Leben

Larissa Suzuki: "Nur eine Stadt für alle ist wirklich smart"

von Alexander Cohrs

Smart Citys, Internet of Things und autonome Autos sind ja schön und gut – aber was haben die Menschen davon? aio hat Expertin Dr. Larissa Suzuki gefragt.

Dr. Larissa Suzuki beim MQ! Summit von Audi.
Informatikerin und Entwicklerin Dr. Larissa Suzuki ist davon überzeugt, dass eine Smart City für alle Menschen smart sein muss. Foto: AUDI AG

Das erfahren Sie gleich:

  • Warum schnelles Internet auch auf dem Land so wichtig ist
  • Wie die Bewohner eine Smart City mitentwickeln können
  • Weshalb autonome Autos mehr als eine Spielerei sein sollten

Dr. Larissa Suzuki vom University College London ist Informatikerin, Datenanalystin und Entwicklerin von Smart Citys. Im Interview mit aio spricht sie über die technologischen Herausforderungen, die Smart Citys insbesondere für das Umland stellen – und darüber, wie die Bewohner dieser Gegenden für die neue Datenwelt zu begeistern sind.

Das Gespräch fand am Rande des MQ! Innovation Summit von Audi in Ingolstadt statt, bei dem Larissa Suzuki die Abschlussrede hielt.

Smart Citys brauchen überall schnelles Internet

aio: Auf der einen Seite sprechen alle über Smart Citys und das Internet of Things, auf der anderen Seite gibt es selbst in hoch entwickelten Ländern wie Deutschland große Landstriche ohne schnelles Internet. Wie passt das zusammen?

Dr. Larissa Suzuki: Die Verbindungstechnik ist unheimlich wichtig. Mit Sensoren können wir noch so viele Daten sammeln, aber wenn wir keine gute Internetabdeckung haben, sind wir nicht in der Lage, diese Informationen zu sammeln. Ein Beispiel: Wenn ich Sensoren in eine Brücke einbaue, aber keine gute Internetverbindung mit geringen Verzögerungen habe, kann ich bei Erschütterungen der Brücke nicht rechtzeitig reagieren.

Datenanalystin Dr. Larissa Suzuki gestikuliert im Interview.
Datenanalystin Dr. Larissa Suzuki im Gespräch mit aio-Chefredakteur Alexander Cohrs-Henschel. Foto: AUDI AG

Wie können wir das ändern?

Viele Politiker konzentrieren sich darauf, Hochgeschwindigkeitsnetze in bestimmten Gegenden der Städte zu etablieren. Gleichzeitig gibt es aber außerhalb große Bereiche, die über gar keine Internetverbindung verfügen.

Was soll mit den Menschen passieren, die dort leben? Was ist mit ihren Rechten? Sie haben das Recht, eine Arbeit anzunehmen, Zugriff auf Informationen zu bekommen, Online-Behördendienste zu nutzen.

Eine Stadt kann nicht als smart bezeichnet werden, solange sie nur in bestimmten Bereichen ein schnelles 5G-Netz hat und in anderen nicht.

Die Smart City sollte organisch wachsen

Bedeutet das, dass wir gar nicht groß über Smart Citys diskutieren müssen, bevor wir nicht flächendeckend schnelles Internet haben?

Wir sollten auf jeden Fall darüber reden – aber eben nicht nur über die Möglichkeiten, sondern auch über die Einschränkungen. Und wir sollten zuerst klare Ziele festlegen. Wenn ich zum Beispiel autonomes Fahren ermöglichen will und dafür hohe Verbindungsqualitäten brauche, wo sollte ich beginnen?

Jedes Individuum sollte an der Entwicklung teilhaben können – und niemand ausgeschlossen werden.

Dr. Larissa Suzuki

Wir könnten in den bestentwickelten Gegenden der Stadt anfangen, aber sollten dann schon darüber nachdenken, wie die Technologie in andere Stadtteile erweitert werden kann. Das ganze System kann dann organisch wachsen, so dass jedes Individuum an dieser Entwicklung teilhaben kann und niemand zurückgelassen wird.

Dr. Larissa Suzuki beim MQ! Summit von Audi.
Smarte Technologie muss aus der Bevölkerung heraus entstehen – und darf nicht von der Politik einfach beschlossen werden, so Suzuki. Foto: AUDI AG

Zumal sich ja schon jetzt viele Menschen ausgeschlossen fühlen...

