Leben

iOS 12: Wenn sich die Wetter-App um die Luftqualität kümmert

von
Gertrud Teusen

Verunsicherung durch moderne Technik: Wie die Wetter-App von iOS 12 ihre Nutzer mit fragwürdigen Angaben verrückt macht.

Blick in Richtung des Alexanderplatzes in Berlin
Großstädte wie Berlin leiden tatsächlich unter schlechter Luft. Doch die Qualität ist von Straße zu Straße sehr unterschiedlich. Foto: Shutterstock / anyaivanova

Das erfahren Sie gleich:

  • Was gute Luft ausmacht
  • Wie Schadstoffe die Gesundheit beeinflussen
  • Welche neuen Ideen für bessere Vorhersagen sorgen sollen

Dass hierzulande die Schadstoffkonzentration in den Innenstädten zu hoch sind, daran besteht kaum noch ein Zweifel. Die Wetter-App auf dem iPhone trägt den Sorgen der Menschen Rechnung und bietet seit einiger Zeit Informationen zur Luftqualität in deutschen Städten an.

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Doch was die Angaben bedeuten und woher sie kommen, weiß niemand so genau.

DWD: Dicke Luft über Deutschland

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat die von Apple unter iOS 12 in der Wetter-App angezeigten Gesundheitswarnungen als „fraglich bis nutzlos“ bezeichnet. Und das eben, weil es sich um eine sehr heikle Materie handelt, die sehr viele Menschen verunsichert.

Im Münchner Umweltreferat (RGU) stehen beispielsweise die Telefone nicht mehr still – so berichtete die Süddeutsche Zeitung – und dementsprechend ist man hier von diesem Service nicht begeistert. „Die Angaben der App sind irreführend und so pauschal, dass sie fachlich nicht nachvollziehbar sind“, teilt das RGU mit.

Die Angaben der App sind irreführend und so pauschal, dass sie fachlich nicht nachvollziehbar sind.

Münchner Umweltreferat gegenüber der SZ

Die Münchner Daten basieren nach ersten Erkenntnissen des RGU auf den veröffentlichten Messwerten der fünf Münchner Messstationen des Landesamts für Umwelt (LfU). Eine Ableitung auf das gesamte Stadtgebiet sei aber fachlich falsch.

iOS 12: Heiter bis wolkig - Die Wetter-App

Jedes Smartphone hat eine vorinstallierte Wetter-App. Welcher Anbieter den kostenlosen Service anbietet, richtet sich nach dem Betriebssystem. So haben iPhones das App-Angebot von „The Weather Channel“ auf dem Display. Im Vergleich zu den Mitbewerbern gibt es daran auch nichts zu meckern. Die Wettervorhersagen sind präzise – sowohl für den eigenen Standort, auch deutschlandweit. Weltweit können andere Städte hinzugewählt werden.

Blick auf die Wetter-App unter iOS 12
Die Wetter-App unter iOS 12 greift auf Werte von "The Weather Channel" zurück. Dazu gehört auch die aktuelle Luftqualität. Foto: Unsplash/Neonbrand (Montage: aio)

Die Features: Der Wetterwechsel wird im Stundentakt für die jeweils nächsten 24 Stunden angezeigt und ständig aktualisiert. Die Prognose für neun weitere Tage schafft mit Icons und Durchschnittstemperaturen für Tag und Nacht einen soliden Überblick. Neben den realen und „gefühlten“ Temperaturen, gibt es zehn mehr oder weniger sinnvolle Wetterdetails zur aktuellen Situation.

Dazu zählen Luftdruck und UV-Index ebenso wie die Niederschläge (Regen oder Schnee) in Prozent und Millimeter – und vieles mehr. Manchmal jedoch ist „mehr“ nicht gleich „besser“, denn mit den neuen Rubriken „Luftqualitätsindex“ und „Luftqualität“ sorgt die App für den Unmut der Nutzer. Vor allem, weil man nicht weiß, was dahinter steckt.

