Technik

Digital Key: Löst das Smartphone den Autoschlüssel ab?

von Ji-Hun Kim

Der gute alte Autoschlüssel wird immer mehr vom Smartphone verdrängt – der analoge Schlüssel passt nicht mehr in unser modernes, vernetztes Leben.

Löst das Smartphone den Autoschlüssel ab?
Auf Knopfdruck: Zum Start des Motors ist der Autoschlüssel heute schon in vielen Autos nicht mehr nötig. Foto: Shutterstock / baitong333

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie das Smartphone den Autoschlüssel überflüssig machen könnte
  • Welche neuen Möglichkeiten der Digital Key für die Automobilbranche bietet
  • Warum ein Verzicht auf einen Autoschlüssel auch ein Risiko darstellt

Noch bevor sich die Zukunft der Technik vollends der Autonomie verschreibt, verabschieden wir uns sukzessive von alten, analogen Gewohnheiten. Das Car Connectivity Consortium (CCC) zum Beispiel will mit dem sogenannten Digital Key den klassischen Autoschlüssel durch das Smartphone ersetzen.

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Verdrängt das Smartphone den Autoschlüssel?

Serien- und Autofans der 1980er und -90er Jahre kennen vermutlich die amerikanische Fernsehserie "Knight Rider" mit David Hasselhoff in der Hauptrolle. Eigentlicher Hauptdarsteller: der schwarze Pontiac Firebird Trans Am mit dem Namen K.I.T.T. (Knight Industries Two Thousand – also der Knight 2000). Auf Kommando öffnete K.I.T.T. seine Türen und startete den Motor, ohne dass der Protagonist auch nur einmal einen Autoschlüssel in der Hand halten musste.

Heute, über 30 Jahre später, sind zahlreiche dieser damaligen Effekte Realität geworden. Antreiber des Fortschritts ist allerdings ein Produkt, das in der Entstehung und Entwicklung mit Autos zunächst gar nichts zu tun hatte: das Smartphone.

Die Integration von Smartphones in ein zeitgemäßes automobiles Umfeld beschäftigt die allermeisten Autobauer. Heute lässt sich ein Smartphone für vielerlei Funktionen im Fahrzeug nutzen.

Durch Schnittstellen wie Android Auto und Apple CarPlay lässt sich die Lieblingsmusik vom Handy abspielen, die im Smartphone integrierte Navigation verwenden oder auch Sprachassistenten wie Siri oder Google Now nutzen.

Car Connectivity Consortium will Standards schaffen

Dass das Smartphone das Auto öffnet und startet – und somit den Autoschlüssel überflüssig macht –, ist an sich ebenfalls nichts Neues. Autohersteller wie Tesla, Audi oder Daimler nutzen die Technologie bereits seit längerem für ihre Fahrzeuge. Bislang aber fehlt ein branchenweiter Standard, der auch über einzelne Marken hinweg gültig ist.

Mit ihrem Digital Key will das Car Connectivity Consortium diese Lücke schließen, indem es einen offenen Standard etablieren will. Zu den Mitgliedern des CCC gehören neben einigen Automobilherstellern wie Audi, BMW, Hyundai und Volkswagen auch Elektronikkonzerne wie Panasonic, Samsung und Qualcomm. Google und Microsoft sind bislang nicht Teil des Konsortiums.

Mitte Juni veröffentlichte das Car Connectivity Consortium ein White Paper zum Konzept des Digital Key in der Version 1.0.

Darin heißt es unter anderem:

Der Digital Key ist nicht dafür bestimmt, den alten Autoschlüssel vollständig zu ersetzen – zumindest nicht zu Beginn. Stattdessen soll er vielmehr eine Bereicherung für den Nutzer darstellen und die Bequemlichkeit erhöhen.

CCC, White Paper

Digital Key: Vielseitige Anwendungsmöglichkeiten

Zentrale Funktion des Digital Key 1.0 ist unter anderem das selbstständige Öffnen bzw. Verriegeln der Türen, sobald sich der Fahrer samt Smartphone dem Fahrzeug nähert. Dabei soll keinerlei Interaktion nötig sein. Das Auto erkennt das Smartphone – und umgekehrt – und entriegelt automatisch.

Im White Paper weist CCC aber darauf hin, dass entsprechende Sicherheitsmaßnahmen für diese Funktion noch ausgearbeitet werden. Denn ansonsten bestünde die Gefahr, dass bei Diebstahl des Smartphones auch das Auto potenziell mit verschwindet.

