Leben

Majuli: Der Forest Man pflanzt seit 40 Jahren täglich einen Baum

von Sabrina Lieb

Jadav Payeng will die vom Klimawandel bedrohte Flussinsel Majuli retten – und arbeitet dafür unermüdlich. In Indien nennen sie ihn deshalb den Forest Man.

Nahaufnahme eines Setzlings, der aus der aufgelockerten Erde hervorschaut.
Zartes Pflänzchen: Setzling in frischer Erde. Foto: Shutterstock/PreLa

Das erfahren Sie gleich:

  • Warum die Insel Majuli in Indien besonders vom Klimawandel betroffen ist
  • Weshalb ein Inder seit 40 Jahren jeden Tag einen Baum auf Majuli Island pflanzt
  • Wie groß der Wald des Forest Man inzwischen ist und was es für den Naturschutz gebracht hat

Majuli: Eine Insel versinkt im Waser

Armut und Klimawandel verbinden sich in Indien zu einem verheerenden Teufelskreis. Insbesondere Majuli Island versinkt im Wasser – in den letzten Jahren sorgte die Flussinsel im Nordosten Indiens immer wieder für Schreckensmeldungen.

Jahrzehntelang fällten die Einwohner dort Bäume und setzen damit ihren Lebensraum der Erosion aus. In den Zeiten der Erderwärmung jedoch schmelzen die Gletscher des Himalayas, die Flüsse führen noch mehr Wasser. Der Brahmaputra, der mit 3100 Kilometern zu den längsten Flüssen der Erde zählt, hat nach einem Erdbeben sogar noch seinen Lauf verändert.

Mit verheerenden Folgen: Durch die großflächige Entwaldung der Insel nagt der Fluss seither an den Ufern Majulis und hat in den letzten Jahrzehnten bereits ein Drittel der Inselfläche weggespült. Wenn das so weitergeht, dann wird Majuli Island in den nächsten 15 Jahren untergehen und mit ihr auch die Dörfer, Felder und der Lebensraum von derzeit rund 200.000 Einwohnern.

Während die Bemühungen der Regierung, die Ufer der Insel zu befestigen, bislang nur wenig Erfolg brachte, versucht eine Einzelner durch gezieltes Aufforsten den Fluten entgegenzuwirken. In Indien nennen sie ihn den Forest Man.

Vom Fluss aus fotografierte Ansicht von Majuli Island.
Auf Majuli Island wachsen wieder Bäume Foto: Shutterstock/Daniel J. Rao

Die Lebensaufgabe des Forest Man

Seit über 40 Jahren zieht Jadav Payeng seine Kreise und wandert tagein tagaus über die größte Flussinsel der Erde. Mit im Gepäck: Samen und Setzlinge, mit denen er einen Baum nach dem anderen pflanzt. Jeden Tag.

Mit seiner Initiative ist Jadav ein außergewöhnliches Beispiel eines Mannes, der sich die Rettung eines Lebensraumes zur Lebensaufgabe gemacht hat.

Eine Erfahrung aus seiner Kindheit bewog den damals 16-Jährigen, fortan eigene Bäume zu pflanzen. Jadav war gerade unterwegs, als er auf eine Sandbank stieß, von der sich das Wasser zurückgezogen hatte. Das Gebiet im Bundesstaat Assam war übersät von toten Schlangen und Reptilien. „Ich habe mich hingesetzt und ihre leblosen Körper beweint“, blickt Jadav zurück.

Der Junge war entsetzt: „Die Schlangen starben in der Hitze, weil kein Baum Schatten spendete.“ Er alarmierte sofort die örtliche Forstverwaltung, bat um den Anbau von Bäumen. Doch die wimmelte den Jungen ab. Womit die Behörden allerdings nicht rechneten, war die Entschlossenheit, mit der der damalige Teenager die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen würde.

Forest Man Jadav Payeng steht im Wald
Der Forest Man: Jadav Payeng Foto: picture alliance / dpa

Auf Majuli Island wachsen wieder Bäume

Wenige Tage später brachte der Forest Man von seinem Heimatdorf Kolonien von roten Ameisen mit nach Majuli, um den Inselboden fruchtbarer zu machen. Kurz darauf begann Jadav erstmals Gräser und Bambus anzubauen. In den folgenden Monaten musste er viele verschiedene Samen und Setzlinge beschaffen, die zarten Pflanzen bewässern und seine kleinen Gärten hegen und pflegen.

Payeng kämpfte unermüdlich und bei jedem Wetter um seine kleinen Baumplantage. Oft blieb der Junge auch über Nacht und sprach liebevoll zu seinen Pflanzen, die sich nach und nach immer besser entwickelten. Nach einiger Zeit begannen sie in die Höhe zu wachsen und selbst Samen für ihren Nachwuchs zu liefern.

So gelang es ihm tatsächlich, Bäume großzuziehen, sie zu mehren und zu schützen. Unterstützt von seiner bemerkenswerten Hingabe konnte sich so die Natur immer weiter ausdehnen und das Wachstum der Bäume auf Majuli vorantreiben.

Forest Man: Indien feiert seinen Helden

Heute misst der durch Jadav angepflanzte Wald auf Majuli Island rund 5,7 Quadratkilometer. Zum Vergleich: Der New Yorker Central Park ist 3,41 Quadratkilometer groß. Durch Jadavs Engagement entstand nicht nur ein ganzer Inselwald, sondern ein echtes Ökosystem mit unterschiedlichsten Pflanzen und einer vielfältigen Tierwelt.

Der Baum ist eine Wurzel allen Lebens.

Forest Man Jadav Payeng

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Dort, wo vor Jahrzehnten nur noch Einöde herrschte, leben nun wieder Nashörner, Tiger, Elefanten und Geier in üppig grünem Dschungel. „Der Baum ist eine Wurzel allen Lebens. Wir müssen die Natur schützen, sonst überleben wir nicht“ – früher sorgte Jadav für Hohn und Spott mit solchen Sätzen.

Heute wird der Mann mit den dunklen Haaren nicht nur auf Majuli Island wie ein Nationalheld gefeiert. Der ehemalige Präsident verlieh Jadav sogar den Titel „Forest Man of India“. Inzwischen wird der Mittfünfziger auch von den Behörden anerkannt. Vermutlich schon deshalb, weil es weniger Geld kostet, Bäume zu pflanzen als Menschen umzusiedeln.

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