Leben

Home-Office-Regelung: Kommt 2019 das Recht auf Heimarbeit?

von
Dr. Kai Kaufmann

Fast jeder zweite Deutsche wünscht sich das Home Office. Jetzt will das Arbeitsministerium das Recht auf Heimarbeit per Gesetz sichern.

Eine Frau hält einen Stift und eine Mappe in den Händen, sie hat die Füße auf den Schreibtisch gelegt.
Füße hoch? Viele Arbeitgeber verbinden Home Office noch mit Nichtstun – dabei sind Angestellte in der Heimarbeit produktiver. Foto: Getty Images/Caiaimage

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie viele Home-Office-Jobs es bald in Deutschland geben könnte
  • Welche Vorteile und Nachteile die Heimarbeit für Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben kann
  • Wie verbreitet Home Office in anderen Ländern ist

Es scheint in der Natur der Politik zu liegen, dass sie gesellschaftlichen Entwicklungen hinterherhinkt. Seit rund zwei Jahrzehnten verändert sich unsere Arbeitswelt drastisch und mit ihnen die Wünsche an die Art und Weise, wie und wo wir arbeiten. Home Office, also das Arbeiten von zuhause, gehört zum modernen Leben dazu.

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Laut einer Studie des Bundesarbeitsministeriums würde fast jeder zweite Deutsche gern gelegentlich im Home Office arbeiten. Aktuell können dies aber nur zwölf Prozent aller Arbeitnehmer, zeigt eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Meist sagt der Chef "nein" zu diesem Wunsch. Und ein Anrecht auf das Home Office haben Arbeitnehmer in Deutschland bislang nicht.

Die Digitalisierung verändert die Herrschaftsbeziehungen. Davon sollen die Menschen profitieren.

Björn Bönning, Staatssekretär Bundesarbeitsministerium

Millionen Menschen mit dem Wunsch nach Heimarbeit gab Björn Bönning, Staatssekretär beim Bundesarbeitsministerium, nun ein hoffnungsvolles Signal. Nach Informationen des Magazins "Spiegel" plant er eine gesetzliche Regelung, nach der Arbeitgeber das Arbeiten im Home Office erlauben müssen.

Tun sie dies nicht, sind die Arbeitgeber in der Pflicht zu begründen, weshalb es nicht möglich sei. "Die Digitalisierung verändert die Herrschaftsbeziehungen. Wir müssen sicherstellen, dass die Menschen von den Veränderungen profitieren", so Böhning zu dem Gesetzesvorstoß des SPD-geführten Ministeriums. Damit ist seine Partei nicht allein. Die Grünen fordern das Recht auf Heimarbeit seit dem Jahr 2015.

Heimischer Arbeitsplatz: Vor allem beliebt bei Eltern?

Was steckt hinter der hohen Zahl von Arbeitnehmern, die öfter von zuhause aus arbeiten möchten? Die Motive sind vor allem mehr zeitliche Autonomie, weniger Stress durchs Pendeln, bessere Work-Life-Balance und mehr Zeit für die Familie.

Ein Vater und sein Sohn sitzen nebeneinander am Schreibtisch.
Gelegentliche Heimarbeit erleichtert die Vereinbarung von Beruf und Familie – aber auch Kinderlose träumen vom Home Office. Foto: Getty Images/AleksandarNakic

Allerdings zeigt die DIW-Studie auch: Singles möchten ähnlich häufig ihren Arbeitsplatz zu Hause einrichten wie alleinerziehende Eltern. Kinder sind also keinesfalls das Hauptmotiv. Vor diesem Hintergrund wird die enorm breite Beliebtheit der Heimarbeit verständlicher.

Potenzial für Home Office längst nicht ausgeschöpft

Doch wie passt der Wunsch der Arbeitnehmer nach dem Arbeitsplatz daheim zusammen mit den Voraussetzungen der unterschiedlichsten Jobs? Wären Home-Office-Vereinbarungen grundsätzlich viel häufiger möglich?

Darauf gibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung mit seiner Studie eine klare Antwort: Ja!

Bei 40 Prozent der Jobs gibt es theoretisch die Möglichkeit des Arbeitens im Home Office. Bei allen Risiken von Digitalisierung und mobilem Arbeiten eröffnen diese Entwicklungen eben auch neue Perspektiven. Würden die Arbeitgeber umdenken, könnte der Anteil der Home-Office-Jobs auf über 30 Prozent steigen, so das DIW.

Welche Branchen und Jobs eignen sich für Heimarbeit?

