Elektromobilität

Falsche Städte für selbstfahrende Autos

von Leonie Butz

Straßen sind nicht genug: Um selbstfahrende Autos zu testen, entstehen auf der Welt gerade falsche Städte. Sie dienen den Autos als Teststrecke.

Falsche Städte für selbstfahrende Autos
Wie eine Geisterstadt nach dem Goldrausch: Falsche Fassaden sollen Mcity den Anschein einer echten Innenstadt geben. Foto: University of Michigan

Das erfahren Sie gleich:

  • Straßen allein reichen nicht mehr: Autonome Autos brauchen andere Testumgebungen
  • Eine Uni in den USA, die südkoreanische Regierung, Google – jeder will eine Test-Stadt haben
  • Auch auf echten Straßen sind autonome Autos unterwegs – zur Sicherheit aber immer mit einem Fahrer hinterm Steuer

Städte statt Straßen: Die neue Teststrecke

Eine Teststrecke für ein neues Auto – das ist in der Automobilindustrie nichts Neues. Aber während die klassischen Gelände vor allem einer Rennstrecke irgendwo im nirgendwo ähneln, entstehen überall auf der Welt immer mehr falsche Städte. Sie sollen selbstfahrende Autos nicht nur auf reines Fahrverhalten prüfen. Stattdessen laufen hier Test-Szenarien ab, bei denen Menschen vor Autos springen, mit dem Fahrrad unvermittelt die Straße kreuzen oder andere Autos rüpelhaftes Verhalten an den Tag legen – alles natürlich mit voller Absicht.

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Bisher sind KI und Sensoren noch nicht genau genug, um mit realen, nicht planbaren Situationen umgehen zu können.

Hier testen und schulen Unternehmen die künstliche Intelligenz (KI) der Autos. Denn sie ist das Herz von autonomen Fahrzeugen – ohne sie funktioniert nichts. Sie steuert das Auto mit Hilfe von Sensoren durch eine völlig unvorhersehbare Welt. Bisher sind diese aber noch nicht genau genug, um mit realen, nicht planbaren Situationen, wie grellem Sonnenlicht, Schatten von Gebäuden oder Menschen auf der Fahrbahn umgehen zu können, so Huei Peng, Ingenieur an der University of Michigan, gegenüber der New York Times. Deshalb – und weil Unfälle in realen Städten fatale Folgen für die Reputation von Unternehmen haben könnten – entstehen immer mehr diese falschen Städte.

Selbstfahrende Autos in der Probezeit

Im April 2017 stellte Südkorea ein solches Projekt vor: In K-City sollen ab 2018 autonomen Autos auf Testfahrt gehen. Auf den ersten Blick wirkt die Stadt wie eine Teststrecke mit ovalen Geschwindigkeitsstrecken und scharfen Kurven. In der Mitte befindet sich jedoch eine künstliche Stadt mit großen Kreuzungen, Zebrastreifen, Ampeln, Parkplätzen und einigen Gebäuden. Außerdem sollen auf 36 Hektar auch Busspuren und Autobahnen zum Test bereitstehen. K-City, so der Plan der Regierung, soll sowohl Autobauern als auch Software-Entwicklern als Teststrecke zur Verfügung stehen. Und das sogar ohne eine explizite Erlaubnis durch die Regierung. Kritiker bemängeln jedoch, dass der Stadt professionelle Datenanalyse fehle, da die Nutzer für ihre Projekte – und deren Daten – selbst verantwortlich sind.

Auf dem Gelände einer ehemaligen Bomben-Fabrik aus dem Zweiten Weltkrieg sollen auf rund 136 Hektar zukünftig noch ausgiebigere Tests stattfinden.

Selbstfahrende Autos in der Probezeit
Aus der Vogelperspektive sieht sie aus wie eine echte Teststrecke: Mehr als 6 Hektar bemisst die Straßen-Fläche von Mcity. Foto: University of Michigan

Und auch in den USA entstand im vergangenen Jahr eine ähnliche Test-Stadt. Neben Ampeln, Zebrastreifen, Straßenschildern und Kreisverkehren verfügt Mcity sogar über einen Stadtkern mit zweistöckigen Häusern, die an die bunten viktorianischen Bauten in San Franciscos berühmten Alamo Square erinnern. Außerdem verfügt das Testgelände, das Teil der Uni Michigan ist, über Kopfsteinpflaster, ramponierte Straßen und sogar absichtlich sehr verschmutzte Straßen.

Über rund 13 Hektar testen hier Ingenieure und Informatiker das Verhalten der Selbstfahrer. Denn, so stellt Mark Rosenkind von der Behörde für Nationale Straßenverkehrssicherheit auf einem Kongress im Mai 2017 fest, das alte Verfahren von Statistiken zu Unfalltoten im Straßenverkehr reicht für selbstfahrende Autos nicht aus. Ordentliche Teststecken müssen her. Ein weiteres Gebiet entsteht gerade auch im rund 16 Kilometer entfernten Ypsilanti: Das "American Center for Mobility". Auf dem Gebiet einer ehemaligen Bomben-Fabrik aus dem Zweiten Weltkrieg sollen auf rund 136 Hektar hier zukünftig noch ausgiebigere Tests stattfinden.

Von der falschen Stadt auf richtige Straßen
Kleine Knutschkugel: Googles Mini-Mobil war das erste autonome Auto auf amerikanischen Straßen. Foto: Waymo

Von der falschen Stadt auf richtige Straßen

Aber auch einige Unternehmen bauen sich eine Stadt nach, um ihre Selbstfahrer zu testen. Alphabet, Googles Mutterkonzern, lässt seine Waymo-Wagen etwa in Castle fahren, einer verlassenen Militärbasis in Atwater, Kalifornien. Fast postapokalyptisch wirkt die wüstenartige Geisterstadt, die sich über 37 Hektar erstreckt – Zebrastreifen, Ampeln, (unbefahrene) Bahnschienen und sogar Briefkästen lassen die Stadt noch gespenstischer wirken. Wie aufs Stichwort laufen – wie bei einem Filmdreh – Menschen vor die Autos, überqueren mit dem Fahrrad die Straße oder werfen Kartons von einem Laster auf die Straße.

Aber Googles selbstfahrende Autos sind auch seit 2015 auf echten Straßen unterwegs. Nach eigenen Angaben haben alle Wagen des Unternehmens insgesamt umgerechnet 2,4 Millionen Kilometer hinter sich. Alles rund um den Hauptsitz in Mountain View, Kalifornien. Die Autos brauchen aber noch einige Zeit, bis sie tatsächlich auf echten Straßen zum Einsatz kommen können. Das zeigen Situationen wie der Unfall eines selbstfahrenden Uber-Fahrzeuges in Arizona im Frühjahr 2017 oder der Zusammenstoß eines autonomen Busses mit einem LKW erst kürzlich in Kalifornien.

Und auch in Europa scheint das eher der Weg zu sein, den die Tester gehen wollen. Geheime Test-Städte will hier offenbar keiner bauen. Stattdessen geben etwa deutsche Behörden Autobahnen oder kleiner Stadtabschnitte für autonome Autos frei. So etwa auf einer Strecke zwischen Deutschland, Frankreich und Luxemburg oder auf der A9 in Bayern. Bisher sitzt aber sowohl bei Google als auch in Deutschland bei den Tests noch ein Fahrer hinter dem Steuer – zur Sicherheit. Die Freiheit, das Auto völlig alleine fahren zu lassen, bietet eben nur eine eigene Teststrecke. Oder eine Test-Stadt.

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