Menge an Essen landet in Deutschland jährlich im Müll. Das hat eine Untersuchung des WWF ermittelt. Aber nicht nur in Privathaushalten werfen Verbraucher fleißig weg – besonders im gastronomischen Bereich landet viel Essen in der Tonne.

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Bei Spenden von abgelaufenen Lebensmitteln an gemeinnützige Organisationen geht es nicht nur um eine rechtliche Frage, sondern um das Image eines spendenden Unternehmens.

Eines der größten Probleme ist dabei das seit rund 30 Jahren in Deutschland übliche Mindesthaltbarkeitsdatum: In privaten Haushalten werfen viele Menschen einwandfreie Lebensmittel weg, weil sie "abgelaufen" sind. Bei gemeinnützigen Organisationen kommt noch ein anderes Problem hinzu: Nach dem Ablauf geht die Haftung für ein Produkt vom Hersteller auf den Supermarkt oder die soziale Organisation über. Die Lebensmittel können an die Tafel gehen, es besteht aber rechtlich ein Risiko für den Supermarkt, denn der haftet für die Unbedenklichkeit.

Außerdem, so vermuten Lebensmittelrechts-Experten, geht es nicht nur um eine rechtliche Frage, sondern um ein Image, das ein Unternehmen mit Spenden von abgelaufenen Lebensmitteln hervorrufen könnte. Die öffentliche Wahrnehmung, so die Annahme, verbindet diese Lebensmittel noch immer mit Minderwertigkeit.

Mindestens haltbar bis, aber nicht schlecht nach

Dieses Problem ist aber kein rein deutsches Phänomen. Und um dem entgegenzuwirken, haben Molkereien in Norwegen der Verschwendung von einwandfreien Lebensmitteln den Kampf angesagt. Auf vielen Packungen von Molkereiprodukten wie Milch oder Joghurt steht dort ab sofort "Mindestens haltbar bis, aber nicht schlecht nach". Damit folgt das Land dem britischen Vorbild – denn dort steht bereits seit einiger Zeit ein solcher Hinweis auf den Lebensmitteln. Ob diese Maßnahme aber tatsächlich das öffentliche Image von Lebensmitteln mit überschrittenem Mindesthaltbarkeitsdatum ausbessert, bleibt abzuwarten.

Rein rechtlich ist bei Lebensmitteln für die Tafel oder andere soziale Organisationen das Mindesthaltbarkeitsdatum sowieso nicht entscheidend. Vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft heißt es lediglich, dass das Essen sicher sein muss – die Lebensmittel dürfen also nicht verdorben sein. Ebenfalls entscheidend ist die Zurückverfolgbarkeit der Lieferkette: Welche Stationen haben die Lebensmittel passiert, bevor sie bei der Tafel oder anderen Organisationen landen – und sind sie noch in ihrer Originalverpackung? Von Haltbarkeit keine Spur!

Essen, zu gut für die Tonne

Aber besonders in Restaurants, bei Caterern oder Buffets sind diese Vorgaben nicht so einfach einzuhalten. Um hier trotzdem der Entsorgung völlig einwandfreier Lebensmittel entgegenzuwirken, hat sich das Team von "Too Good to Go" etwas einfallen lassen. Ursprünglich 2015 in Kopenhagen entwickelt, bietet die App Restaurants oder Bäckereien eine Plattform, um Reste – etwa von Buffets – besonders günstig anzubieten. Nutzer können die Angebote über die App finden, dort auch bezahlen und sich das Essen dann persönlich abholen. Seit vergangenen Jahres ist die App auch in Deutschland verfügbar. Mehr als 500 Bäcker, Restaurants und Cafés beteiligen sich bereits an dem Kampf gegen Essens-Verschwendung. Auch das Berliner Start-up "MealSaver" verfolgt mit der gleichnamigen App dieses Ziel. Im Grunde funktioniert die App wie das Vorbild aus Kopenhagen. Und auch hier sind, vor allem im Ballungsraum Berlin, bereits rund 300 Unternehmen mit an Bord.

Mit den Apps, die vor allem junge Menschen erreichen, zeigt sich hier ein gewisses Umdenken.

Und auch im privaten Umfeld fallen regelmäßig Unmengen an Müll an. Auch hier spielt das Mindesthaltbarkeitsdatum eine entscheidende Rolle. Denn viele denken, dass Essen nicht mehr genießbar ist, wenn das Datum überschritten ist. Aber auch falsches Kaufverhalten oder verkehrter Lagerung können Lebensmittel in Privathaushalten verkommen. Die App "Zu gut für die Tonne" bietet neben Rezepten für Reste, alte Lebensmittel oder fast Abgelaufenes auch Tipps für den Einkauf, die Lagerung und die Verwertung von Essen. Rund 340 Rezepte von Hobbyköchen aber auch Starköchen wie Johann Lafer bietet die kostenlose App.

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Nichts für die Tonne: Mit Apps essen retten
Ob ein überschrittenes Mindesthaltbarkeitsdatum oder angebrochenes Essen beim Buffet: Es gibt viele Gründe, warum Lebensmittel in der Tonne landen. Mit einigen Apps soll sich das aber ändern. Foto: CC0: Unsplash/Toa Heftiba

Essen teilen statt wegwerfen

Ein anderes Prinzip verfolgt die App "Foodsharing". Wie bei "Too Good to Go" können hier private Nutzer Lebensmittel in der App in digitalen Essenskörben zum Verschenken anbieten. Wer noch Essen sucht, der kann sich in den digitalen Essenskörben anderer auf die Suche machen. Mittlerweile ist die App nicht mehr nur bei privaten Nutzern beliebt – auch Supermärkte und Bäckereien bieten überschüssige Waren an.

Weniger Essen in der Tonne? Der Trend ist großartig! Besonders deshalb, weil den unter 30-Jährigen in Umfragen immer wieder die größte Essensverschwendung vorgeworfen wird. Mit den Apps, die vor allem junge Menschen erreichen, zeigt sich hier ein gewisses Umdenken. Grundsätzlich gut, aber auch ein wenig problematisch sehen diese Entwicklung Einrichtungen wie die Tafel. Denn, so klagte die Hamburger Tafel jüngst via Facebook, immer weniger Spenden erreichen die Einrichtung. Bessere Logistik aber auch mehr Bewusstsein für die eigene Lebensmittelverschwendung tragen dazu sicherlich bei.

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