Leben

Nextbike, Mobike und Co: Warum gibt es so viel Bikesharing?

von Stefan Adrian

Immer mehr Bikesharing-Dienste bieten ihre Leihfahrräder in deutschen und europäischen Metropolen an. Das Überangebot hat aber nicht nur Vorteile.

Nahaufnahme der Vorderräder von drei Bikesharing-Rädern, die an einer Station geparkt sind.
Rad an Rad: Jedes Jahr wächst der Bereich Bikesharing um 20 Prozent. Aber nicht alle Leihräder stehen so ordentlich an Stationen wie diese hier. Foto: Shutterstock/Grisha Bruev

Das erfahren Sie gleich:

  • Welche Bikesharing-Dienste es gibt
  • Welche Folgen das Überangebot für einzelne Anbieter hat
  • Was in den AGB von Mobike steht
  • Welche Folgen das Nextbike-Urteil hat
  • Worum es beim Bikesharing eigentlich geht

2014 veröffentlichte der Unternehmensberater Roland Berger seine Studie Shared Mobility. Als eines der Trendthemen darin war Bikesharing aufgeführt. Bis ins Jahr 2020, hieß es, rechne man in dem Segment mit einer jährlichen Wachstumsrate von 20 Prozent.

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Blickt man sich heute in vielen Städten und Ballungszentren um, scheint die Prognose korrekt gewesen zu sein: Bikesharing-Dienste wie Yobike, Mobike, Obike, Bluegogo, Ofo, Donkey Republic, Lime Bike oder Byke teilen sich das Straßenbild mit etablierten Anbietern wie Nextbike und Call a Bike. Mit Jump Bikes steigt ab Sommer auch der Personenbeförderungsdienst Uber in das Geschäft ein, vorerst allerdings nur in Berlin.

In allen Farbskalierungen finden sich die bunten Hop-On-Räder, deren Anmietung zumeist unkompliziert per App und Code funktioniert und ihren Kunden damit das Leben leichter machen.

Ein schwarzes Mountainbike liegt auf einem Fußwerg, im Hintergrund rollen Autos vorbei.
Wegwerf-Artikel: Der Boom des Bikesharing hat auch die Zahl der achtlos liegen gelassenen Fahrräder erhöht – dieses hier scheint allerdings privat zu sein. Foto: Shutterstock/Rainer Fuhrmann

Statista hat Anfang Juli eine Infografik veröffentlicht, die verdeutlicht, wie exponentiell Bikesharing wächst. Gab es vor vier Jahren noch weniger als eine Million öffentlich zugänglicher Leihräder weltweit, sind es inzwischen fast 20 Millionen. Zum Vergleich, wie schnell das Wachstum vonstatten geht: 2016 lag der Wert noch bei 2,3 Millionen.

Auch die Zahl der Bikesharing-Anbieter selbst hat sich in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht – dabei wächst der Markt der Mitbewerber vergleichsweise gleichmäßig. Waren es 2008 noch 131 Anbieter, buhlen mittlerweile 1608 mit ihren Leihfahrrädern um die Kunden. 2005 waren es gerade mal 17 – weltweit wohlgemerkt.

Die Folge der Marktüberschwemmung: Leihbikes werden achtlos hingeschmissen, zu Skulpturen aufeinander getürmt oder gleich in städtischen Gewässern versenkt.

In München war der Unmut im Herbst 2017 groß, als der Anbieter Obike über Nacht 7000 Räder aufstellte. Die Folge: Ein Teil davon landete in der Isar. Die Münchener waren nicht alleine in ihrem Ärger.

Ende Februar 2018 verkündete der Anbieter GooBee Bike den Rückzug aus Frankreich. Der Grund: Rund 1000 Räder wurden landesweit gestohlen, etwa 3400 beschädigt.

Erste Verlierer: Obike zieht sich aus Europa zurück

Mitte 2018 bereitete Obike den Münchenern erneut Ärger. Denn wie Spiegel Online mit Verweis auf lokale Medien aus Singapur berichtet, ist der dort ansässige Fahrradverleiher pleite.

Neben den 7000 Rädern, die nun in München verwaist rumstehen und von niemandem abgeholt und entsorgt werden, gesellen sich weitere 23.000 in Deutschland und den Niederlanden. Von den Verantwortlichen bei Obike sei niemand mehr zu erreichen, heiße es unter anderem aus München und auch aus Hannover.

Dazu kommen, so Spiegel Online weiter, weitere 10.000 der gelben Leihräder, die in einer Halle bei Hamburg bis heute auf ihrer Auslieferung warten. Doch weder für die Fahrräder noch für die Miete der Halle kommt nach jetzigem Kenntnisstand jemand auf. Auf rund 35.000 Euro warten die Vermieter inzwischen.

