Technik

Mehr als ein Flachs: Autoteile aus Pflanzen

von Alexander Cohrs

Zwei Studenten-Teams suchen unabhängig voneinander nach einem leichten und sicheren Werkstoff für den Autobau – und kommen ausgerechnet auf Flachs.

Feld mit Flachs-Pflanzen
Weites Feld: Pflanzen wie hier Flachs können zur Herstellung von Autoteilen verwendet werden. Foto: picture alliance / blickwinkel/R. Koenig

Das erfahren Sie gleich:

  • Herkömmliche Elektroautos sind nicht immer nachhaltig
  • Die Herstellung von Kohlefaser oder Aluminium benötigt viel Energie
  • Die Lösung könnten Karosserieteile aus Flachs sein

Die Karosserie besteht aus Flachs

Die Zukunft des Automobilbaus geht mir gerade mal bis zur Brust. Diese Zukunft ist 1,30 Meter flach, 1,30 Meter schmal und 3,50 Meter kurz. Aus der Perspektive eines herkömmlichen Autos ist das alles ziemlich klein – und aus der Perspektive eines SUV geradezu winzig.

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Das Auto, um das es hier geht, heißt Lina. Es hat ein wirklich cooles Glasdach, das ohne störende Quersäule von ganz hinten am Heck bis vorne reicht und direkt in die Windschutzscheibe übergeht. Es trägt einen Einarm-Scheibenwischer, ein leicht an die Marke Mini erinnerndes Heck und Spaltmaße, durch die es bei der Fahrt sicherlich übel zieht. Aber darum geht es hier gar nicht. Es geht darum, dass die komplette Karosserie dieses Fahrzeugs aus Pflanzen besteht. Genauer gesagt: aus Flachs.

Pflanzen lösen ein großes Dilemma

Autoteile aus Pflanzen und nachwachsende Rohstoffe für Karosserien könnten ein Kernproblem der Elektromobilität lösen: Um Elektroautos effizient zu betreiben, müssen sie leicht sein. Deshalb verwenden viele Hersteller Autoteile aus Aluminium oder Kohlenstofffaser. Deren Herstellung ist aber wiederum so energieintensiv, dass sich das Ganze aus Sicht der Nachhaltigkeit möglicherweise gar nicht rechnet.

Studenten der Hochschulen in Eindhoven und in Trier haben jetzt unabhängig voneinander nach einer Lösung für das Dilemma gesucht – und sind beide beim Flachs gelandet. Die Holländer haben daraus das Autochen Lina gebaut, die Deutschen ein absolut crashsicheres Monocoque, das später im Elektroauto „Evolution“ zum Einsatz kommen soll.

Nele Jonk von der TU Eindhoven auf der IAA 2017 mit dem Flachsauto Lina
Messeauftritt: Teammanager Jelle Vonk von der TU Eindhoven mit dem Flachsauto Lina – hier bei der IAA 2017. Foto: aio

Als wir die Idee in der Industrie vorgestellt haben, haben die zuerst gedacht, wir würden zu viele Joints rauchen.

Aber erst mal zu Lina. Mithilfe von Hitze und Druck pressen die 20 zum Team zählenden Studenten aus Eindhoven den Flachs zu wabenartigen Paneelen, die etwa die Stärke von Glasfasern haben sollen. Dass diese Bauart sicher ist, musste das Team in virtuellen Crashtests nachweisen, um eine Straßenzulassung für den Prototypen zu bekommen. „Flachs als Rohstoff wirkt natürlich erst mal seltsam“, sagt Teammanager Jelle Vonk (20), „als wir die Idee in der Industrie vorgestellt haben, haben die zuerst gedacht, wir würden zu viele Joints rauchen.“

Jetzt aber steht da ein kompletter Prototyp. 300 Kilo leicht, vier Sitze, zwei E-Motoren mit jeweils 3,6 Kilowatt Leistung – das reicht für 80 km/h. Die drei herausnehmbaren Batterien ermöglichen etwa 100 Kilometer Reichweite. Alles klein, leicht und einfach. Vonk sagt dazu: „Wir als junge Generation wollen zeigen, was uns bei einem Auto wichtig ist. Welchen Sinn hat es, jeden Tag in einem Zwei-Tonnen-Auto zu fahren?“

Die Autoteile sparen Gewicht und Kosten

Die Studenten vom Team ProTRon an der Uni Trier fragen sich das schon länger – sie haben bereits 2014 begonnen, mit Naturfaserkomponenten im Autobau zu experimentieren. Ihnen geht es dabei gar nicht darum, ein Bio-Auto zu bauen, sondern um die Energieeffizienz und um die Sicherheit. Ein Autodach aus Naturfasern könne gegenüber den ja auch schon leichten Kohlefasern rund 20 Prozent Gewicht und rund 30 Prozent Kosten einsparen, sagt Teamleiter Johann Wacht (26). Und stark genug sind sie offenbar auch: Bei den Belastungstests gab nicht etwa das Monocoque nach – stattdessen machte die Werkstoffpresse bei 15 Tonnen Belastung schlapp.

Ein kleiner Akku reicht in 90 Prozent der Fälle aus.

Wie ihre Kollegen aus Eindhoven denken auch die Studenten aus Trier, dass ein Auto nicht groß und schwer sein sollte: Der Evolution soll zwar ein vollwertiges Auto sein, aber nur einen kleinen Akku für 100 Kilometer Reichweite tragen. „Das reicht in 90 Prozent aller Fälle aus“, sagt Wacht, „uns geht es darum, die Menschen in den ländlichen Regionen an den Nahverkehr anzubinden, von wo aus sie dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiterfahren können.“

Ein bisschen Spaß an der Geschwindigkeit haben die Studenten aber dann offenbar doch entwickelt: Gerade denken sie über den Einsatz ihrer Flachsbauweise im Motorsport nach. Da hat sie neben dem geringen Gewicht nämlich noch einen anderen Vorteil, erklärt Wacht: „Unsere Naturfaser splittert nicht und hat eine weiche Bruchkante.“ Vielleicht fahren also bald auch Formel-1-Boliden oder andere Rennserien auf den Flachs ab.

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