Was es mit der „ungesunden Luftqualität“ auf sich hat

Dass es damit insbesondere in den Großstädten nicht gut bestellt ist, weiß inzwischen eigentlich jeder. Die Wetter-App vom „The Weather Channel“ setzte noch eins drauf, indem sie direkt unter dem Städtenamen Prädikate wie „ungesunde Luft für empfindliche Zielgruppen“ einblendete. Nun gut, seit dem letzten Update ist das vom Tisch bzw. Bildschirm, nur die beiden Unsinns-Kategorien „Luftqualitätsindex“ und „Luftqualität“ stören noch die Optik. Unsinnig deshalb, weil niemand weiß, woher die Werte stammen bzw. worauf sich die Prognose stützt.

Immerhin hat der Unmut der User in den letzten Wochen dafür gesorgt, dass man Feintuning betrieben hat. Die Hinweise, welche Wetterlage für wen und warum gefährlich sein könnte, sind weg. Die näheren Informationen zu „Luftqualitätsindex“ und „Luftqualität“ stammen… ja woher eigentlich genau?

„Weder die Europäische Kommission noch das EZMW (Europäisches Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage) sind für die Verwendung dieser Information verantwortlich. Bereitgestellt durch den 'Copernicus Atmosphere Monitoring Service'.“ Eine echte Quelle ist das nicht, denn auch dort wird nur wieder auf diejenigen verwiesen, nämlich bspw. das EZMW, die ja nicht für die Verwendung der Informationen verantwortlich sind.

Klickt man also den Weather Channel in der App an, erfährt man, welcher Hauptschadstoff in der jeweiligen Stadt gerade virulent ist. Zur Wahl stehen:

  • NO2 = Stickstoffdioxid
  • O3 = Ozon
  • PM10 = Feinstaub kleiner als 10 Mikrometer

Je nach Grad der Konzentration, erscheint dann folgender Hinweistext:

„In Verbindung mit anderen Luft Schadstoffen sind nach kurz und langfristiger Exposition keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu erwarten.“

Hauptschadstoff PM10

Fakt ist, die Schadstoffbelastung in deutschen Ballungsräumen überschreitet regelmäßig die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Das schreibt das Umweltbundesamt auf seiner Website. Wer es ganz genau wissen will, kann dort die Werte der zahlreichen Messstationen aufrufen. Dann braucht man nämlich die nebulösen Einschätzungen – von sehr gut über moderat bis schlecht – von der Wetter-App nicht.

Vorhersage plus: Was gute Luft ausmacht

Was ist eigentlich „gute Luft“? Die meisten Menschen setzen „gut“ mit „sauber“ gleich, aber das ist schon lange nicht mehr so. Fakt ist, dass die Luft, die wir atmen, alles andere als sauber ist – und das ist nicht wirklich neu, sondern ist schon eine Weile so. Denn selbst wenn der Mensch nicht mitmischt, kann man nicht von „sauberer Luft“ sprechen: Die Kühe auf der Weide, die Gülle auf den Feldern, der Misthaufen des Bauernhofs, Blütenstaub und -pollen oder kleinste Insekten sind nicht nur Bestandteil der „guten Landluft“, sondern belasten ebenso die Atemluft und die Atmosphäre. Insofern ist es schon spannend zu erfahren, welche Qualität die Luft am eigenen Standort hat. Die Frage ist nur, wie man die Angaben der Wetter-App interpretieren soll.

Der DWD (Deutscher Wetterdienst) beschreibt Luftqualität bspw. so: „Luftqualität ist ein Maß für die Reinheit bzw. Schadstoffbelastung unserer Luft. Die Luft, die wir atmen, ist zum einen ein Gasgemisch aus:

  • Stickstoff
  • Sauerstoff
  • Argon
  • Kohlenstoffdioxid
  • und verschiedenen Spurengasen.

