Technik

Kfz-Software: Das Ende von Eigentum und freien Werkstätten?

von Carola Franzke

Kfz-Software macht das Auto immer weniger zum Eigentum: Ein Tesla strandet in der Wüste, Traktoren lassen sich nicht aufrüsten und freie Werkstätten können nicht mehr helfen.

Zwei Mechaniker arbeiten in einer Kfz-Werkstatt an einem Auto.
Freie Werkstattwahl? Bei der immer smarteren Software wird es immer schwieriger, nicht die Fachwerkstatt des Herstellers zu nutzen. Foto: Shutterstock / Jacob Lund

Das erfahren Sie gleich:

  • Warum Kfz-Software bei modernen Autos zum Problem werden kann
  • Weshalb künftig auch Autos nur noch Nutzungsrechte bieten statt ins Eigentum des Käufers überzugehen
  • Wie freie Werkstätten und Bastler aus dem System ausgeschlossen werden

Im Januar 2017 strandete der Amerikaner Ryan Negri zusammen mit Frau und Hunden in der Wüste Nevadas: Fern von Netz und Serververbindung ließ sich sein Tesla nicht wie sonst mit der Tesla-App öffnen. Im April 2018 fiel dann die App selbst einen halben Tag lang aus – so sperrte die Technik selbst weltweit etliche unglückliche User aus ihren Fahrzeugen aus.

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Spätestens seitdem ist klar, dass sich jeder auch über die Nachteile von automatisierten Autos und der zugehörigen Kfz-Software Gedanken machen sollte. Denn mit den vielen Assistenz-Funktionen und der zunehmenden Autonomisierung in modernen Autos wird die notwendige Software immer wichtiger – und auch mächtiger.

Software-Updates können die Funktionen erweitern, oft sogar aus der Ferne: Wiederum der E-Autobauer Tesla war es, der während des Hurrikans Irma die Reichweite seiner Autos per Software-Update erhöhte, so dass die Besitzer vor dem Sturm fliehen konnten.

Was gehört mir eigentlich: Nutzungsrechte statt Eigentum

Die Beispiele von Tesla zeigen, dass in Zukunft beim Autokauf Lizenzen und Nutzungsrechte eine Rolle spielen könnten. Das Reichweiten-Update war nur möglich, weil es von Tesla eine Kaufoption für eine geringere Akkukapazität gibt: Die Kapazität bleibt dann künstlich gedrosselt, sofern der Käufer nicht gegen Aufpreis die volle Leistung freigeben lässt. Ähnliches praktiziert das amerikanische Unternehmen mit anderen Funktionen.

Es gibt Beispiele aus anderen Lebensbereichen, die verdeutlichen, was hier geschieht: Menschen erwerben zunehmend Lizenzen oder Nutzungsrechte – aber nicht mehr das Eigentum an Dingen. Wer etwa Musik oder Filme im Download- oder Streamingverfahren erwirbt, kauft das Recht zum Anhören oder Ansehen – darf die Musik oder Filme aber nicht weitergeben.

Bei den sogenannten Smart Devices verschwimmt die Grenze zwischen dem physischen Gerät und der Software, die in seinem Inneren läuft – und ohne die es oft gar nicht mehr funktioniert.

Jason Schultz, Juraprofessor an der Universität von New York und Co-Autor von "The End of Ownership"

In der digitalen Welt sind Besitz und Eigentum nicht mehr zwangsläufig miteinander verbunden, in der analogen Welt dagegen schon. Wer ein Buch im Geschäft kauft, erwirbt das Eigentum an diesem Gegenstand und nimmt ihn in Besitz – der Buchhändler hat das Buch nach Abschluss der Transaktion ja nicht mehr. Das Buch nach dem Lesen weiterzuverschenken oder zu verkaufen ist also kein Problem. Das ist mit digitalen Käufen nicht der Fall. Im Gegenteil kann dies eine Straftat darstellen – durch sogenanntes Raubkopieren.

Zwei Hände, die ein Smartphone in der Hand halten.
Generation Smartphone: Musik streamen, statt sie zu besitzen, das scheint heute Alltag. Aber das könnte auch bei Kfz-Software drohen. Foto: Unsplash/Gilles Lambert

Digitale Lizenzen können auch erlöschen oder juristischen Streitigkeiten zum Opfer fallen:

  • 2009 löschte Amazon von den e-Readern seiner Kunden das Buch "1984", weil es Streitigkeiten um die Rechte gab
  • Nach Insolvenz der Musikplattform HD Giants ließen sich gekaufte Titel nicht mehr abspielen
  • Smart Home-Geräte von Revolv waren nach dem Verkauf des Unternehmens nicht mehr nutzbar

Genauso können die smarten Geräte einschränken, was mit ihnen geschieht:

  • Drucker funktionieren nicht mit Kartuschen von Fremdanbietern
  • Kaffee-Automaten verweigern den Dienst bei nicht-originalen Kaffeekapseln
  • Ohne „Jailbreak“ und Garantieverlust lassen sich keine Apps auf dem iPhone installieren, die nicht aus dem iTunes-Store stammen

Das Aus für freie Werkstätten und Bastler

Dieses Schicksal kann smarte Komponenten von Autos genauso ereilen:

  • Was ist etwa, wenn der Hersteller von intelligenten Reifensensoren oder Stoßdämpfern in Konkurs geht und die Fernwartung einstellt?
  • Was ist, wenn ein Autobauer beschließt, nur noch bestimmte Fabrikate von Scheibenwischern, Bremsbelägen oder Autoreifen zuzulassen?
  • Wenn eine Fehlerdiagnose ausschließlich über die eigenen Werkstätten möglich sein soll?

Es würde viele kleine Werkstätten arbeitslos machen. Und auch talentierte Bastler wären gezwungen, ihre Fahrzeuge zur teuren Wartung zu geben, anstatt die Bremsbeläge einfach selbst zu wechseln.

Verschlüsselte und passwortgeschützte Traktoren-Software

In den USA laufen bereits Landwirte Sturm gegen den Traktorenbauer John Deere: Die teuren Maschinen lassen sich nur von autorisierten Werkstätten reparieren und warten. Die Software der John Deere-Traktoren ist aufwendig verschlüsselt und passwortgeschützt, so dass sich beispielsweise keine Gebrauchtteile zur Reparatur oder zur Funktionserweiterung verwenden lassen. Die aufgebrachten Besitzer sehen sich vermehrt zum „jailbreaken“ ihrer 100.000-Euro-Maschinen gezwungen. Je smarter die Landmaschinen werden, umso häufiger wird wohl mit einem solchen Verfahren zu rechnen sein.

Juristen wie die Autoren von "The End of Ownership", Jason Schultz und Aaron Perzanowski, fordern jedenfalls, dass Besitz und Eigentum auch im digitalen Zeitalter wieder etwas miteinander zu tun haben muss. Sie wollen, dass ein Käufer unter anderem die Freiheit haben muss, ein gekauftes Ding selbst zu reparieren. Ansonsten könnte hier eine Art geplante Obsoleszenz drohen, wie sie etwa bei Handys bereits Alltag ist.

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