Leben

Kinder im Straßenverkehr: 5 Gründe, warum sie so gefährdet sind

von
Gertrud Teusen

Kinder sind im Straßenverkehr unberechenbar – und blind für die Gefahr. Wir erklären, woran das liegt und auf was Autofahrer sich einstellen müssen.

Ein Schulkind steht zwischen geparkten Autos am Straßenrand und schaut nach rechts.
Er sieht das Auto – aber nicht unbedingt auch die Gefahr: Wenn ein Kind auf den Verkehr schaut, heißt es nicht zwingend, dass es auch anhält: Erst ab 9 Jahren können Kinder Entfernungen realistischer einschätzen. Foto: Shutterstock/plantic

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie viele Kinder im Straßenverkehr verletzt werden
  • Was die 5 Hauptgründe für Verkehrsunfälle mit Kindern sind
  • Warum Kinder erst mit 15 voll verkehrstüchtig sind

Wie viele Kinder im Straßenverkehr verletzt werden

Für Kinder ist die Straße ein besonders gefährliches Pflaster: Alle 18 Minuten wird ein Kind unter 15 Jahren im Straßenverkehr verletzt. Im Jahr 2016 registrierte das Statistische Bundesamt 28 547 verunglückte Kinder. Das waren 1,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Kurz: Im Straßenverkehr ist das Leben von Kindern immer in Gefahr.

Lesen Sie auch

Alternative Antriebstechnologien im Mittelpunkt

Nachhaltigkeit bei Audi

Alternative Antriebstechnologien im Mittelpunkt

Die alarmierend hohen Zahlen liegen vor allem an einem Umstand: Kinder nehmen die Verkehrswelt völlig anderes wahr und können drohende Gefahren nicht richtig einschätzen. Wir nennen die fünf Hauptgründe dafür, warum Kinder im Straßenverkehr so gefährdet sind

Was die 5 Hauptgründe für Verkehrsunfälle mit Kindern sind

Grund 1: Kinder sehen anders

Kinder sind im wahrsten Sinn des Wortes blind für die Gefahr. Beispielsweise ist das Gesichtsfeld eines Kindes um rund 30 Prozent kleiner als bei einem Erwachsenen. Diese Einschränkung des sogenannten peripheren Sehens führt dazu, dass sie nichts aus dem Augenwinkel heraus wahrnehmen können. Ähnlich wie beim Blick in den Rückspiegel fehlt Kindern ein Stück, was man mit dem toten Winkel beim Rückspiegel vergleichen kann.

Hinzu kommt die geringe Körpergröße. Kinder sehen die Welt aus der Frosch-Perspektive: Alles wirkt größer und hat durch den Blickwinkel andere Proportionen. Auch die Umstellung zwischen nahem und fernem Sehen läuft bei Kindern langsamer ab. Das erkennt man daran, dass Kinder manchmal scheinbar ins Leere starren. In der Tat ist das aber der Zeitraum, den sie für die Fokussierung auf ein Objekt brauchen.

Mit etwa neun Jahren bildet sich das sogenannte stereoskope Tiefensehen aus. Ab diesem Zeitpunkt können Kinder beispielsweise Entfernungen realistischer einschätzen. Bis es soweit ist, ordnen sie die Welt nach dem Grundsatz: Was größer ist, ist automatisch auch näher dran. Im Straßenverkehr ist das manchmal ein fataler Trugschluss.

Das Sehen mit all seinen Facetten ist eine komplexe Gehirnleistung, die sich in der Regel in den ersten zwölf Lebensjahren komplett entfaltet. Das kann man nicht beschleunigen oder antrainieren.

Britische Forscher haben das untersucht und erklären es so: Um die Umwelt möglichst genau zu erfassen, kombinieren Erwachsene beim Sehen Eindrücke, die mit nur einem einzelnen Auge wahrgenommen werden, mit Eindrücken des zweiten Auges. Der Abgleich und die Verknüpfung der beiden Bildinformationen sind beispielsweise ursächlich für dreidimensionales Erkennen von Objekten.

Kinder müssen aber erst einmal lernen, wie diese Eindrücke miteinander im Zusammenhang stehen. Ist dieser Prozess abgeschlossen, etwa ab dem zwölften Lebensjahr, verschmelzen die unterschiedlichen Informationen auch bei ihnen – und sind von da an untrennbar verknüpft. Dieses Tiefensehen eröffnet neue Horizonte beim Einschätzen von Entfernungen und Geschwindigkeiten.

