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Elektromobilität

Lars Thomsen: "Mobilität der Zukunft wird billiger als Busfahren"

von Alexander Cohrs

Rückleuchten von vorbeifahrenden Autos in Langzeitbelichtung
Spuren hinterlassen: Die Mobilität der Zukunft wird ganz anders aussehen als heute. Zukunftsforscher Lars Thomsen glaubt an kleine, autonome City-Pods. Foto: Unsplash/Paul Smith

Das erfahren Sie gleich:

  • Trendforscher Lars Thomsen: Elektroautos sind Verbrennern jetzt ebenbürtig
  • Einer der großen Trends der Zukunft wird die Mobilität auf Knopfdruck
  • Regenerative Energien machen Deutschland unabhängig

Zukunftsforscher Lars Thomsen spricht Klartext: Elektroautos müssen mehr Spaß machen als Verbrenner – und unsere Mobilität sichern künftig günstige City-Pods.

Der Experte für die Trends der Zukunft

Die Elektromobilität wird 2018 den großen Durchbruch schaffen, prophezeit der Trend- und Zukunftsforscher Lars Thomsen (49). Der gebürtige Hamburger, der in Zürich das Beratungsunternehmen "Future Matters" leitet, berät unter anderem große Konzerne aus der Automobil-, Energie- und Finanzbranche.

Im Interview mit aio spricht Thomsen einerseits über die Trends der Zukunft. Zum Beispiel über autonome City-Pods, bei denen die Mitfahrt günstiger sein wird als heute eine Busfahrkarte. Andererseits beantwortet Thomsen aber auch ganz konkrete Fragen der Mobilität in der Gegenwart. Zum Beispiel: Welche Ladezeiten sind bei Elektroautos eigentlich akzeptabel?

aio: Herr Thomsen, neulich hat mich bei einem Seminar ein Kollege gefragt: "Was soll ich mir denn jetzt kaufen – Diesel, Benziner oder Elektroauto?" Was hätten Sie ihm geantwortet?
Lars Thomsen: Ich hätte ihm zum Elektroauto geraten, weil wir jetzt an einem Punkt sind, an dem es wirklich gute Produkte gibt, die eine echte und alltäglich gut nutzbare Alternative zu Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor darstellen. Hinzu kommt: Jeder merkt jetzt, dass der Klimawandel real ist. Da stellt sich für jeden schon die Frage: Will ich Teil des Problems oder Teil der Lösung sein?

Was stört Sie so an Verbrennungsmotoren?
Diese unglaubliche Ineffizienz. Von der Ölquelle bis zum Auspuff beträgt der Wirkungsgrad der zum Fahren benötigten Energie de facto nur rund 15 Prozent. Wir verschwenden also mit jeder Autofahrt 85 Prozent – und dies von einer nicht erneuerbaren Energiequelle. Stellen Sie sich mal vor, ein Freund schenkt Ihnen eine Flasche eines ganz seltenen und teuren Bordeaux. Dann gehen Sie in die Küche, gießen 85 Prozent des Weins in den Ausguss und behaupten dann noch ganz stolz, dass 15 Prozent doch eine klasse Ausbeute seien. Das ist doch totaler Wahnsinn!

Die Elektroautos waren doch auch in den vergangenen Jahren nicht wirklich schlecht. Brauchen wir wirklich Reichweiten von über 500 Kilometern, wenn es für die meisten Leute doch nur darum geht, zur Arbeit und zurück zu pendeln?
Das sehe ich anders, und zwar aus zwei Gründen. Erstes gibt es eine psychologische Schwelle. Stellen Sie sich vor, ein Elektroauto hat nur 100 Kilometer Reichweite. Dann fahren Sie los, und kurze Zeit später steht auf dem Display eine Reichweite von 90 Kilometern. Ab da denken Sie doch schon wieder übers Nachladen nach – und das erzeugt Stress.

Eine Toilettenpause, einen Espresso und vielleicht noch mal WhatsApp-Nachrichten checken – dann muss das Laden beendet sein.

Und der zweite Faktor?
Sie wollen mit Ihrem Auto ja auch mal weitere Strecken fahren und die Reise nicht mehrmals für drei bis fünf Stunden unterbrechen müssen, bis das Auto wieder geladen ist. Es geht also nicht nur um die Reichweite, sondern auch um die Ladeinfrastruktur. Eine Toilettenpause, einen Espresso und vielleicht noch mal WhatsApp-Nachrichten checken – dann muss das Laden beendet sein.

