Elektromobilität

Lärm für mehr Sicherheit: Elektroautos bekommen eigenen Sound

von Alexander Kraft

Wie klingt ein Elektroauto? Offenbar zu leise. Denn eine neue EU-Verordnung sieht vor, dass auch elektrisch angetriebene Autos zu hören sein müssen.

Lautsprecher wie diese sollen Elektroautos hörbar machen. Denn bislang sind sie zu leise – und deshalb gefährlich.
Erhöhtes Unfallrisiko: Elektroautos sind zu leise. Deshalb lassen die Hersteller passende Sounds entwickeln. Foto: Shutterstock/Sashkin

Das erfahren Sie gleich:

  • Wieso Elektroautos eine Gefahr für Fußgänger darstellen
  • Wie Wissenschaftler mit Sound für mehr Sicherheit sorgen wollen
  • Warum vielleicht aber nicht die Lautstärke, sondern die Farbe eines Elektroautos entscheidend ist

Leise Autos als Gefahr für Fußgänger

Mehr als die Hälfte der deutschen Bürger fühlt sich vom Verkehrslärm belästigt, das ergab eine repräsentative Umfrage des Umweltbundesamtes von 2016. Trotzdem ist der Verkehrslärm notwendig, denn er schützt vor Unfällen – vor allem in Hinblick auf die Elektromobilität.

Es klingt paradox: Seit der Erfindung des Automobils tüfteln Hersteller daran den Verkehrslärm, den ein Auto erzeugt, zu reduzieren. Nun sollen ausgerechnet die nahezu geräuschlosen Elektroautos lauter werden. Das hat einen guten Grund: Denn die Gefahr, dass ein Fußgänger von einem E-Auto erfasst wird, ist fast doppelt so hoch gegenüber Benzinern und Dieselfahrzeugen.

Künstlicher Verkehrslärm für mehr Sicherheit

Weil der elektrische Motor selbst keine Antriebsgeräusche verursacht, arbeiten die Hersteller nun daran, den Sound künstlich ins Auto zu bringen: als akustische Warnung für Passanten. Erste Forderungen in diese Richtung stellte der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband bereits 2006.

Bei den derzeitig auf den Straßen fahrenden E-Autos erzeugt nur die Reibung der Reifen auf dem Untergrund ein Geräusch. Für Fußgänger ist das aber zu leise und kaum als anfahrendes Auto zu identifizieren. Außerdem problematisch: Ein stehendes Elektroauto ist von einem parkenden akustisch nicht zu unterscheiden, weil es kein Standgeräusch von sich gibt.

Deshalb müssen ab Juli 2019 neue Elektro- und Hybrid-Modelle Fußgänger per Schallzeichen auf sich aufmerksam machen. Das verlangt eine neue EU-Verordnung. Jedoch mit einer Beschränkung: Der Elektroauto-Sound muss nur bis zu einer Geschwindigkeit von 20 km/h ausgegeben werden. Bei Autos, die schneller fahren, sorgen Aerodynamik und Reifen automatisch für genügend Akustik.

Ab Juli 2021 ist es zudem verpflichtend, dass jedes neu zugelassene Elektroauto ein hörbares Fahrzeuggeräusch erzeugt.

Auto-Sound aus der Konserve

Wie so ein Fahrzeuggeräusch klingen könnte, versucht die Technische Universität München herauszufinden.

Relevant für den richtigen Auto-Sound ist, dass auch Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen E-Autos gut aus den Umgebungsgeräuschen heraushören können. Außerdem soll jedes Modell natürlich auch seinen eigenen, distinktiven Klang haben.Ein Beispiel, wie ein E-Auto klingen könnte, demonstriert die Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen.

Bei den Tests auf dem Weg dorthin hören sich die Wissenschaftler durch verschiedene Sound-Abmischungen und Lärmabstufungen. Bis der passende Sound für ein Modell gefunden ist, vergehen mitunter mehrere Jahre. Eben auch, weil sie sich beim Entwickeln des Sounddesigns an den Wünschen und Vorgaben der Autohersteller orientieren müssen.

