Elektromobilität

Fahrradstraßen für E-Bikes und E-Scooter: Wer hat freie Fahrt?

von Gertrud Teusen

Fahrradstraßen sollen das Radfahren schneller und sicherer machen. Sie hinterlassen aber auch große Fragezeichen: Dürfen E-Bikes und E-Scooter dort fahren?

Ein Gruppe von Fahrradfahrern auf einer Fahrradstraße in Münster.
Rätsel für Verkehrsteilnehmer: Ist das jetzt ein breiter Radweg oder eine schmale Fahrradstraße? Foto: Shutterstock / franz12

Das erfahren Sie gleich:

  • Was die Fahrradstraße vom Radweg unterscheidet
  • Wann ein E-Bike auf der Fahrradstraße fahren darf
  • Welche Verkehrsregeln in der Fahrradstraße gelten

Manche haben einen farbigen Untergrund, andere sind schlicht mit einem Verkehrsschild gekennzeichnet. Fahrradstraßen gibt es in allen möglichen Ausführungen. Gemeinsam haben sie eines: Es ist völlig verwirrend, wer außer herkömmlichen, nur mit Muskelkraft angetriebenen Fahrrädern darauf fahren darf. Alle E-Bikes? Oder nur bestimmte? Und was ist mit E-Scootern? aio klärt auf.

Die Geschichte der Fahrradstraße

Es hat lange gedauert, bis die Fahrradstraße so richtig populär wurde: Tatsächlich wurde die Möglichkeit solcher Strecken, in denen Radfahrer mehr Vorrechte als Autofahrer haben, bereits 1997 als „Fahrradnovelle“ in die Straßenverkehrsordnung (StVO) aufgenommen.

Daran waren allerdings zahlreiche straßenbauliche Voraussetzungen geknüpft, wie beispielsweise für „Aufplasterung“ und damit einhergehend Fahrbahnverengungen. Dementsprechend investierten viele Kommunen lieber in Radwege, die mit einfacher Straßenmarkierung herzustellen waren.

2009 trat ergänzend eine Verwaltungsvorschrift zur StVO in Kraft, die aufwändige Gestaltungsmaßnahmen nicht mehr zwingend vorsah. Anstatt dessen können Fahrradstraßen allein durch das Aufstellen des entsprechenden Verkehrszeichens „Fahrradstraße“ eingerichtet werden.

Nochmal knapp zehn Jahre später gewinnen Fahrradstraßen vor allem in Großstädten wie München viel mehr Raum – und dabei stellt sich nun heraus, dass es mit der Beschilderung alleine oft nicht getan ist.

Eine bauliche Ausgestaltung der Fahrradstraßen ist nicht zwingend erforderlich; die Einrichtung von Fahrradstraßen kann im Gegenteil durch die damit verbundenen höheren Kosten und aufwändigeren Maßnahmen erschwert werden.

Elke Willhaus, Planungsgemeinschaft Verkehr

Anstelle von mehr Sicherheit für Radfahrer tritt vor allem Verunsicherung. „Generell gilt: die Bedeutung einer Fahrradstraße ist nicht für jeden Verkehrsteilnehmer selbsterklärend, sondern bedarf entsprechender öffentlicher Aufklärung durch Flyer, Pressemitteilungen etc.", gibt Elke Willhaus von der Planungsgemeinschaft Verkehr (PGV-Alrutz) zu bedenken.

Fahrradstraße und Radweg: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Fahrradstraße und Fahrradweg haben mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick vermutet: Beide sind eingerichtet, um Radfahrern eine sichere Fahrt durch den teils unübersichtlichen und schnellen Kraftfahrzeugverkehr zu ermöglichen.