Zukunftsforscher Lars Thomsen am Rednerpult
Mr. Zukunft: Lars Thomsen forscht nach Trends in den Bereichen Energie, Mobilität und Smart Networks. Foto: Jorma Mueller

Sie sagen, dass 2018 das Jahr der Elektromobilität werden wird. Warum hat das so lange gedauert?
Das ist ganz normal. Als das iPhone 2007 vorgestellt wurde, haben die meisten Leute gesagt: Das brauche ich nicht, ich komme mit meinem Nokia super klar und will sowieso nur telefonieren. Es hat dann drei bis vier Jahre gedauert, bis die Menschen bei ihren Freunden gesehen haben, wie praktisch es ist, dass man die Fotos immer dabei hat oder eine Fahrkarte schnell online lösen kann. So verhält es sich auch bei der Mobilität. Es gibt immer ein paar Menschen, die sich als Pioniere verstehen und das Risiko eingehen, auch mal liegen zu bleiben – wie damals die Pioniere in Amerika, die mit ihren Planwagen in Richtung Westen gezogen sind, obwohl sie ja auch an der Ostküste hätten bleiben können. Erst später kamen die Straßen, und es wurde für alle viel einfacher. Wir können nicht von allen Menschen erwarten, Pioniere zu sein.

Um im Bild zu bleiben: Wann haben Sie denn Ihren Planwagen bestiegen? Waren Sie auch ein Elektropionier?
Ich fahre seit 2012 elektrisch. Damals habe ich bisweilen einen ganzen Abend lang geplant, wenn ich eine weitere Fahrt machen musste. Heute komme ich von Zürich nach Hamburg ohne Probleme an einem Tag und ohne nachzudenken. Und man bemerkt bereits den Wandel in der Gesellschaft. In vielen Hotels gehört eine Ladesäule inzwischen genauso selbstverständlich zum Angebot wie WLAN.

In China sind viele Aspekte schon gelöst, die hier als unüberwindbare Probleme gesehen werden.

Wer wird aus Ihrer Sicht die Elektromobilität weiter vorantreiben? Die etablierten Autohersteller oder neue Firmen?
Deutschland läuft Gefahr, in eine Falle zu tappen. Ich habe den Eindruck, dass die deutschen Hersteller aufgrund ihrer derzeitigen Marktposition den Eindruck haben, selbst den Zeitpunkt bestimmen zu können, wann die Elektromobilität losgehen soll. Das kann aber ein Trugschluss sein, denn es kommen ganz neue Akteure auf den Markt. In China gibt es schon heute Städte, deren ganze Busflotte elektrisch fährt und die Taxiflotte zu großen Teilen auch. Das funktioniert bereits bestens, und viele Aspekte, die hier noch als unüberwindbare Probleme gesehen werden, wie etwa die Ladeinfrastruktur, sind dort schon gelöst. In Hotspots wie Peking, Oslo oder San Francisco wird Elektromobilität bereits jetzt Normalität.

Aber ist es für neue Anbieter nicht wahnsinnig kompliziert, ein Auto zu konstruieren?
Das schon. Selbst bei Tesla sieht man ja, wie hart es ist, ein hochkomplexes Gerät wie ein Auto herzustellen. Es kommen jedoch jetzt auch sehr potente Player aus anderen Industrien dazu. 30 bis 40 Prozent der Wertschöpfung eines Elektroautos liegt bei der Batterie. Wer zum Beispiel eine eigene Zellfertigung hat, der hat gegenüber anderen einen großen Vorsprung. Wenn dann noch Erfahrung mit Elektronik dazu kommt wie etwa bei den Koreanern, dann fehlt nicht mehr viel.

Wie kann denn die Elektromobilität hier bei uns weiter vorangebracht werden? Braucht es noch mehr Anreize? Oder mehr Sanktionen gegen Verbrenner?
Ich glaube fest daran, dass sich eine Innovation nur durchsetzt, wenn sie besser als das ist, was vorher da war. Ein Elektroauto, bei dem man im Winter die Heizung nicht einschalten darf und generell keinen Spaß hat, das wird nicht funktionieren. Niemand wird es durch Restriktionen hinbekommen, dass ein Autokäufer sagt: Okay, dann nehme ich halt das schlechtere Produkt.

Luftansicht einer Straße im Winter.
Winter-Wunderland: Bisher leidet die Reichweite von Elektroautos im Winter beträchtlich – für die Mehrheit der Autofahrer nicht akzeptabel. Foto: Unsplash/Kimon Maritz

Und jetzt ist es soweit, dass Elektroautos besser sind?
Definitiv, der Tipping Point ist jetzt da. Die Leute, die jetzt ihr erstes Elektroauto haben, sagen: Ich werde nie wieder einen Verbrenner kaufen. Nicht wegen irgendwelcher Verbote oder Restriktionen, sondern weil das Elektroauto so viel Spaß macht. Alleine die Beschleunigung!