Natürlich hat längst nicht jeder Job dasselbe Potenzial für das Arbeiten zuhause. Das gilt nicht nur für Dachdecker und Verkäufer. Eine grundsätzliche Regel lautet: Je höher die Qualifikation, desto häufiger kann der Job zuhause ausgeübt werden.

Wer einen Hochschulabschluss hat, könnte in drei Vierteln der Fälle theoretisch zuhause arbeiten. Führungskräfte geben in einer Umfrage sehr häufig an, dass sie ihrer Tätigkeit ab und zu auch gut zuhause nachkommen könnten. Wer in den Hierarchien eher unten unterwegs ist, gibt öfter an, dass sein Job sich dafür nicht eignet.

Wie produktiv sind Arbeitnehmer im Home Office?

Weshalb sagen so viele Chefs "nein", wenn Mitarbeiter gelegentlich zuhause arbeiten möchten? Ist es die Sorge, die Mitarbeiter könnten an ihrem Schreibtisch zwischen Küche, Kindern und Sofa eine ruhige Kugel schieben?

Diese Befürchtung lässt sich leicht entkräften: In punkto Produktivität ist der Arbeitsplatz zuhause für Arbeitnehmer und Arbeitgeber von Vorteil. Viele Studien haben längst belegt: Im Home-Office arbeiten Mitarbeiter in der Regel nicht nur konzentrierter, sondern oft auch länger.

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten, die ab und zu im Home Office arbeiten, liegt bei 46 Stunden laut DIW-Untersuchung. Nur selten werde die Mehrarbeit entlohnt. Obendrein werden diese Arbeitnehmer auch seltener befördert. Der "Home-Office-Deal" hat also keinesfalls nur Vorteile für den Arbeitnehmer.

Eine Frau sitzt am Laptop und schreibt mit dem Kugelschreiber etwas in den Notizblock daneben.
Bei der Heimarbeit sind feste Regeln wichtig – zum Beispiel über die Erreichbarkeit. Foto: Getty Images/iStockphoto

Top Stressor: Unterbrechungen

Zu den häufigsten Vorteilen des häuslichen Arbeitszimmers zählen: keine Ablenkungen durch Kollegen, die "nur mal ganz kurz" etwas wissen möchten; keine ständigen Anrufe und andere Unterbrechungen. Auch in diesem Punkt profitieren Arbeitgeber und Arbeitnehmer vom Home Office: Denn Unterbrechungen zählen zu den Top-Stressoren für Mitarbeiter. Studien zeigen, dass es nach Unterbrechungen rund 20 Minuten dauert, bis Mitarbeiter wieder an den erreichten Stand ihrer Arbeit anknüpfen können.

Regelungen für eine gesunde Work Life Balance

Wichtig sind klare Absprachen mit dem Arbeitgeber und Regeln zur Trennung von Job und Privatem im Home Office. Bei aller Freude an der gewonnenen Flexibilität sind auch Grenzen für die Arbeitszeiten zuhause nötig. Dazu kann gehören:

  • Klare Regeln zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zum Thema Erreichbarkeit im Home Office
  • Den Rechner sollte man also auch hier zu einer vernünftigen Zeit runterfahren
  • Job-E-Mails am späten Abend nicht mehr checken – auch nicht auf der Bettkante am frühen Morgen
  • Idealerweise ein extra Smartphone vom Unternehmen bereit stellen lassen;
  • Wer am Wochenende arbeiten will, sollte sich dafür klare Grenzen setzen – gegen zwei Stunden muss ja nichts einzuwenden sein, wenn es dafür einen Ausgleich vom Arbeitgeber gibt

Ohne persönliche Regeln und Vereinbarungen mit dem Unternehmen kann die bessere Work-Life-Balance des Home Office schnell dahin sein.

Home-Office: Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Im Vergleich mit Deutschland ist Heimarbeit in anderen europäischen Ländern stärker verbreitet:

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  • In Island liegt der Anteil von Arbeitnehmern, die im Home Office arbeiten, schon jetzt bei über 30 Prozent
  • In den Niederlanden gibt es das Recht auf Heimarbeit seit Mitte 2015
  • Insbesondere in Skandinavien gibt es einen deutlich höheren Anteil von Arbeitnehmern, die ihren Job ab und zu oder sogar hauptsächlich zuhause erledigen

Während SPD und Grüne in Deutschland das Recht auf Heimarbeit voran bringen wollen, formierte sich hierzulande bereits wenige Tage nach dem Vorstoß des Arbeitsministeriums Widerstand.

Peter Weiß, der arbeitsmarktpolitische Sprecher der Unionsfraktion, findet Heimarbeit grundsätzlich ebenfalls sinnvoll – aber ein Gesetz geht ihm dann doch weit über das Ziel hinaus.

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