Elektromobilität

Der Fahrradanhänger wird zur mobilen Ladestation

von Roland Kontny

Elektroauto leer und keine Ladestation in Sicht? Das Start-up Chargery schickt dann einen Fahrradkurier mit Strom-Anhänger los. aio hat mit den Gründern gesprochen.

Die mobile Chargery-Ladestation
Eine kleine Kiste, die die Elektromobilität aufmischen soll: Das Start-up Chargery liefert Strom für E-Autos per Fahrradkurier. Foto: Chargery

Das erfahren Sie gleich:

  • Das Start-up Chargery liefert leer gefahrenen Elektroautos den Strom per Fahrradkurier
  • Fahrradanhänger mit Strom für E-Autos sollen die Elektromobilität voranbringen
  • Ab 2019 will das Start-up auch Privatkunden mit Strom beliefern

Der Strom kommt aus dem Fahrradanhänger

Im August 2017 gründen Christian Lang (31), Philipp Anders (26) und Dr. Paul Stuke (33) das Unternehmen Chargery. Die Idee: per Fahrradkurier leer gefahrene Elektroautos mit Strom beliefern. Im Interview mit aio erklärt CEO Lang, wie das genau abläuft und warum das nicht nur sinnvoll, sondern wichtig für die elektromobile Welt ist.

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Die Chargery-Gründer Dr. Paul Stuke, Philipp Anders und Christian Lang
Die Chargery-Gründer mit einem ihrer Anhänger: Dr. Paul Stuke (links), Philipp Anders (Mitte) und Christian Lang (rechts). Foto: Benjamin Pritzkuleit/Chargery

Herr Lang, Sie schicken Fahrradkuriere mit Anhänger los, um leere Akkus von Elektroautos vor Ort aufzuladen. In Zeiten von Vernetzung und Digitalisierung klingt das nach Steinzeit.
Christian Lang: Ist es aber nicht. Das Verhältnis zwischen der Anzahl von Elektrofahrzeugen und Ladesäulen hat sich zuletzt zu Ungunsten der Fahrzeuge verändert: Immer mehr teilen sich rechnerisch eine Ladestation. Dieses Verhältnis wird sich unserer Einschätzung nach weiter verschlechtern. Um dieses Problem zu lösen, haben wir das Spiel umgekehrt: Die Energie kommt dahin, wo sie gebraucht wird. Das Auto muss nicht zur Ladestation, sondern wir bringen die Ladestation zum Auto. Außerdem wird unser Angebot komplett digital und online abgewickelt: Die Bestellung erfolgt per App, ebenso die Bezahlung.

Wie sind Sie darauf gekommen?
Nach der Lektüre eines Technologie-Newsletters Anfang 2017, also vor ziemlich genau einem Jahr. Darin stand ein Beitrag über einen Lieferservice für Benzin in England. Das kam mir sinnlos vor. Es hat mich noch nie gestört, ein Auto zu betanken. Das dauert nur wenige Minuten und fertig. Einige Tage zuvor bin ich aber ein Elektro-Auto mit geringer Reichweite gefahren. Von meiner Wohnung war die nächste Ladestation 15 Fußminuten entfernt. Und jeden Tag morgens und abends dahin laufen hat genervt. Da dachte ich: Für E-Autos wäre das doch super.

Der Kunde bestellt über eine App auf seinem Mobiltelefon.

Beschreiben Sie bitte, wie so ein Ladevorgang abläuft.
Der Kunde bestellt eine Ladung über eine App auf seinem Mobiltelefon. Wir schicken einen Fahrradkurier los. Der zieht an seinem Fahrrad die von uns entwickelte mobile Ladestation auf einem Anhänger mit Elektro-Unterstützung. Am Kundenfahrzeug verbindet er dann Ladestation und Fahrzeug, der Ladevorgang beginnt. Ist er abgeschlossen, holen wir den Hänger wieder ab und laden ihn wiederum bei uns auf – für den nächsten Auftrag.

Ein Fahrradkurier bringt den Chargery-Anhänger zu einem Kunden
Strampelnd zum Kunden unterwegs: Anfangs lieferten die Gründer ihre Akku-Anhänger noch selbst aus, mittlerweile arbeiten zwei Fahrradkuriere für sie. Foto: Benjamin Pritzkuleit/Chargery

Wie schnell geht das?
Spätestens nach 30 Minuten sind wir beim Kundenfahrzeug. Der Ladevorgang für 24 kWh Leistung nimmt derzeit etwa vier Stunden in Anspruch.

Sind Fahrrad und Hänger Spezialanfertigungen?
Nein, der Kurier kann sogar sein eigenes Rad benutzen. Er muss nur einmalig eine Anhängerkupplung, einen Trittfrequenzsensor für die Steuerung der E-Unterstützung des Anhängers und einen kleinen Gasgriff am Lenker anbringen. Damit wird das Anfahren aus dem Stand unterstützt, denn dabei ist tatsächlich viel Kraft gefragt. Immerhin wiegt der Anhänger 150 Kilogramm. Rollt das Gespann erst einmal, spürt man den Anhänger nicht mehr. Die gesamte technische Vorbereitung des Fahrrads ist eine Sache von wenigen Minuten. Der Anhänger ist ein Serienmodell von Carla Cargo aus Freiburg mit leicht verkürztem Aufbau.