Ja, denken Sie an blinde Menschen, an behinderte Menschen, an Menschen, die nicht so einfach zur Arbeit gehen können wie wir. Wir können sie nicht dafür verantwortlich machen, dass sie nicht glücklich sind mit dem, was wir machen, wenn wir sie vorher ausgeschlossen haben.

Deshalb sage ich: Eine Smart City ist nur dann eine Smart City, wenn sie ein Spiegel der Gesellschaft ist. Wenn die Stadt nicht für alle da ist, dann ist sie vielleicht eine Stadt der Techies – aber auf keinen Fall smart.

Politiker müssen auf Bewohner und Experten hören

Wenn Sie Bürgermeister einen Kleinstadt wären, wie würden Sie diese Stadt smart machen?

Zunächst sollten wir viel stärker zusammenarbeiten. Wir müssen die Experten einbeziehen. Regierungen brauchen eine Infusion von Leuten, die sich mit Technologien auskennen. Indem wir Experten an den Tisch holen und gleichzeitig die Stimmen der Bewohner hören, lernen wir, wo die Probleme liegen und welche konkreten Ziele wir erreichen wollen.

Im Moment kommen viele technologische Entwicklungen nur von oben. Politiker sagen: Ich denke dies, ich denke das, aber es kommt immer aus einer privilegierten Perspektive. Derjenige Politiker ist vielleicht nie mit dem Bus gefahren.

Dr. Larissa Suzuki beim MQ! Summit von Audi.
Autonome Autos sind vor allem für behinderte Menschen eine Möglichkeit, ihr Leben selbstbestimmt zu führen, so Suzuki. Foto: AUDI AG

Sie sprechen von einem "Middle-out-Ansatz", um Akzeptanz für neue Technologien zu erzeugen. Können Sie erklären, was das ist?

In Smart Citys gibt es viele Initiativen, die aus der Bevölkerung hervorgehen, zum Beispiel Start-ups. Manche arbeiten hier, andere dort, aber oft deckt sich das nicht mit den großen Regierungsprogrammen.

Manchmal wird eine gute Idee nur deshalb abgelehnt, weil die Menschen nicht darauf vorbereitet sind.

Larissa Suzuki

Der herkömmliche Top-Down-Ansatz von Regierungen ist: Lasst uns dieses oder jenes tun. Dann bringen sie Technologien zu den Menschen, ohne zu wissen, ob die Menschen überhaupt dafür bereits sind. Manchmal entsteht eine große Ablehnung nicht daraus, dass die Idee schlecht ist, sondern dass die Leute nicht darauf vorbereitet sind.

Der Middle-out-Ansatz bedeutet, beides zu vereinigen – die Initiativen aus der Bevölkerung und die großen Regierungsprogramme. Bringe Leute an den Tisch, sammele ihre Anforderungen und vereinige alles.

Autonome Autos sollten mehr als ein Spielzeug sein

Wir reden hier beim MQ! Innovation Summit über die Mobilität von morgen. Gibt es besondere Herausforderungen an Smart Citys, was diese Mobilität betrifft?

Wir sprechen viel über autonome Autos, aber gleichzeitig fragen sich viele Menschen: Wofür brauche ich das denn überhaupt? Im Moment zeichnen wir immer das Bild: Du kannst dich entspannen und Netflix gucken, während du von A nach B fährst.

Aber wenn man mal das größere Bild betrachtet: Weltweit sitzen 85 Millionen Menschen im Rollstuhl. Sie sind abhängig von einem Fahrer, sonst kommen sie nicht von A nach B. Es gibt außerdem 185 Millionen Menschen mit Sehbehinderung. Können wir nicht diesen Menschen helfen?

Wenn wir der Menschheit mit solchen neuen Technologien helfen, dann werden diese eine breite Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten. Und wir brauchen diese Unterstützung. Denn wir wollen ja, dass die Menschen die Systeme testen und nutzen, und wir wollen in der Lage sein, Daten zu sammeln.

Deshalb glaube ich: Wir müssen den Menschen zeigen, dass selbstfahrende Autos nicht nur eine Technologie sind. Sie sollen mehr als ein Spielzeug sein – nämlich eine Bereicherung für die Menschheit.

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