Leben

Mit GPS und Oldtimer-Traktor zum spektakulären Maislabyrinth

von Roland Kontny

In Sieversdorf bei Plön entsteht jedes Jahr ein neues Maislabyrinth. Dabei hilft moderne GPS-Vermessungstechnik – und ein 42 Jahre alter Weinbau-Traktor.

Das Maislabyrinth von oben.
Auch von oben ein spektakulärer Anblick: Das Maislabyrinth im schleswig-holsteinischen Sieversdorf erzählt immer auch eine Geschichte. Foto: Kerstin Dührsen

Das erfahren Sie gleich:

  • Was ein Nautiker auf einem Maisfeld macht
  • Wie moderne Technik ein analoges Erlebnis perfektioniert
  • Was ein 42 Jahre alter Mini-Traktor damit zu tun hat

Eine Staubwolke umgibt Roland Atzler und seinen Schanzlin Gigant 450. Seit Tagen hat es nicht geregnet. Die Räder des nur einen Meter breiten Weinbautraktors von 1976 und die Bodenfräse am Heck des Oldtimers wirbeln darum schon bei Fahrt in Schritttempo die trockene Erde ordentlich auf.

Atzler zieht an einem der vielen Hebel des Gefährts, darauf hebt sich die Fräse am Heck aus dem Acker. Soeben hat sie hunderte etwa zehn bis 20 Zentimeter lange Maispflanzen samt Wuzeln aus dem Boden gerissen. Genau so soll es sein.

Eine Fräse reißt die Jungpflanzen aus dem Boden

Atzler stoppt den Schanzlin, beugt sich im Sitz vor und blickt angestrengt in den Pappkarton auf der Haube vor sich. Der Karton steckt auf einem Alukoffer und ist in einen schwarzen Müllbeutel gewickelt, der Koffer wiederum mit Zurrgurten fest mit dem Trecker verbunden.

Nach einigen Sekunden sitzt er wieder aufrecht und kuppelt ein, bis sich der Traktor wieder in Bewegung setzt. Nach einigen Metern sinkt die Fräse in den Boden und reißt auf ihrem Weg über das Maisfeld die nächsten Jungpflanzen heraus.

Es ist Ende Mai. Erst handhoch ragen die Pflanzen aus dem Boden, viel zu früh also für die Ernte. Nein, Atzler hat anderes im Sinn. Mitte Juli, wenn der Mais mehr als zwei Meter hoch steht, bilden die von ihm freigefrästen Strecken dann schmale Wege durch das ansonsten blickdicht gewachsene Maisfeld.

Mit einem Eingang, einem Ausgang und dazwischen mehreren Dutzend Sackgassen. Hier entsteht gerade das diesjährige Maislabyrinth in Sieversdorf bei Plön (Schleswig-Holstein). Atzler streckt, nachdem der Traktor abermals zum stehen gekommen ist, ein weiteres Mal seinen Kopf in Richtung des Kartons.

Ein hochsensibles GPS im Pappkarton

Darin steckt ein hochsensibles GPS sowie ein staub- und spritzwasserfester Laptop. Beides zusammen gibt mit einer Genauigkeit von fünf Zentimetern den Weg vor, den Atzler zuvor mit einer speziellen Software ausgearbeitet hat. Erkennen kann er die Route wegen der tief stehenden Abendsonne auf dem kontrastarmen Bildschirm allerdings nur, wenn er mehr oder weniger mit dem Kopf im vor Staub und Licht schützenden Karton steckt.

Die mehrere tausend Euro teure Hard- und Software nutzt Atzler eigentlich beruflich. Er ist Nautiker, vermisst auf und unter Wasser, zum Beispiel für den Bau von Windkraftanlagen auf dem offenen Meer. Einmal im Jahr, gegen Ende Mai, hilft die kostbare Ausrüstung bei der Entstehung der maisgewordenen Irrwege. 2018 bereits zum zwölften Mal.

Seit 2000 gibt es jedes Jahr ein anderes Labyrinth

Eigentümerin des Maisfeldes und Betreiberin des trotz der ganzen Technik letztlich völlig analogen Erlebnisses ist Kerstin Dührsen. Seit 2000 lockt sie Feriengäste zwischen die Pflanzen, lässt sie darin kleine Aufgaben lösen und letztlich den Ausgang suchen.