Aber vielleicht ist die nicht so schnell entstehende Infrastruktur eine Spaßbremse?
Ich glaube, das wird jetzt sehr schnell gehen. Ich habe neulich zwei Fotos aus New York gesehen. Das eine war von 1907, da waren nur Pferde auf der Straße. Das Pferd hatte damals noch viele Vorteile; es gab in jedem Gasthof eigene Ställe mit Futter, wohingegen man das Benzin für ein Automobil in der Apotheke kaufen musste. Das zweite Bild war von 1927, da sind nur noch Autos zu sehen. Das hat damals schon nur 20 Jahre gedauert, und heute entwickeln sich Innovationen noch viel schneller.

Wie verhält es sich aus Ihrer Sicht beim autonomen Fahren? Da scheint die Akzeptanz in der Bevölkerung geringer zu sein als bei der Elektromobilität.
Elektromobilität und autonomes Fahren sind nicht zwei verschiedene Dinge, sondern sollten zusammen gedacht werden. Wenn das Elektroauto selbständig zum Laden auf eine Induktionsspule fahren kann, ohne dass sich der Besitzer darüber Gedanken machen muss, dann ist das ein starker Komfortgewinn. Mit Diesel oder Benzin wäre das gar nicht möglich.

Im Parkhaus kann ein Roboterarm mit Kamera und Staubsauger kurz mal innen sauber machen.

Selbstfahrende Autos werden binnen weniger Jahre Realität sein – es wird sich also selber parken und auf Knopfdruck zu einem kommen. Im Parkhaus kann ein Roboterarm mit Kamera und Staubsauger kurz mal innen sauber machen. Das Auto wird dann sauberer sein, als wir es je selber geschafft hätten. Die Leute gewöhnen sich sehr schnell an Komfort. Warum denn sonst haben die Menschen Geschirrspüler gekauft, obwohl sie ihr Geschirr vorher immer per Hand abgewaschen haben?

Werden wir denn in der Zukunft überhaupt noch eigene Autos haben?
Ich glaube, dass sich der Markt der Mobilität aufspalten wird. Auf der einen Seite der klassische Pkw, auf der anderen Seite das, was man heute "Mobility as a Service" nennt. Ich erkläre das gerne so: Meine Tochter ist heute 16 und hört den ganzen Tag Musik, obwohl sie keinen einzigen Tonträger besitzt, auch keine MP3-Dateien. Für sie ist Musik ein Dienst auf Knopfdruck. Ich kann mir gut vorstellen, dass für sie in 20 Jahren auch die Mobilität ein Dienst auf Knopfdruck sein wird.

Wie würde das aussehen?
Ich glaube an kleine, elektrische und fahrerlose City-Pods. Wir haben das mal berechnet: Über die Auslastung und mit einer Netzbetreiber-Lizenz könnten die Anbieter solcher City-Pods Betriebskosten von fünf bis acht Cent pro Kilometer erreichen. Nehmen wir an, der Betreiber nimmt von seinen Kunden den dreifachen Preis, dann sind das 24 Cent pro Kilometer – ein Taxi kostet heute meist 1,90 Euro pro Kilometer. Und noch ein Vergleich: Die durchschnittliche Strecke in der Stadt liegt heute bei rund vier Kilometern, das sind also weniger als ein Euro pro Strecke – das wäre sogar billiger als der Bus!

Alles autonom, alles elektrisch – wo soll da eigentlich die ganze Energie herkommen, die dafür benötigt wird?
Wir erzeugen immer mehr regenerative Energien, schon heute beträgt der Anteil 40 Prozent am deutschen Strommix. In zehn bis 20 Jahren werden wir meist mehr regenerative Energien haben, als wir brauchen. Die Elektrofahrzeuge werden dann als Speicherbatterien fungieren. Und: Jede Batterie hat eine Internetverbindung, damit sie selbständig Energie anfordert, wenn es nötig und am günstigsten ist. Der Versorger und die Batterie verhandeln dann wie auf dem Börsenmarkt über den besten Preis. Und das Beste: Wir können regenerative Energien im eigenen Land erzeugen, sind nicht mehr von Ölimporten aus anderen Staaten abhängig und hinterlassen den Kindern nicht solche gigantischen Probleme, wie wir es derzeit mit der Verbrennung von fossilen Rohstoffen tun. Das muss doch eigentlich jeden wachrütteln!

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