Elektromobilität

Hacker und andere Gefahren: Die Risiken für autonome Autos

von Ralf Bielefeldt

Wie sicher sind eigentlich autonome Autos? Unfallforscher haben das bei Crashtests in der Schweiz untersucht – und es ordentlich krachen lassen.

Hacker und andere Gefahren: Die Risiken für autonome Autos
Horrorvision der Sicherheitsexperten: Hacker greifen autonome Autos an. Foto: Shutterstock/BEST-BACKGROUNDS

Das erfahren Sie gleich:

  • Crashtests untersuchen die Vorteile autonomer Autos
  • Neue Gefahren durch Angriffe von Hackern
  • Vermeidung aller Unfälle halten Experten für unmöglich

Drei Mal kommt es zum Crash

Der Militärflughafen von Dübendorf ist keine 20 Minuten vom Flughafen Zürich entfernt. Seit 1983 hebt hier die gute Tante JU zu Rundflügen über die Alpen ab. Flugveranstaltungen locken regelmäßig Tausende Besucher an. Und einmal im Jahr lassen es die Schweizer hier richtig krachen – bei den Crashtests der Versicherung AXA Winterthur. "Autonomes Fahren – zwischen Mensch und Maschine", lautet der Titel der AXA-Crashtest-Reihe 2017. Die äußeren Bedingungen dafür sind ideal an diesem August-Tag: kein Wölkchen am Himmel, knapp 30 Grad, die Show kann beginnen. Drei Versuche erwarten die Fachbesucher auf der schattigen Tribüne. Als Blech-Delinquenten stehen unter anderem zwei matt in Pink lackierte Citroën C3 und eine quietschgrüne Mercedes M-Klasse älteren Baujahres bereit. Sowie ein Quad.

Schon das ESP hat viel gebracht

"Bereits heute lässt sich nachweisen, dass ausgesuchte Fahrerassistenzsysteme die Sicherheit im Straßenverkehr deutlich erhöhen", sagt Bettina Zahnd, Leiterin Unfallforschung und Prävention bei der AXA. Autos mit Notbremssystem beispielsweise sind modellabhängig signifikant seltener in Auffahrunfälle verwickelt als die gleichen Modelle ohne automatisierten Notstopp. Laut interner AXA-Auswertungen beträgt der Unterschied beim Volvo XC60 30 Prozent, bei der Mercedes B-Klasse sogar 69 Prozent.

Die Vision, dass es in Zukunft gar keine Unfälle mehr geben wird, ist aus heutiger Sicht nicht realistisch.

Auch das Vorhandensein eines elektronischen Stabilitätsprogramms mache sich deutlich bei den Unfallzahlen bemerkbar. Beispiel Dacia Sandero: Mit ESP nehmen die schleuderbedingten Unfälle laut AXA um 47 Prozent ab. "Die Vision, dass es in Zukunft gar keine Unfälle mehr geben wird, ist aus heutiger Sicht jedoch nicht realistisch", so Zahnd. Zum einen, weil Autos nur bei einem Teil der Unfälle involviert seien; Fahrrad- und Motorradfahrer, für die es keine vergleichbaren Systeme geben kann, werden die Bilanz weiterhin belasten. Zum anderen, weil neue Risiken drohen und längst nicht alle bestehenden ausgeschlossen werden können durch Assistenzsysteme, wie die AXA-Crashs recht spektakulär belegen.