Die Geräuschgestaltung bewegt sich dabei vornehmlich im mittleren Frequenzbereich. Sehr tiefe Töne würden große Lautsprecher benötigen, die aber möglichst unauffällig in der Karosserie versteckt sein müssten. Bei zu hohen Frequenzen besteht hingegen die Gefahr, dass ältere Verkehrsteilnehmern sie nicht mehr hören können.

Foto: Uli Benz / TU Muenchen

Elektroauto-Sound: 56 Dezibel als Richtwert

Es geht aber nicht bloß darum, das satte Blubbern eines V8-Motors zu imitieren oder das Fauchen eines beschleunigenden Sportwagens, sondern einen eigenen Elektroauto-Sound zu entwickeln, der das E-Auto eindeutig vom Benziner unterscheidet – und auch zur jeweiligen Marke und deren Image passt.

Gleiches gilt auch für die Akustik im Innenraum. Denn der Fahrer eines SUV erwartet einen anderen Klang als ein Sportwagenbesitzer.

Als Richtwert peilen die Hersteller und die Soundbastler eine Lautstärke von 56 Dezibel an, also ungefähr so laut wie ein normal geführtes Gespräch. Da der Elektroauto-Sound aber ohnehin synthetisch erzeugt wird, wäre es auch denkbar, dass sich die Lautstärke adaptiv an Situation oder Uhrzeit orientiert. Nachts zum Beispiel wäre ein E-Auto dann leiser unterwegs oder lauter, wenn es mehrere Personen am Straßenrand registriert.

Theoretisch hätten Hobbytuner und Autofans somit auch im Nachhinein noch die Möglichkeit, den Sound ihres Elektroautos zu verändern. Vermutlich aber nur unter der Einhaltung strenger Auflagen.

Alternative Idee: Farben statt Dezibel

Interessanterweise sehen nicht alle Studien einen direkten Zusammenhang zwischen der Geräuschlosigkeit von E-Autos und einer erhöhten Unfallstatistik. Bereits 2013 veröffentlichte die Universität Duisburg-Essen in Zusammenarbeit mit Ford das Ergebnis eines Experiments, das sich mit Lärmemissionen von Elektroautos beschäftigte.

Die Erkenntnis: Der elektrische Smart Fortwo erreicht mit 58 Dezibel bei 30km/h bereits den angepeilten Richtwert. Und: Ein Opel Agila als Benziner ist im 2. Gang bei 30 km/h mit 59 db kaum lauter.

An dem Experiment nahmen insgesamt 240 Probanden teil, von denen 35 blind oder sehbehindert waren. In ihrer subjektiven Wahrnehmung birgt das Wort "Elektroauto" bereits ein inhärent höheres Gefahrenpotenzial als das Wort "Auto mit Verbrennungsmotor".

Die Studie kommt deshalb zu dem Schluss, dass "zwischen bestimmten Benzinern und Elektroautos auch subjektiv kein Unterschied in der Geräuschwahrnehmung vor. Die Versuchsreihe zeigt , dass sich die Gefahrenpotenziale von modernen Benziner und Elektrofahrzeugen, die durch geringe Geräusche auftreten können, nicht unterscheiden."

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Stattdessen hat die Studie einen "Zusammenhang zwischen Fahrzeugfarbe und Geräuschwahrnehmung zum Vorschein gebracht: Fahrzeuge, die in kräftigeren Farben auftreten, werden in ihren Geräuschen deutlich wahrnehmbarer eingestuft als solche in 'blassen' und unscheinbaren Farben. Das Fahrzeug in Weiß wirkt leiser, obwohl es objektiv nicht leiser ist."

Könnte also sein, dass an der TU München demnächst nicht mehr nur mit Sound, sondern auch mit Farbe experimentiert wird.

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