Grün markierte Fahrradstraße.
Die farblich markierte Fahrradstraße schafft ein bisschen mehr Klarheit. Rechtlich verbindlich sind aber die Schilder. Foto: Shutterstock / Harry Huber

Das zeichnet Radwege aus:

  • Radwege sind nur für Fahrräder gekennzeichnete Fahrstreifen, am rechten Straßenrand oder abgetrennt auf dem Fußweg
  • Die Benutzung von Radwegen ist Pflicht, wenn es entsprechend ausgeschildert ist
  • Mehre Fahrräder dürfen nur dann nebeneinander fahren, wenn niemand dadurch behindert wird
  • Die Geschwindigkeit muss sich dem Umfeld anpassen, so dass Fußgänger und/oder andere Radfahrer nicht gefährdet werden

Das macht Fahrradstraßen aus:

  • Fahrradstraßen sind nur für Fahrräder da, es sei denn, die Benutzung wird auch für Pkws erlaubt
  • Mehrere Fahrräder dürfen nebeneinander fahren
  • Die Geschwindigkeit ist auf 30 km/h begrenzt
  • Für einmündende Straßen gilt rechts vor links
  • In Bezug auf Autofahrer gilt folgendes:

Autofahrer dürfen die Fahrradstraße benutzen, wenn dies durch eine zusätzliche Beschilderung erlaubt wird. Sie müssen sich im Tempo den Fahrradfahrern anpassen und dürfen vorausfahrende Räder nur überholen, wenn die Fahrradstraße breit genug angelegt ist und niemand in Bedrängnis gerät. Der Autofahrer muss auf ausreichend Sicherheitsabstand achten. In Bezug auf die Vorfahrt gilt strikt rechts vor links.

Wer die Fahrradstraße benutzen darf

Die Definition von Fahrrad

Das Fahrrad zeichnet sich durch den Pedal-Antrieb aus. Der Fahrer braucht weder eine spezielle Qualifikation noch eine Versicherung. Es gibt keine Helmpflicht und keine Altersbeschränkungen.

Kommt beim Fahrrad ein Motor ins Spiel, sieht die Sache schon ein wenig anders aus. Der umgangssprachliche Begriff „E-Bike“ ist dabei zu wenig präzise. Man unterscheidet zwischen einem Pedelec und S-Pedelec.

Welche Elektrofahrräder dürfen auf Fahrradstraßen?

  • Pedelec
  • S-Pedelec
  • Unterstützung bis max.
  • 25 km/h
  • 45 km/h
  • Motorstärke
  • 250 Watt
  • 500 Watt
  • Versicherungskennzeichen
  • nein
  • ja
  • Helmpflicht
  • nein
  • nein
  • Mindestalter
  • nein
  • 15 Jahre
  • Fahrerlaubnis
  • nein
  • ja*
  • Radwegbenutzung
  • ja
  • eingeschränkt**
  • Fahrstraßenbenutzung
  • ja
  • eingeschränkt***
  • Bußgeld-Regelungen
  • Für Radfahrer
  • Für Kraftfahrer

Stand: November 2018

* Mofa-Führerschein erforderlich

** Zusatzbeschilderung „Mofa frei“ und außerorts

*** Zusatzbeschilderung „Mofa frei“ und außerorts

Die meisten E-Bikes sind ganz normale Pedelecs und damit herkömmlichen Fahrrädern gleichgesetzt. Der Motor unterstützt nur beim Treten und regelt bei einer Geschwindigkeit von 25 km/h ab.

Anders sieht es bei sogenannten S-Pedelecs aus: Sie fahren auch ohne Einsatz von Muskelkraft, allerdings nicht so schnell. Tritt der Fahrer zusätzlich in die Pedale, kann er Geschwindigkeiten bis 45 km/h erreichen.

E-Bikes und Pedelecs auf Fahrradstraßen

Radwege und Fahrradstraßen werden oft mit zahlreichen Piktogrammen auf dem Asphalt markiert. Rechtlich verbindlich sind allerdings die Schilder, die eine Straße oder einen Weg für Fahrräder (und damit verbunden auch für Pedelecs) freigibt.

Es gibt Fahrradstraßen, die durch eine solche Zusatzbeschilderung für andere Verkehrsteilnehmer freigegeben werden. Nämlich:

  • für Pkw (das schließt Lkw und Motorräder ein)
  • für Inlineskater
  • für Mofas
  • für E-Bikes

Die Zusatzbeschilderung der Freigabe „für Mofas“ erlaubt die Benutzung der Fahrradstraße auch für die schnellen S-Pedelecs, allerdings unter Berücksichtigung der Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h.

