Leben

Multitasking: Was Illusion ist und welcher Trick klappt

von
Dr. Kai Kaufmann

Weniger tun, mehr schaffen? Warum Multitasking selten funktioniert, was wir gleichzeitig tun können und wie Hirnforscher einen Placebo-Effekt erkannt haben.

Ein Mann fährt Auto und telefoniert dabei.
Mit dem Handy am Ohr Auto fahren? Das ist nicht mehr Multitasking, das ist in Deutschland verboten. Foto: Shutterstock / LightField Studio

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie Multitasking dem Gehirn fast die Hälfte an Leistungsfähigkeit raubt
  • Wie echtes Multitasking aussieht – und warum kaum jemand es beherrscht
  • Wie sich das Gehirn mit "gleichzeitig" erledigten Aufgaben trotzdem ein wenig austricksen lässt

Am Autosteuer durch die Stadt manövrieren und dabei schnell noch mit der Assistenz im Büro telefonieren. Schließlich muss ja die Agenda für das nächste Meeting noch in trockene Tücher gewickelt werden: Multitasking ist Standard in unserem modernen Leben. Im Job, unterwegs und zuhause. Gefühlt fast immer.

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Smartphone am Steuer: Leistungsverlust wie unter Alkohol

Das Beispiel Multitasking beim Autofahren zeigt besonders deutlich, wie sehr die Leistungsfähigkeit unseres Gehirn leidet, wenn wir verschiedene Aufgaben gleichzeitig erledigen. Bei 50 Prozent aller Unfälle sind die Fahrer abgelenkt, ergaben internationale Studien. Wie oft dabei das Handy im Spiel ist, unterscheiden diese Studien nicht. Aber Forscher wissen aus anderen Untersuchungen: Die Nutzung eines Smartphones führt 164-Mal häufiger zu einem Unfall. Oft mit fatalen Auswirkungen. Kein Wunder also, dass das Handy am Steuer verboten ist.

Aus meiner Erfahrung ist das Handy der Killer Nummer eins.

Ein Sprecher der Polizei Göttingen

Wenn es in der Hirnforschung um Multitasking geht, ist die Nutzung des Smartphones beim Autofahren ein beliebtes Studienobjekt. Einer der weltweit führenden Forscher zu diesem Thema ist der Neurowissenschaftler Dr. David L. Strayer von der University of Utah, USA. Einige Ergebnisse aus den Studien von Strayer und seinen Kollegen räumen gründlich auf mit dem Mythos Multitasking:

Das Ergebnis: Das Nutzen der Freisprechanlage während der Fahrt ist nicht deutlich weniger ablenkend als das Telefonieren mit dem Handy in der Hand. Denn: Die Ablenkung entsteht vor allem durch das Gespräch, nicht durch das Hantieren mit dem Smartphone.

Ob mit oder ohne Freisprechanlange: Versuchspersonen in Fahrsimulatoren übersahen in beiden Fällen doppelt so viele Verkehrszeichen wie jene, die nicht telefonierten und stattdessen nur dem Autoradio lauschten.

Obwohl wir Verkehrsschilder sehen, reagieren wir nicht

Selbst wenn wir während des Telefonierens im Auto Verkehrsschilder "sehen", nehmen wir diese oft nicht wahr und reagieren deshalb nicht angemessen. Hirnforscher Strayer nennt dies "Inattention Blindness", also eine Blindheit aus Aufmerksamkeitsmangel.

  • Telefonieren während der Fahrt reduziert die Leistungsfähigkeit des Gehirns sogar stärker als wenn dieselben Fahrer leicht angetrunken sind.
  • Beim SMS-Schreiben teilen wir unsere Aufmerksamkeit nicht. Wir springen hin-und-her zwischen den Aktivitäten.

Menschen sind wirklich schlechte Multitasker.

Neurowissenschaftler Dr. David L. Strayer, University of Utah

Es verwundert nicht, dass die Hirnforschung dem Menschen als Alles-gleichzeitig-Könner grundsätzlich einen katastrophalen Befund ausstellt.

