Leben

Minimalismus im Selbstversuch: Ich kauf' mir gar nichts mehr!

von Nicole Jansen

Ein schlicht eingerichtetes Wohnzimmer mit Sofa, Couchtisch, Beistelltisch und Lampe an der Decke.
Schlicht ist schick: Mit Minimalismus wehren sich viele Menschen gegen den Konsum – und genießen so eine Freiheit ohne Krempel. Foto: Unsplash/ Breather

Das erfahren Sie gleich:

  • Warum Sven-André Dreyer sich ein Jahr lang nichts Neues gekauft hat
  • Wie klare Regeln und Kreativität ihm beim Konsumverzicht halfen
  • Weshalb er die neugewonnene Freiheit und den Minimalismus nicht mehr aufgeben möchte

Was brauchen wir wirklich? Ein gelungenes Experiment zeigt, wie Konsumverzicht und Minimalismus zu mehr Zeit, Platz und persönlicher Freiheit führen.

Von Kauflust zu Frust: Wie viel brauchen wir wirklich?

Erste Zweifel beschlichen Sven-André Dreyer schon vor 30 Jahren. Damals waren es Marken-Sneaker, die dem Teenager lebensnotwendig erschienen. Seinen Eltern leider nicht. Also jobbte der Schüler im Supermarkt und sparte, bis er die ersehnten Modelle endlich kaufen konnte. Um sich kurz darauf zu denken: „Blöd eigentlich: So viel Zeit und Geld investiert – für Schuhe?“

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Unter Strom! Mobilität wird elektrisch

In den folgenden Jahren beschäftigte sich der Düsseldorfer mit den Lehren des Buddhismus, unternahm tagelange Wanderungen, bei denen das Gepäck aus einem 65-Liter-Rucksack bestand: „Trotzdem habe ich zuhause noch ungetragene Sachen ausgepackt.“ Für materiellen Luxus hat er in seinem Leben sowieso wenig übrig. Als Journalist verfolgte er den Trend zu Downsizing und Upcycling, Minimalismus und Achtsamkeit. Regelmäßig überlegt er: „Wie viel brauche ich wirklich?“

Der ganz normale Überfluss?

Dann stieß er auf einen Zeitungsartikel. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts, hieß es da, bestand statistisch die Habe eines Erwachsenen in unseren Breiten aus etwa 100 Dingen. Heute, nur sechs Generationen später, kommt ein Europäer durchschnittlich auf 10.000. „Das hat mich erschreckt“, bekennt Dreyer.

Brauch ich das oder will ich das nur?

Er betrachtete seine Wohnung aus der Perspektive der Notwendigkeit. Ging vorbei an Bücher-, Platten- und CD-Sammlungen, dem vollen Kleiderschrank, Schuhen, Küchenutensilien, bis hin zu den Fahrrädern im Keller. „Von allem zu viel“, so sein Urteil. Dabei hatte er seine beachtliche Beobachtungsliste bei eBay und den noch längeren Wunschzettel bei Amazon gar nicht berücksichtigt.

Die Konsequenz: Konsumverzicht

An diesem Tag im Oktober 2016 begann sein radikaler Selbstversuch: „In den nächsten zwölf Monaten kauf ich mir nichts!“ Weder spontan, noch aus Lust, Frust oder zur Belohnung. Natürlich wurde weiter gekocht und gegessen, geputzt, gewaschen und gearbeitet und alles besorgt, was dafür nötig war. Auch die Familie sollte sich nicht einschränken. Für jede andere Anschaffung galt eisenhart: „Brauch ich das oder will ich das nur?“

Sven-André Dreyer in weißem Shirt auf weißem Grund.
Der Buchautor und Journalist Sven-André Dreyer lebt seit über einem Jahr den bewussten Konsumverzicht – und fühlt sich dadurch bereichert. Foto: Thomas Stelzmann

Kreative Lösungen

Er brauchte tatsächlich: Nichts. Auch, wenn der Anfang schwer war: „Die Wünsche werden ja nicht plötzlich weniger.“ Bekannte reagierten irritiert. Was tun, wenn die Hose reißt, ein Geburtstag ansteht oder Werkzeug fehlt? Dreyer konterte kreativ. Er lernte stopfen, flicken, reparieren: „Dafür gibt es tolle YouTube-Tutorials.“

Statt Zeug verschenkte er Zeit, lud Freunde zu Picknicks und Ausflügen ein: „Das kann man sich nicht ins Regal stellen. Aber die gemeinsamen Erlebnisse haben alle genossen.“

Auch auf die fast vergessene Kultur des Leihens kam er zurück. Irgendwer hatte immer das Nötige zur Hand, vom Raclette-Grill bis zum Stemmeisen. Jeder gab gern, zum Dank half er mit Tatkraft, beispielsweise im Garten oder beim Umzug. Nach der Nutzung gingen die Sachen zurück „und standen nicht bei mir rum“, sagt Dreyer augenzwinkernd.

Was macht den Menschen aus?

Vieles von dem, was bei ihm rumstand, hat er verschenkt und verkauft. Eigentum verpflichtet, muss gepflegt und verwaltet werden, manchmal belastet es sogar. Verlegenheitsgeschenke, Erbstücke, Dinge, die kurz Freude machten, danach aber vor allem müde.

Ich habe mehr Platz, mehr Zeit, einen klareren Kopf, bin befreit vom Kaufzwang.

Geleitet von der Frage: „Was macht mich aus – das, was ich habe oder das, was ich bin?“ trennte er sich sogar von seinem Mountainbike, ein Fahrrad sollte reichen. „Als es schneite, hab ich‘s vermisst“, räumt Dreyer ein, „aber zu Fuß und mit der Bahn war ich ja auch mobil.“

Minimalismus: Die neue Freiheit

Nach zwölf Monaten hatte sich seine Habe deutlich reduziert, kein einziges neues Teil war dazugekommen. Durchhalten fiel leichter als gedacht: „Nur freiwillig muss es sein und Konsequenz gehört dazu.“ Werbung lockt ihn nicht mehr, stattdessen fühlt er sich durch den Konsumverzicht bereichert: „Ich habe mehr Platz, mehr Zeit, einen klareren Kopf, bin befreit vom Kaufzwang.“

Darum hat er einfach weitergemacht mit „Ich kauf nix!“, bis heute. Selbst Frau und Töchter sind, teilweise, darauf eingestiegen. Zu Weihnachten einigte sich die Familie auf ein Geschenk pro Nase. Seine Älteste wünschte sich: „Marken-Sneaker… und die pflegt sie jetzt ganz sorgsam“, lacht Sven Dreyer.

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