Grund 2: Kinder hören anders

Ein kleines Mädchen hält sich mit beiden Händen die Ohren zu.
Ohren zu: Manchmal sind Geräusche selbst für Kinder zu laut – auch wenn sie deutlich schlechter hören als Erwachsene. Foto: Shutterstock/Alexey Borodin

Bis zum 8. Lebensjahr können Kinder beispielsweise Geräusche nicht genau lokalisieren. Kommen sie von vorne, von der Seite oder von hinten? Im Straßenverkehr ist aber genau das extrem wichtig. Und: Geräusche, die von hinten kommen, werden am schlechtesten erfasst.

Hinzu kommt, dass die Kleinen verschiedene Geräuschquellen kaum auseinanderhalten können. Welche Geräusche ein potentielles Risiko darstellen, müssen sie erst lernen. Manches, was Erwachsene automatisch alarmiert, wie beispielsweise das Quietschen von Autoreifen, geht für Kinder im allgemeinen Geräuschteppich unter.

Grund 3: Kinder sind egozentrisch

In den ersten drei Lebensjahren sprechen Kinder von sich selbst in der dritten Person. Sie sagen nicht „ich“, sondern nennen sich selbst beim Vornamen. Danach erwacht das sogenannte Ich-Bewusstsein.

Dieser entscheidende Schritt in der Persönlichkeitsentwicklung setzt eine Kaskade neuer Erfahrungen in Gang. So werden beispielsweise eigene Handlungen bewertet und mit Gefühlen verknüpft.

Das funktioniert natürlich nicht alles auf Anhieb. Bis zur Einschulung ist es durchaus so, dass sie denken: „Wenn ich das Auto sehe, dann sieht es mich auch.“ Aufgrund dieser Art, die Welt zu empfinden, kann ein Kind Gefahren, zum Beispiel im Straßenverkehr, nur sehr schlecht beurteilen. Es verschließt beispielsweise die Augen, wenn es nicht gesehen werden will – ein heranrasender Lkw lässt sich davon allerdings nicht beeindrucken.

In der Entwicklungspsychologie unterscheidet man drei Stufen des Gefahrenbewusstseins:

  • Auf der ersten Stufe (mit 5 – 6 Jahren) lernen die Kinder, gefährliche Situationen im Straßenverkehr zu erkennen, aber erst dann, wenn sie schon akut gefährdet sind (akutes Gefahrenbewusstsein)
  • Auf der zweiten Stufe (mit 8 Jahren) lernen die Kinder, Gefahren vorauszusehen, d.h. sie lernen zu erkennen, durch welche Verhaltensweisen sie in Gefahr geraten könnten (vorausschauendes Gefahrenbewusstsein)
  • Auf der dritten Stufe (mit 10 Jahren) lernen Kinder, vorbeugende Verhaltensweisen bewusst einzusetzen, um Gefahren zu reduzieren (Präventionsbewusstsein)

Grund 4: Die kindliche Wahrnehmung funktioniert völlig anders

Ein Junge fährt auf seinem Fahrrad durch den Regen und durch eine Pfütze auf der Straße
Alles ausprobieren: Kinder sind kleine Entdecker – aber können dabei schlecht zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden. Foto: Shutterstock/Anna Grigorjeva

Kinder sind sehr neugierig und wollen alles entdecken. Das ist gut und wichtig, denn nur so können sie ihre Umwelt mit allen Details aufnehmen und verstehen. Diese Hingabe fürs Detail macht die Kleinen so charmant und ist durchaus beneidenswert.

Allerdings ist solche Konzentration aufs Unwesentliche im Straßenverkehr sehr gefährlich. „Ihre Aufmerksamkeit ist breit gefächert, sogar dann, wenn sie sich auf eine Sache fokussieren sollen”, sagte Vladimir Sloutsky, Psychologe an der Ohio State University.

Gemeinsam mit Kollegen untersuchte er das Wahrnehmungsverhalten von Kindern im Vergleich zu erwachsenen Probanden. Die Studie zeigte, dass Kinder nicht nur mehr Dinge in ihrer Umgebung wahrnehmen - sie können sich auch an mehr Details erinnern.