Sie enthält aber auch kleine feste und flüssige Partikel (Aerosole, z.B. Wolken-, Regentropfen). Über die Schädlichkeit entscheidet die Größe. Man unterscheidet zwischen

  • ultrafeinen
  • feinen
  • und groben Partikeln.

In hohen Konzentrationen können Partikel (Staub) und Stickstoffdioxid sich negativ auf die Gesundheit auswirken.

Wie Schadstoffe die Gesundheit beeinflussen

Besonders im Winter steigen die Konzentrationen der gesundheitsschädlichen Stoffe an. Das Problem: Luftschadstoffen kann man nicht entgehen, weil der Mensch Luft zum Atmen braucht. Es muss also dafür gesorgt werden, dass die Belastungen insgesamt minimiert werden. Durch den „Dieselskandal“ sind Stickstoffoxid (NOx) und Stickstoffdioxid (NO2) wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Vor rund 10 Jahren war es Feinstaub (PM = Particulate Matter), auf den sich die Diskussion konzentrierte.

Feinstaubmessstation an der Schwarzwaldstrasse in Freiburg
Mit Messstationen wird die Luftqualität in Städten gemessen. Große Wetterdienste bedienen sich dann an diesen Werten. Foto: picture alliance / Winfried Roth

Luftschadstoffe werden nach gasförmigen und partikulären Substanzen (beispielsweise Staub) unterschieden. In Bezug auf die gesundheitlichen Risiken ist es so, dass nie ein Schadstoff allein für die medizinischen Folgen verantwortlich ist, sondern die Kombination von verschiedenen Stoffen.

So auch bei Stickstoffdioxid. Das ist ein ätzendes Reizgas, das als besonders gefährlich gilt. Die WHO-Grenzwerte besagen, dass das Reizgas ab 200 Mikrogramm in einem Kubikmeter Luft als toxisch einzustufen ist. Das bedeutet, es greift die Schleimhäute an und kann laut WHO zu Entzündungen der Atemwege und der Lunge führen.

Symptome sind:

  • gereizte Augen,
  • Schwindel,
  • Übelkeit,
  • Kopfschmerzen
  • und Husten

Besonders empfindlich reagieren Menschen mit chronischer Bronchitis und Asthma darauf. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen können die Folge von zu hoher Schadstoffkonzentration in der Luft sein.

Eine Studie des Umweltbundesamts (UBA) beweist genau das: Die Belastung mit Stickstoffdioxid steht im Zusammenhang mit Krankheiten wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Schlaganfall, der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) und Asthma.

Die Belastung mit Stickstoffdioxid steht im Zusammenhang mit Krankheiten wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Schlaganfall, der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) und Asthma.

Studie des Umweltbundesamts (UBA)

Neue Ideen für besser Vorhersagen

Fünf Berufsschüler aus dem Schwarzwald sind die Sieger des Deutschen Gründerpreises. Ziel ihres Projekts war es, bundesweit für gute Luft zu sorgen. Die Idee basiert auf dem Prinzip der Schwarmintelligenz. Wenn nämlich möglichst viele Leute eine Luftmesssonde, etwa als Wearable, mit sich herumtragen würden und die gesammelten Daten an eine Cloud melden, ließe sich eine sich ständig aktualisierende Karte der Luftqualität erstellen.

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Was „Emission Security“ vorschlägt, ist technisch durchaus machbar. Im eingereichten Geschäftskonzept steht ein Armband, das seine Träger durch LED- und Vibrationssignale warnen kann, sobald die Atemluft übermäßig verschmutzt ist. Die dauerhaft gemessenen Werte sollen in einer App einsehbar sein und in einer Cloud gespeichert werden. Sie könnten also beispielsweise Kommunen helfen, der Luftverschmutzung zielgerichtet entgegenzutreten.

Darüber hinaus wäre der praktische Nutzen direkt für jeden Nutzer „greifbar“. So wüssten Eltern, ob es ungefährlich ist die Kinder draußen spielen zu lassen oder Jogger könnten ihre Laufrunde möglichst emissionarm planen.

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