Leben

Leben ohne Limit: Weshalb manche Menschen Risiken lieben

von
Dr. Kai Kaufmann

Sie leben ohne Limit wie ein Formel-1-Pilot im Geschwindigkeitsrausch? Dahinter könnte nicht nur der Adrenalin-Kick stecken, sondern ein anderer Wunsch...

Ein Rennfahrer mit Helm.
Rennfahrer im Rausch: Wer die Geschwindigkeit liebt, der liebt oft auch grundsätzlich das Risiko. Foto: getty images

Das erfahren Sie gleich:

  • Weshalb der Adrenalin-Kick den Geschwindigkeitsrausch nicht allein erklärt
  • Was die Hirnforschung über Menschen ohne Limit verrät
  • Was mega-erfolgreiche Manager mit Rennfahrern verbindet
  • Was wir von Rennfahrern über positive Gefühle lernen können

Es gibt Menschen, die haben das Risiko zu ihrem Beruf gemacht. Für die meisten von uns klingt das vor allem nach Angst und ziemlich verrückt. Aber ein bisschen Formel-1-Fahrer steckt eben doch in vielen von uns. Psychologen nennen Menschen mit großer Lust auf hohe Risiken und starke Reize "Risk Seekers" und "Sensation Seekers". Sie lieben die Grenzüberschreitung, das Leben am Limit. Doch was reizt Rennfahrer an dem ultimativen Geschwindigkeitsrausch? Weshalb ist eine Affäre für den einen ein echter Kick und für den anderen ein zermürbender Konflikt?

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Geschwindigkeitsrausch: Hormon-Kick wie auf Droge

Katapultieren Rennfahrer ihre Boliden mit 330 PS über die Strecke, fluten die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin ihre Adern. Die Stressreaktion fährt im Geschwindigkeitsrausch alle Körperfunktionen herunter, die jetzt nicht gebraucht werden, um Energie für Höchstleistungen bereit zu stellen. Jetzt sind die Rennfahrer hochkonzentriert, ihre Muskeln angespannt und das Herz rast mit. Blitzschnell können sie reagieren.

Die Außenwahrnehmung von leichtsinnigen Waghalsigen ist eine falsche.

Prof. M. Kopp, Universität Innsbruck

Übernehmen die Stresshormone quasi das Steuer, kann sich dieser Energieschub wie der Rausch einer Droge anfühlen. Psychologen sprechen bei diesem Gefühl auch von einem Flow-Zustand. Etwas anders formuliert es Bradley Cooper alias Eddie Morra in dem Sci-Fi-Thriller "Limitless". Darin geht es um einen Schriftsteller, der dank einer Wunderdroge zum Überflieger wird.

"Ich war nicht high. Ich sah einfach vollkommen klar. Ich wusste was ich zu tun hatte und wie ich es zu tun hatte", sagt Eddie Morra in dem Film über seinen Flow-Zustand. Eddie war quasi auf Autopilot und tat instinktiv das Nötige – so wie ein Rennfahrer im Geschwindigkeitsrausch. Wer auf Speed ist, muss eben nicht unbedingt auf Droge sein.

Zwischen Adrenalin-Junkie und Control-Freak

Rennfahrer sind dennoch keine Adrenalin-Junkies ohne Limit. Die Befriedigung von Risikosportlern kommt letztlich aus dem Gefühl, sogar das größte Risiko im Griff zu haben. Das fanden Forscher der Universität Innsbruck und der Deutschen Sporthochschule Köln in Studien heraus. Der Antreiber hinter der Risikolust von Rennfahrern und anderen Risikosportlern ist also die Lust an der Kontrolle.

Im Risikosport sehen wir neben der perfekten Vorbereitung auf die Situation eine vollkommene Auslastung und Konzentration. Die Außenwahrnehmung von leichtsinnigen Waghalsigen ist eine falsche.

Martin Kopp, Prof. am Institut für Sportwissenschaft der Universität Insbruck

Ein Kletterer an einer steilen Felswand.
Extremsportler leben am Limit: Adrenalin-Junkies lieben es, extreme Situationen im Griff zu haben. Foto: getty images / simonkr

Sensation Seekers: Fremdgänger und Manager

Ähnlich den High Risk Seekers gibt es auch die Lust auf starke Reize. Auch die Sensation Seekers lieben Risikosportarten, doch ihre Gier nach starken Gefühlen kann auch in jedem anderen Lebensbereich erfüllt werden: in Liebesbeziehungen außerhalb der Partnerschaft, Fahrverhalten, Wahl des Berufs und kulinarischen Vorlieben.

Sie neigen zu Alkoholmissbrauch, rauchen öfter als Low Sensation Seekers, nehmen öfter Drogen und wählen Jobs mit hohem Stress-Level, so die American Psychological Association über Erkenntnisse des Psychologen Marvin Zuckermann, einem Pionier dieses Feldes.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, was den mega erfolgreichen Manager mit dem Formel-1-Rennfahrer verbinden kann. Des einen Lust am gleichzeitigen Jonglieren von zig Projekten und fetten Budgets ist des anderen Lust an Geschwindigkeitsrausch und Todesgefahr: Hinter beidem kann die Lust an der Kontrolle hoher Risiken stehen. Wer viel Verantwortung trägt und beruflich ständig auf der Überholspur unterwegs ist, kennt auch die Genugtuung, am Ende trotz mega Stress alles gewuppt bekommen zu haben.

Hirnforschung: Gibt es organische Unterschiede?

Was unterscheidet Menschen mit dem Drang zum Leben am Limit und jene, die lieber in engeren Grenzen leben? Zuckermanns Studien zeigen, dass es einen Unterschied im Orientierungsreflex (OR) gibt. An diesem Reflex können Forscher ablesen wie stark das Interesse ist, das ein neues Objekt in der Wahrnehmung eines Menschen hervorruft.

Konfrontierte man in einem Experiment Menschen mit weniger Lust auf starke Reize mit einem Geräusch in moderater Lautstärke, stieg ihre Herzfrequenz. Bei der Gruppe der Menschen, die am Limit leben, senkte sich die Herzfrequenz. Ihr Gehirn und Nervensystem scheint schlichtweg eine geringere Reizempfindlichkeit zu haben. Eine schöne Entschuldigung, sollte der nächste Seitensprung ans Tageslicht kommen.

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Die Hirnforschung hat sogar Unterschiede in verschiedenen Regionen des Gehirns – dem Cortex – von High- und Low Sensation Seekers zeigen können. Und selbst auf biochemischer Ebene funktionieren beide Typen unterschiedlich, zeigen die Studien von Dr. Marvin Zuckermann von der McGill University in Montreal. Wer gern Grenzen überschreitet, hat demnach einen niedrigeren Spiegel eines Enzyms, das das Glückshormon Dopamin freisetzt. Diese Menschen brauchen demnach stärkere Reize, um Glücksgefühle zu entwickeln

Immer offen für neue Erfahrungen

Was können wir lernen von Risikosportlern und anderen Sensation Seekers? Wer am Limit lebt, tut dies der Erfahrung willen, zeigen die Studien von Marvin Zuckermann. Diese Menschen suchen aktiv nach neuen Erfahrungen. Und dies tun sie nicht allein, weil ihnen Hormone oder Reize fehlen, fand der Psychologe heraus. Sie sind in ihren Erlebnissen ganz im Moment, genießen ihn ohne Ablenkung und hochkonzentriert. Ein schöner Zustand – es muss ja nicht immer bei einem Rennen sein.

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