Dieser Befund gilt nicht nur fürs Autofahren. Beim Multitasking verliere unser Gehirn grundsätzlich bis zu vierzig Prozent seiner Leistungsfähigkeit, so Strayer. Umgekehrt kann Single-Tasking unsere Produktivität fast verdopppeln. "Wenn Menschen die versteckten Kosten des Multitaskings verstehen, kann ihnen das helfen Strategien zu wählen, die ihre Effizienz erhöhen", so die American Association of Psychology.

Was echtes Multitasking ist

Was genau läuft schief in unserem Kopf, wenn wir alles gleichzeitig tun? Eigentlich gar nichts. Unser Hirn ist für eine bestimmte Form des gleichzeitigen Handelns einfach nicht designt, zeigt die Hirnforschung. Obwohl einiges auch gleichzeitig bestens läuft – zum Beispiel das oben genannte Radiohören beim Fahren.

Doch echtes Multitasking ist etwas anderes. Davon spricht man in der Psychologie und Neurowissenschaft, wenn ein Mensch zwei oder mehrere Aufgaben zeitgleich ausübt und dabei zwei unabhängige Ziele verfolgt. Genau das führt zu einem großen Verlust in der Leistungsfähigkeit des Gehirns.

Schlechte Ergebnisse und gefährliche Situtionen im Alltag sind nicht die einzigen Folgen des unentwegten Simultanhandelns. Es erzeugt auch Stress und damit eine vermehrte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol. Chronischer Stress kann neben den bekannteren Symptomen auch Spätfolgen haben; dazu gehören im hohen Alter Erkrankungen wie Rheuma. Im Gehirn kann Dauerstress sogar zu bleibenden Veränderungen führen, zeigt die moderne Neurowissenschaft.

"Binding": die Ursache des Dilemmas

Hinter den entsprechenden Gehirnprozessen steckt das sogenannte "Binding". Von "Binding" sprechen Hirnforscher, wenn eine Aufgabe zwei Hirnareale benötigt. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn wir Informationen aufnehmen und entsprechend reagieren. Also ziemlich oft im Leben.

"Die Hirnforschungs-​Erkenntnisse der letzten zwei, drei Jahre deuten nun darauf hin, dass immer nur ein solches Binding möglich ist. Das hieße, zwei Aufgaben, die ein Binding benötigen, stören sich gegenseitig", sagt der Psychologe Prof. Dr. Thorsten Schubert von der Humboldt-Universität Berlin gegenüber der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft.

Wer im Büro also gerade eine E-Mail schreibt und gleichzeitig vom Kollegen gefragt wird, wie am Nachmittag die neue Strategie am besten verkauft wird, für den wäre eine gute Antwort: "Einen Moment bitte, ich bin gerade beschäftigt und gleich für Sie da."

Nur zwei Prozent sind Supertasker, zeigen Studien

Moment mal, jeder kennt doch den beneidenswerten Kollegen, der zig Bälle gleichzeitig jongliert und damit sogar erfolgreich ist, oder etwa nicht? Stimmt. Aber wie viele davon gibt es? Gerade einmal zwei Prozent aller Menschen sind Supertasker, zeigen Studien von Dr. Strayer und seinem Team. Einer von 50! Eine ernüchternde, aber auch beruhigende Wahrheit:

98 Prozent aller Menschen können kein Multitasking – sie erledigen keine der Aufgaben gut.

Dr. David L. Strayer gegenüber "Psychology Today"

Placebo: Der Glaube hilft

Also vergessen wir das gleichzeitige Agieren am besten? Nicht ganz. Allein der Glaube, gerade Multitasking zu betreiben, hilft. Egal, worum es sich tatsächlich handelt. Zu dieser Erkenntnis führt eine neue Studie der Stephen M. Ross School of Business an der University of Michigan, USA.

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Die Forscher verglichen zwei Gruppen, denen die gleichen Aufgaben gestellt wurden. Einer Gruppe wurde erklärt, es handele sich um Multitasking. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe glaubten hingegen, es ginge um Single-Tasking. Immer zeigten jene die bessere Leistung, die davon ausgingen, sie führten die Aufgaben gleichzeitig aus.

Die Erklärung von Studienleiterin Dr. Shalena Srna und ihrem Team: Wenn wir denken, eine Aufgabe erfordere Multitasking, strengen wir uns einfach mehr an.

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