Auch die registrierten Kunden von Obike bleiben vermutlich auf ihren Kosten sitzen. Die Anmeldekaution, insgesamt beläuft sie sich auf knapp vier Millionen Euro in Summe, dürfte ebenso verloren sein wie etwaige Guthaben, die Nutzer auf ihre Konten geladen haben.

Die Statistik zeigt die geschätzte Zahl der Bikesharing-Programme weltweit: 2018 liegt sich bei über 1600.
Fast 20 Millionen öffentlich zugängliche Leihräder und über 1600 Anbieter von Bikesharing. Der Markt boomt – weltweit. Foto: Statista

Was in den AGB von Mobike steht

Die bunten Zweiräder scheinen einen gewissen Wunsch nach zivilem Ungehorsam auszulösen. Vielleicht sind die zerpflückten Fahrräder aber auch Symptom des Verdachts, wie im Deckmantel des Umweltbewusstseins der Datenschutz umgangen wird, seien die Start-ups nun holländischen, amerikanischen oder chinesischen Ursprungs.

Ofo etwa wird maßgeblich vom chinesischen Giganten Alibaba finanziert. Mobike, im November 2017 in Berlin gestartet, greift auf Gelder von Apple-Zulieferer Foxconn sowie Alibaba-Konkurrent Tencent zurück, dem hinter Facebook fünftgrößten Internetunternehmen der Welt.

Die Anbieter entwerfen gerne ein Bild von anonymisierten Datenströmen, die lediglich zur Verbesserung ihres Produktes oder gar der Stadtplanung dienen.

Manche AGB spricht aber eine deutliche Sprache, etwa bei Mobike: "Die von Ihnen erhobenen Daten werden in ein Land außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums („EWR”), wie China und Singapur, wo ein anderes Datenschutzniveau als im EWR bestehen kann, übermittelt und dort verarbeitet und genutzt."

Welche Folgen das Nextbike-Urteil hat

Grund, warum die Räderbulks schier nach Lust und Laune aufgestellt werden dürfen, ist eine Entscheidung aus dem Jahre 2009. Da erreichte Nextbike, 2004 in Leipzig gegründet, das Urteil, seine Räder in Hamburg aufstellen zu dürfen, obwohl man eine Ausschreibung gegen die Deutsche Bahn verloren hatte – ein Präzedenzfall für Markt und Mitbewerber.

Auf dieses Urteil können sich nun internationale Anbieter berufen. Nur: Je zentraler in der Stadt, desto höher die Fahrraddichte. In Stadtrandgebieten sieht man Leihräder so gut wie nie.

Diese Umverteilung ist den Städten auch bewusst. "Nur ein öffentliches Leihfahrradsystem stellt eine verlässliche Versorgung sicher", meint daher Matthias Tang, Berliner Pressesprecher der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz (SenUVK).

Wie dauerhaft und verlässlich daher neue Angebote sind, kann derzeit nicht eingeschätzt werden.

Matthias Tang, Pressesprecher SenUVK

"Ein privater Betreiber kann sein Angebot jederzeit streichen, Preise erhöhen, Regionen abkoppeln oder aus der Bedienung streichen. Niemand außer dem Unternehmen kann Qualität definieren oder einfordern. Wie dauerhaft und verlässlich daher neue Angebote sind, kann derzeit nicht eingeschätzt werden."

In Berlin ist Nextbike der Partner für das öffentliche Leihfahrradsystem. Dafür mussten die Leipziger zusichern, bis Ende 2018 ihre Flotte auf 5000 Räder zu erhöhen. Freimütig räumt das mit festen Stationen betriebene Nextbike ein, ohne öffentliche Zuschüsse auch gar nicht profitabel sein zu können.

Worum es beim Bikesharing eigentlich geht

So ist das große Bikesharing-Angebot für den Verbraucher mit Sicherheit bequem, scheint am Ende aber ein bekanntes Format widerzuspiegeln: Daten zu gewinnen für andere Geschäfte.

Deswegen sollte man Bikesharing als Konzept weder verteufeln noch auf ein paar grüne Meter verzichten; vielleicht lohnt es sich aber, ein paar Nachforschungen darüber anzustellen, wessen App man sich auf sein Handy lädt. Oder sich in Zukunft nicht darüber wundern, warum man ständig ein Angebot der Drogerie oder des Burgerladens auf dem Handy hat, an dem man gerade vorbei radelt.

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