Das erste Labyrinth vor 18 Jahren seien nur „ein paar eckige Wege“ gewesen, erzählt sie und zieht währenddessen mit einer Hacke einige nur halb herausgerissene Maispflanzen endgültig aus dem Boden. Damals habe man Pflöcke in die Erde gerammt, Schnüre gespannt und mühsam tagelang per Hand die Wege freigehackt.

Das hochsensible Spezial-GPS, das seine Positionsdaten aus 20.000 Kilometern Höhe von Satelliten bezieht, ermöglicht dagegen Kurven und Bögen und jedwede Verbindung zwischen zwei Punkten im Maisfeld – wenn die Wegpunkte vom Profi wie Atzler geplant und richtig verbunden sind. "Ohne die Technik kriegt man die einfachsten Formen nicht hin", erinnert sich der Nautiker, als er vor zwölf Jahren das erste Mal sah, wie sich die Labyrinth-Macher abrackern mussten.

Aber nicht allein die teure Vermessungstechnik ist entscheidend. Auch der Oldtimer ist notwendige Voraussetzung für das Gelingen.

Ein größerer Trecker wäre nicht wendig genug und würde die jungen Pflanzen einfach zermatschen.

Roland Atzler

Nach einer Überfahrt des relativ leichten Schanzlin dagegen würden sich die Pflanzen wieder aufrichten. Es ist also erst die skurrile Kombination aus 42 Jahre altem Schmalspur-Trecker und moderner Technik, die verschlungene Wege Sieversdorf’scher Güte im Maisfeld ermöglicht.

Das Maislabyrinth von oben.
Jedes Jahr steht das Maislabyrinth in Sieversdorf unter einem anderen Motto. Foto: Kerstin Dührsen

"Die Spitze von Sylt war eine Herausforderung"

Den Anfang macht aber auch heute noch eine Zeichnung von Hand auf Papier. Im Frühjahr skizziert Dührsen ihre Idee für den Sommer, überlegt sich dazu passende Wege und Stationen und wie das Ganze auch aus der Vogelperspektive eine gute Figur machen könnte.

Atzler überträgt auf dieser Grundlage die dafür nötigen Punkte und Strecken als Geodaten auf eine Computer-Karte und zu guter Letzt mit der schmalen Fräse in den holsteinischen Acker.

Im vergangenen Jahr war das Thema das Bundesland Schleswig-Holstein und seine wichtigsten Orte. „Die Spitze von Sylt war eine Herausforderung“, erinnert sich Atzler. Thema in diesem Jahr: Das Auffinden eines von Piraten entführten Schiffes mit einem Schatz an Bord.

Mindestens eine, lieber aber eher zwei Stunden sollte man für die vielen Pfade des laut Dührsen größten Maislabyrinths Norddeutschlands einplanen, ehe man vom Start bis zum Ziel gekommen ist.

Das Labyrinth entsteht über mehrere Tage

Zwischendurch darf auch Roland Atzlers Sohn Ludwig ran. Der 14-Jährige ist seit Jahren auf dem alten Diesel unterwegs und beherrscht ihn ebenso routiniert wie der Vater. Ginge es nach dem Junior, er würde die Wege durch den Mais auch alleine fahren.

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Bis 21 Uhr werkeln Vater und Sohn an diesem Tag. „Könnte sein, dass wir auch morgen nicht ganz fertig werden“, sagt Atzler. Das Wegegeflecht sei dieses Mal besonders kleinteilig und rechtwinklig, was häufiges Ansetzen und Aufnehmen der Fräse und in Position bringen des Traktors bedeutet. Ein letzter Fahrerwechsel zum Feierabend, denn Sohnemann darf noch nicht auf der Straße fahren. Dann geht es auf dem alten Dieseltraktor nach Hause.

Wer sich die Arbeit von Ludwig und Roland Atzler ansehen will, kann das seit dem 15. Juli 2018 und noch bis zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2018 tun. Danach wird geerntet und das maisgewordene Meisterwerk verschwindet auf alle Zeit, ehe Atzler etwa neun Monate später an gleicher Stelle einen sicher würdigen Nachfolger zum Leben erweckt. Atzler selber will übrigens – wie schon all den Jahren zuvor – die selbst geschaffenen Irrwege nicht beschreiten, denn: „Da verlaufe ich mich ja drin!“

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