Leben

Netflix im Urlaub: Reisen in der digitalen Blase

von Ji-Hun Kim

Die Urlaubszeit wird bei vielen Reisenden von digitalen Diensten dominiert. Erstaunlich ist: Besonders die jungen Menschen empfinden das zunehmend als Belastung.

Netflix im Urlaub: Reisen in der digitalen Blase
Alles analog: So reduziert wie hier genießen immer weniger Menschen ihren Urlaub. Foto: unsplash/etiennegirardet

Das erfahren Sie gleich:

  • Die Digitalisierung wirkt sich auf den Urlaub aus
  • Smartphones auf Reisen: Helfer oder Entspannungskiller?
  • Netflix und andere Dienste sind ständige Begleiter

Urlaub wie früher gibt es nicht mehr

Der weltweite Tourismus boomt. Noch nie wurde so viel gereist wie dieser Tage. Zählt man alle Reiseankünfte auf der Erde zusammen, waren es 2016 insgesamt 1,235 Millarden. Im Jahr 2001 lag die Zahl noch bei 675 Millionen. Reisen ist in dieser Zeit stets eine flexiblere, individuellere, vor allem aber auch digitalere Angelegenheit geworden. Flüge, Hotel, Mietauto, Ferienwohnungen und Restaurantbuchungen lassen sich heute in der Regel mit dem eigenen Smartphone managen. Reiseportale wie booking.com und Tripadvisor geben ein (vermeintlich) neutrales Bild darüber ab, wie frühere Gäste ein Hotel oder Restaurant erfahren haben – Beurteilungen und Noten, die auf Basis des Plattformgedankens Aufschlüsse über die Qualität der Destination geben sollen. Hoteliers fürchten heutzutage daher eine Negativbewertung online mehr als laute oder gar chaotische Gäste im eigenen Haus. Eines wird dabei klar: Urlaub wie noch vor 20 oder 30 Jahren gibt es heute nicht mehr. Oder wann waren Sie das letzte Mal in einem Reisebüro?

Viele wollen aufs Smartphone nicht verzichten

Im Zeitalter von permanentem Stress und Burnout-Syndromen sollte es daher naheliegen, während des Urlaubs Handy und Laptop auszuschalten, um sich der neuen Umgebung oder dem vor langer Zeit gekauften Buch zu widmen. Oder auch einfach mal die Ruhe zu genießen. Allerdings sind mobile elektronische Geräte derart fest in unserem Alltag verankert, dass das sogenannte Digital Detox eher ein Phantom als ein häufig praktizierter Lifestyle ist. In einer Umfrage der GfK, die gemeinsam mit dem Mietwagenbroker Auto Europe in diesem Jahr durchgeführt wurde, gaben 93 Prozent der Befragten (14 bis 60 Jahre) an, während des Urlaubs auf Tablet, Smartphone und andere digitale Geräte nicht verzichten zu wollen. Für die Reisenden liegen die Vorzüge eines Smartphones auf der Hand. Urlauber können sich vor Ort über touristische Attraktionen informieren, Routen berechnen und sogar mit Hilfe von Übersetzungs-Apps mit Einheimischen ins Gespräch kommen. Allerdings nutzen nur 44 Prozent das Handy auf Reisen zur Reiseplanung selbst. Den Großteil nimmt die private Kommunikation mit Freunden und Familie ein (76%), gefolgt vom Fotografieren und Videos (68%) und Nachrichten/Informationen (56%). 36 Prozent nutzen aktiv Social Media im Urlaub, und immerhin neun Prozent können auch während des wohlverdienten Urlaubs die Finger nicht von ihrer Arbeit lassen. Man will ja nichts verpassen.

Das Auto ist mal Wohnzimmer, mal Büro
Lounge auf Rädern: Autonomes fahren verändert auch das Innenraum-Design. Foto: Shutterstock/Chesky

Facebook und Co. können in Arbeit ausarten

Man könnte glauben, dass digitale Devices und das Internet das Reisen in vielerlei Hinsicht komfortabler und selbstbestimmter gemacht haben. Jedoch führt das auch dazu, dass Menschen heute in einer Art digitale Blase verreisen. Die WhatsApp-Gruppen von daheim sind virtuell mit im Gepäck. Instagram, Twitter, Facebook und Snapchat wollen mit pittoresken Sonnenuntergängen mit Cocktail in der Hand und leckerem Essen natürlich auch bespielt werden. Und so was kann – nicht nur bei professionellen Influencern – zur Arbeit werden.

Die Betroffenen wissen oft selbst nicht, dass sie die eigentliche Ursache für ihr Verhalten sind.

Bestätigung wird heute vor allem auch online gesucht. Die amerikanische Psychologin Dr. Marla Vannucci setzt sich seit längerem mit der psychologischen Problematik von Social Media auseinander. Die Gründe, regelmäßig Fotos über Social Media zu posten, liegen oft auch in Unsicherheit und/oder Narzissmus begründet. „Die Betroffenen wissen oft selbst nicht, dass sie die eigentliche Ursache für ihr Verhalten sind“, erklärt sie gegenüber der New York Times, „einer meiner Klienten postet sehr oft Fotos. Er mag es, Likes zu sammeln. Wenn Leute nicht auf seine Fotos reagieren, fühlt er sich sehr einsam und postet daraufhin noch mehr Bilder.“

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Netflix und Apple TV am Strand

Die eingangs erwähnte GfK-Studie zeigt zudem, dass ganze 27 Prozent der Reisenden ihren Urlaub heute weniger entspannend finden, als noch zu Zeiten, in denen es keine Smartphones gab. Interessant ist hierbei nicht nur, dass eher Frauen die Smartphones als Urlaubskiller sehen als Männer, sondern auch, dass sich gerade unter den 20- bis 29-Jährigen – jene, von denen man gemeinhin meint, dass sie ohne Handy gar nicht mehr das Bett verlassen würden – 40 Prozent befinden, die ein Smartphone im Urlaub als Belastung sehen.

Allzu ambitionierte Binge-Watching-Pläne können auch zur Zeitmanagement-Belastung werden.

Die ständig verfügbare, digitale Blase hat sich aber auch auf den Medienkonsum im Urlaub ausgewirkt. Heute kann man mit teils USB-Stick-kleinen Gadgets wie Google Chromecast, Amazon Fire TV und Apple TV das heimische Netflix- und Entertainment-Programm quasi mit an den Strand oder in die Berge nehmen. Ein flacher Fernseher mit HDMI-Anschluss und WLAN finden sich heute in jeder Airbnb-Ferienwohnung wie auch im Hotelzimmer. Statt mühsam verständlicher spanischer Telenovelas gucken heute nicht nur Millenials im Urlaub ihre favorisierten Serien und Filme von daheim. Das eigene Wohnzimmer passt in jeden Kulturbeutel. Man könnte fast meinen: Die Amazon-Video-/Netflix-Serie hat den skandinavischen Thriller-Roman als Urlaubslektüre abgelöst. Aber allzu ambitionierte Binge-Watching-Pläne können auch hier zur Zeitmanagement-Belastung werden. Für alle Folgen „House of Cards“ oder „Game of Thrones“ sollte man jeweils rund drei Tage Zeit am Stück aufbringen können. Da ist der mühsam ersparte Urlaub – dann wie so oft – wieder schneller rum, als einem recht ist.

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