Alternativ soll sich das Smartphone auch an einen Sensor halten oder das Auto per App öffnen lassen, wie heute schon oft üblich.

Android Auto und Co: Das digitale Leben im Auto
Smartphone im Mittelpunkt: Mit Diensten wie Apple Carplay oder Android Auto nimmt der Besitzer seine Datenzentrale mit ins Auto. Foto: Shutterstock / edgeplorer

Auch das Starten des Motors soll der Digital Key vereinheitlichen. Um ein versehentliches Starten zu vermeiden, beschränkt sich diese Funktion auf die Fahrgastzelle. Erst wenn der Fahrer sich im Inneren des Autos befindet, wird die Funktion freigeschaltet und das Auto lässt sich starten.

Besonders interessant ist zudem die Möglichkeit, den digitalen Autoschlüssel temporär weiterzugeben. So könnte man zum Beispiel dem Nachbarn kurzerhand den Schlüssel schicken, damit er das Auto umparkt, und ihm anschließend das Nutzungsrecht wieder entziehen.

Oder aber man erlaubt dem Paketboten den kurzzeitigen Zugriff auf den Kofferraum, um ein Paket zu hinterlegen, wenn niemand zuhause ist.

Eltern, die ihrem Kind das Auto zur Verfügung stellen, können Zeiten festlegen, in denen der Schlüssel funktioniert, oder die Geschwindigkeit begrenzen, die auf dem Digital Key hinterlegt wird.

Darüber hinaus will das Car Connectivity Consortium den Digital Key nicht bloß auf die Automobilbranche beschränken, wenngleich vor allem auch die Carsharing-Anbieter von der vereinfachten Weitergabe ihrer Fahrzeugschlüssel profitieren dürften.

Doch auch im Flottenmanagement von Fuhrparks oder im Hotelgewerbe finden sich passende Anwendungsszenarien, in denen ein digitaler Schlüssel sinnvoll wäre. Weil CCC auch bei der Datenübertragung auf bereits etablierte Industriestandards, wie Bluetooth, NFC oder GSMA, setzt, dürfte eine Ausweitung des Angebots auf andere Bereiche nur eine Frage der Zeit sein.

Wann genau der Digital Key tatsächlich bei den teilnehmenden Autoherstellern zum Einsatz kommt, geht aus dem White Paper nicht hervor. Fest steht aber, dass das CCC bereits Version 2.0 entwickelt. Diese soll Anfang 2019 veröffentlicht werden und ein standardisiertes Authentifizierungsprotokoll zwischen Fahrzeug und Smartphone einführen.

Das Smartphone als Autoschlüssel – nur eine Zwischenlösung?

Bleibt die Frage: Wird das Smartphone den Autoschlüssel für immer ablösen? Die Antwort dürfte lauten: Jein. So vielseitig die Vorzüge auf dem ersten Blick sind – der Smartphone-Schlüssel dürfte dennoch eine Übergangs- bzw. komplementäre Lösung sein.

Wer nämlich vollständig auf den digitalen Autoschlüssel setzt, braucht zum einen in der Regel eine intakte und stabile Netzverbindung für die App und vor allem genug Strom auf dem Handy. Wer mit leerem Smartphone sein Auto auf dem Land geparkt hat, könnte mit der neuen Technik Probleme bekommen – und leere Telefon-Akkus gehören heute häufiger denn je zum Alltag.

Der Amerikaner Ryan Negri ist in seinem Tesla Model S in der Wüste bei Red Rock Canyon in der Nähe von Las Vegas gestrandet, da die Netzabdeckung nicht mehr reichte, um mit der Auto-App das Fahrzeug zu steuern.

Updates

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Vor allem aber ist fraglich, ob Smartphones, so wie wir sie heute kennen und nutzen, in Zukunft überhaupt noch eine so eminente Rolle spielen werden. In der Tech-Branche geht man davon aus, dass ohnehin in naher Zukunft Wearables – sprich tragbare Mikro-Computer – an Stelle von Handys rücken werden.

Es ist also gut möglich, dass man bald sein Fahrzeug per Sprachbefehl über die eigene Smartwatch rufen kann. Womit wir wieder bei der TV-Serie "Knight Rider" wären. Auch hier hat Michael Knight mit seinem Auto K.I.T.T. über seine Armbanduhr kommuniziert. Science-Fiction von damals ist heute also schon definitiv denkbar – und alles andere als eine Spinnerei.

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