Drei mal kommt es zum Crash
Der große Knall: Bei den Crashtests in der Schweiz unternahmen die Unfallforscher drei verschiedene Versuche. Foto: AXA/Melanie Duchene

Crash 1: Hacker greifen an

Hacker manipulieren elektronisch die Bremse eines Autos. Der Fahrer merkt davon erst mal nichts - bis er stoppen will, weil vor ihm ein Fahrzeug steht. Doch beim Tritt auf die (gehackte) Bremse beschleunigt der Wagen unvermittelt – und knallt auf den Vordermann. Folge: Beide Fahrer sind leicht verletzt, die Autos stark beschädigt. Warum es dazu kam, bleibt im Unklaren: "Die heute zur Verfügung stehenden Datenrekorder im Auto reichen nicht aus, um zu rekonstruieren, wieso das Auto kurz vorm Unfall beschleunigt hat und wer zu diesem Zeitpunkt die Verantwortung hatte“, beklagt Bettina Zahnd. „Zur präzisen Auswertung müssen unabhängige Stellen wie Polizei und Versicherer dringend Zugriff auf nicht manipulierbare Daten der Hersteller erhalten.“

Crash 2: Steinschlag

Herabfallende Felsbrocken sind in Bergregionen ein Dauerthema. Warum, zeigt dieser Crash: Bei ca. 50 km/h durchschlägt ein 120 Kilogramm schwerer Felsbrocken die Windschutzscheibe – und landet krachend auf dem Beifahrersitz. „Durch das Tempo des Fahrzeugs kann der Stein bis in den hinteren Teil des Autos geschleudert werden. Das hätte schwerste bis tödliche Verletzungen zur Folge“, sagt Unfallforscherin Zahnd. Niederschmetternde Erkenntnis: Gegen Naturereignisse sind auch autonom fahrende Autos hilflos. Herabstürzende Steine sind zu viel für die heute bekannten Sensoren.

Crash durch Steinschlag
Tödliche Gefahr: Bei Steinschlag hat der Fahrer kaum Zeit, um zu reagieren. Foto: AXA/Melanie Duchene

Crash 3: Quad im Gegenverkehr

Was tun, wenn ein Zusammenstoß unausweichlich ist? Wie soll sich ein autonom fahrendes Auto dann "entscheiden"? Diese Frage beschäftigt Autohersteller, Verkehrsexperten und Philosophen gleichermaßen. Und ist Basis fürs dritte Crash-Szenario. In einem Tunnel mit einer Fahrspur pro Richtung ist ein autonom fahrendes Auto mit 50 km/h unterwegs. Auf der Gegenspur überholt unvermittelt ein Quad – und rast frontal aufs autonome Auto zu. Was tun? Zum Bremsen ist es zu spät. Also muss das System entscheiden: Spur halten – was zwangsläufig zum Zusammenstoß mit dem Quad führt, dessen Fahrer dabei höchstwahrscheinlich schwer bis tödlich verletzt wird, wo hingegen der eigene Fahrer vermutlich mit leichten Verletzungen davon käme? Oder in den Gegenverkehr ausweichen? Das hätte fraglos heftigen Blechschaden an mindestens zwei Autos zur Folge – aber dank passiver und aktiver Sicherheitssysteme voraussichtlich „nur“ leichte bis schwere Verletzungen für die Insassen.

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Selbstschutz geht immer vor

65 Prozent der Crash-Zuschauer in Dübendorf halten diese Variante für die bessere und wahrscheinlichere Lösung, ergibt eine spontane SMS-Abstimmung. Die Unfallforscher nicht: Es kommt zum Crash mit dem Quad. Selbstschutz geht vor, lautet die schlichte Überlegung dahinter. "Man kann keinen Autofahrer zwingen, sich unverschuldet für andere zu opfern", sagt Bettina Zahnd. „Der Mischverkehr, wenn automatisierte, teilautomatisierte und herkömmliche Autos samt anderer Verkehrsteilnehmer gleichzeitig auf den Straßen anzutreffen sind, ist für vollautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung – und wird uns noch sehr, sehr lange beschäftigen.“

Mehr als 90 Prozent aller Unfälle werden heute nach wie vor von Menschen verursacht. Unfallforscherin Zahnd ist aber überzeugt: "Mit einer verbesserten Technik, ausgereifteren Sensoren und weiterentwickelten Systemen wird das automatisierte Fahrzeug die Sicherheit deutlich erhöhen." Über die Höhe der Versicherungsprämie entscheidet dann irgendwann der Grad der Automatisierung des Autos.

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