Unsere Ladestation ist perfekt für den urbanen Raum.

Gab es straßenverkehrsrechliche Aspekte zu klären?
Eigentlich nicht. Fahrradverkehr ist klar geregelt, die Anhänger sind zulassungsfrei und dürfen für den Ladevorgang auf dem Gehweg stehen. Natürlich passen wir auf, dass immer genug Platz für Kinderwagen oder Rollstühle bleibt. Es gab noch keine Beschwerden. Unsere Ladestation ist perfekt für den urbanen Raum.

Anfangs sind Sie und Ihre beiden Mitgründer bei einem neuen Auftrag selber losgefahren, inzwischen haben Sie zwei Fahrer fest angestellt. Machen Roboter sie schon bald arbeitslos?
Anfangs dachten wir tatsächlich über einen Roboter nach, der sich allein auf den Weg zum Kunden macht. Aber das hätte viele Genehmigungen erfordert und enorme Entwicklungskosten verursacht. Also mussten wir darüber nachdenken, wie es einfacher geht und sind auf die vielen Kuriere, die durch Berlin fahren, gekommen. Die beiden Einstellungen haben wir uns gut überlegt und planen bis auf Weiteres mit der Auslieferung per Muskelkraft. Sollte sich das Geschäft außerdem so entwickeln, wie wir glauben, entstehen weitere Aufgaben wie etwa die Disposition der Aufträge. So können wir den Angestellten eine gewisse Entwicklungsperspektive geben.

Wie teuer ist einmal Aufladen?
Das steht noch nicht fest, weil wir den Service erst ab 2019 Privatkunden anbieten wollen. Auf jeden Fall wird der Preis ortsunabhängig einheitlich und – ganz transparent – inklusive der Anlieferung sein.

Der Fahrradanhänger von Chargery lädt ein Elektroauto
Das Berliner Start-up stellt seine Fahrradanhänger auf Bestellung am leeren E-Auto ab und nach rund vier Stunden ist der Wagen wieder voll. Foto: Benjamin Pritzkuleit/Chargery

Die Nachfrage ist inzwischen größer als unsere Kapazität.

Wenn Privatkunden erst 2019 bestellen dürfen: Wer sind dann eigentlich Ihre Kunden?
Derzeit beliefern wir ausschließlich das Carsharing-Angebot DriveNow. Die haben in Berlin etwa 150 Elektroautos, die wir seit Oktober innerhalb unseres Geschäftsgebietes mit einem Radius von etwa fünf Kilometern um unsere Firmenzentrale bedienen können. Deren Nachfrage ist inzwischen größer als unsere Kapazität mit den aktuell drei Anhängern. Mit weiteren gewerblichen Kunden sind wir derzeit im Gespräch. Darum soll auch unsere Flotte dieses Jahr noch größer werden.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit DriveNow?
Wir haben das Unternehmen direkt angesprochen, weil wir nach einem Partner gesucht haben, mit dem wir unsere Technologie zunächst ausgiebig erproben können. Das war uns sehr wichtig, denn unser Angebot soll völlig ausgereift sein, ehe wir auf Privatpersonen damit zugehen. Schnell war klar: Diese Strategie zahlt sich aus. In enger Absprache mit dem Kunden konnten wir schon viele Probleme aus der Welt schaffen und wissen, was wichtige Weiterentwicklungen sind.

Weitere Services wie Innenraum saugen sind denkbar.

Welche denn zum Beispiel?
Wir entwickeln gerade ein Schnelllade-System, das statt vier Stunden dann nur noch deutlich unter einer Stunde dauert. Ein anderer Punkt ist die Kommunikation mit dem Fahrzeug, wenn wir bald schneller Laden können. Denn nicht alle Autos vertragen die dann maximal mögliche Ladeleistung. Hier müssen unsere Ladestation und das jeweilige Fahrzeug künftig kommunizieren.

Updates

Bleiben Sie zum Thema Elektromobilität immer informiert.

Es gibt die ersten Straßenlaternen, an denen man Strom bekommen kann. Ist Chargery nur eine Übergangslösung und schnell wieder überflüssig?
Das Stromtanken an der Laterne ist eine gute Idee. Praktische Probleme wie die zentrale Schaltung der Laternen und der recht geringe Ladestrom werden flächendeckend aber nicht so schnell zu lösen sein. Wir glauben, dass unser Angebot in einer elektromobilen Welt einen festen Platz haben wird.

Ist auch die Belieferung von E-Bikes geplant?
Wohl eher nicht. Die brauchen einfach zu wenig Strom. Der Fokus liegt definitiv auf elektrischen Autos. Für deren Halter sind aber weitere Services denkbar wie etwa den Innenraum saugen oder Wischwasser auffüllen. Das wäre sicher sowohl für Geschäfts-, als auch für Privatkunden interessant.

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