Dass die Wahrnehmung bei Kindern und Erwachsenen so unterschiedlich funktioniert, erfüllt laut Sloutsky einen ganz bestimmten Zweck: Kinder wollen lernen.

Abgelenkt sein ist eine der häufigsten Ursachen von Verkehrsunfällen im Kindesalter.

Prof. Dr. Maria Limbourg

Sich auf eine Sache zu konzentrieren, fällt ihnen jedoch schwer. „Die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zu bündeln, ermöglicht es Erwachsenen, ein zweistündiges Meeting zu meistern oder ein langes Gespräch zu führen, ohne sich dabei ablenken zu lassen”, erklärt der Psychologe. „Kinder hingegen können nicht gut mit Ablenkungen umgehen.“

Sie nehmen also ständig neue Informationen auf und unterscheiden dabei nicht zwischen „wichtig“ oder „unwichtig.“

Ein typisches Beispiel ist der Ball, der auf die Fahrbahn rollt, gefolgt von einem Kind, das diesen fangen will. Die Wahrnehmung des Kindes ist auf den Ball konzentriert und es blendet die Gefahr eines heranfahrenden Autos vollkommen aus.

Anzuhalten, um auf den Verkehr zu schauen, ist für das Kind keine Option. Selbst wenn es die Gefahr sieht oder hört, kann es die Fokussierung auf den Ball nicht stoppen – und rennt einfach hinterher.

Kinder können Gefahren nur dann rechtzeitig erkennen, wenn ihre Aufmerksamkeit auf die gefährliche Situation gerichtet ist, also wenn sie sich auf die relevante Situation konzentrieren und nicht durch andere Reize aus der Umgebung abgelenkt sind. Aufmerksam sein und sich konzentrieren sind wesentliche Faktoren für ein verkehrssicheres Verhalten. „Abgelenkt sein ist eine der häufigsten Ursachen von Verkehrsunfällen im Kindesalter“, stellte auch schon vor Jahren die Verkehrspsychologin Prof. Dr. Maria Limbourg fest.

Grund 5: Kinder reagieren langsamer

Kinder haben eine lange Leitung. Es dauert wesentlich länger, bis sie eine potentiell gefährliche Situation als solche erkannt haben und angemessen reagieren. Im Schnitt ist ihre die Reaktionszeit dreimal länger als bei einem Erwachsenen. Das hat etwas mit der Hirnentwicklung und den entsprechend gespeicherten Erfahrungen zu tun.

Aber auch einfache physikalische Voraussetzungen sind noch komplett anders. Kinder sind kleiner als Erwachsene, und deshalb sehen sie Dinge gar nicht oder später als die Großen. Auch brauchen sie, bedingt durch die Schrittlänge, einfach länger, um sich aus dem Gefahrenbereich zu bringen. Übrigens: Wussten Sie, dass Kinder bis zum 10. Lebensjahr rechts und links nicht sicher unterscheiden können?

Warum Kinder erst mit 15 voll verkehrstüchtig sind

"Schulanfänger sind Verkehrsanfänger": Mit diesem Slogan wirbt die Deutsche Verkehrswacht in jedem Jahr für mehr Rücksicht zum Schulanfang. Und in der Tat kann man es nicht besser auf den Punkt bringen. Will man den verschiedenen Experten glauben, dann sind erst Kinder ab dem 15. Lebensjahr in vollem Umfang verkehrstüchtig.

Leben

Updates abonnieren und Dossier "E-Mobility" gratis erhalten.

Denn die Spielregeln für ein gefahrenreduziertes Miteinander erfordert die hohe Schule des abstrakten Denkens – und diese Fähigkeit entwickelt sich eben erst nach dem zehnten Geburtstag ganz allmählich.

Fazit: Kinder können gar nicht anders im Straßenverkehr bewegen, als scheinbar irrational und blind und taub für die Gefahren. Deshalb ist es wichtig, dass Autofahrer von diesen Schwächen wissen. Am Besten erzählen Sie es gleich weiter – oder teilen diesen Artikel.

Auch interessant

Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Um mehr über die von uns verwendeten Cookies zu erfahren und wie man sie deaktiviert, können Sie unsere Cookie-Richtlinie aufrufen.

Schließen