Ein Verkehrsschild warnt ausparkende Autofahrer in einer Fahrradstraße vor kreuzenden Radfahrern.
Warnhinweis vom Amt: Verkehrsschild an einer Fahrradstraße. Foto: Shutterstock / Harry Huber

Die Zusatzbeschilderung der Freigabe „für E-Bikes“ ist komplett irreführend, denn obwohl auf den Schild ein Fahrrad mit einem Elektrostecker zu sehen ist, gilt die Freigabe dann nur für Elektroroller bzw. Elektro-Mofas, die eine Maximalgeschwindigkeit von 25 km/h besitzen und sich ohne Tretunterstützung fortbewegen.

Der Verkehrsclub Deutschland meint: „Es ist zu befürchten, dass künftig S-Pedelecs auch auf den für E-Bikes freigegebenen Radwegen unterwegs sind. Eindeutiger wäre es, wenn das Schild S-Pedelecs ausschließen würde.“

E-Scooter auf Fahrradstraßen

Die offiziellen Regeln für die neue Fahrzeugkategorie „E-Scooter“ (also elektrischer Tretroller) ist noch nicht klar definiert. Insofern ist die Straßen und darüber hinaus der gesamte öffentliche Verkehrsraum für die kleinen Elektroroller noch tabu.

Die Einordnung in das bislang übliche System wird noch schwieriger, weil es selbst bei den E-Scootern große Geschwindigkeitsunterschiede gibt. Theoretisch dürften E-Scooter auf dem Bürgersteig fahren – allerdings nur dann, wenn ihre Höchstgeschwindigkeit auf sechs km/h begrenzt ist.

Seit 2018 ist E-Scootern die Benutzung von Radwegen erlaubt, wenn dort das Zusatzschild „E-Bike frei“ angebracht ist. In der Tat sind solche Strecken aber mehr die Ausnahme als die Regel. Freigeben sind diese dann nur für E-Scooter mit einer Maximalgeschwindigkeit von 25 km/h. Für diese benötigt der Fahrer ein Versicherungskennzeichen und eine Fahrerlaubnis der EG-Fahrzeugklasse L1e.

Hier gibt es die meisten Fahrradstraßen

Bei den Fahrradstraßen hat München im bundesweiten Durchschnitt die Nase vorn. Im Stadtgebiet sind rund 30 Kilometer dem Radverkehr vorbehalten, wobei die meisten Fahrradstraßen gemäß Zusatzbeschilderung für Anwohner und Anlieger mit Auto frei sind.

Eine offizielle Übersicht, wo und wie viele Fahrradstraßen wirklich eingerichtet wurden, gibt es nicht. Unsere Top Ten erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Top 10: Die Städte mit den meisten Fahrradstraßen

  • Ranking
  • Stadt
  • Fahrradstraßen
  • 1.
  • München
  • 63
  • 2.
  • Essen
  • 37
  • 3.
  • Braunschweig
  • 30
  • 4.
  • Hannover
  • 21
  • 5.
  • Bremen
  • 18
  • 6.
  • Kiel
  • 18
  • 7.
  • Berlin
  • 16
  • 8.
  • Freiburg
  • 13
  • 9.
  • Hamburg
  • 10
  • 10.
  • Bonn
  •  9

Stand: November 2018

Fazit: Das Gesetz der Fahrradstraße ist noch unklar

Angesichts der noch überschaubaren Anzahl der Fahrradstraßen in Deutschland und der damit verbundenen Rechtsunsicherheit für die Benutzung der unterschiedlichen E-Bikes, E-Scooter und ähnlicher Verkehrsmittel wird der Ruf nach klaren Verkehrsregeln und Vorschriften laut.

Wer die Fahrradstraße auf welche Weise benutzen darf, ist für viele Verkehrsteilnehmer völlig unklar. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, klarere Regelungen zu schaffen.

Auch interessant

Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Um mehr über die von uns verwendeten Cookies zu erfahren und wie man sie deaktiviert, können Sie unsere Cookie-Richtlinie aufrufen.

Schließen