Gesundheit

Elon Musk: Wenn chronischer Stress den Führungsstil bestimmt

von Dr. Kai Kaufmann

Chronischer Stress und ein autoritärer Führungsstil: Warum gestresste Chefs dem Unternehmen und den Mitarbeitern schaden – Elon Musk macht es vor.

Elon Musk, sichtlich überarbeitet und ausgelaugt.
Völlig überarbeitet: Der Tesla-Chef Elon Musk leider unter chronischem Stress. Das verriet er jetzt der New York Times. Foto: picture alliance/AP

Das erfahren Sie gleich:

  • Warum Tesla-Chef Elon Musk sich keine Pause gönnt
  • Wie der chronische Stress Schlafmangel und die Angst vor Kontrollverlust befördert
  • Weshalb New Work eine Möglichkeit ist, dem entgegen zu wirken
  • Wie sich das Hirn bei dauerhaft gestressten Chefs "umbaut"

Er ist ein wahrer Tausendsassa. Mit seinen Unternehmen Tesla, SpaceX und Hyperloop ist Elon Musk erfinderisch wie Daniel Düsentrieb und mit einem aktuellen Vermögen von 17,2 Milliarden Dollar reich wie Dagobert Duck. Elon Musk steht wie kaum ein anderer für die Zukunft.

Lesen Sie auch

Ladestation

aio-Empfehlung

Unter Strom! Mobilität wird elektrisch

Gleichzeitig gilt der Tech-Tycoon und Chef von über 30.000 Tesla-Mitarbeitern schon lange als Egomane, Tyrann und Workaholic. Nun zeigte sich der 47-Jährige in einem Gespräch mit Reportern der „New York Times“ kurz vor dem völligen Zusammenbruch aufgrund chronischer Erschöpfung. Dabei wurde überdeutlich: Seine Arbeitsweise und sein Führungsstil sind alles andere als zukunftsweisend, innovativ und New Work.

All dies ist auf alarmierende Art destruktiv und veraltet. Mit drohenden Folgen nicht allein für Elon Musk, sondern für seine Mitarbeiter, seine Unternehmen und die Aktionäre.

Es gab Zeiten, in denen ich die Fabrik über drei, vier Tage lang nicht verlassen habe.

Tesla-CEO Elon Musk, im Interview mit der NYT

Elon Musk: Keine Pause für den Tesla-Chef

Elon Musk schien vollkommen überarbeitet, erschöpft, überdreht, berichten die „New York Times“-Reporter. Er habe in dem Gespräch ständig zwischen Lachen und Weinen geschwankt. Bis zu 120 Stunden wöchentlich habe er seit einiger Zeit gearbeitet. New Work und Work-Life-Balance sehen anders aus. Seit 2001 gab es keinen Urlaub mehr, der länger als eine Woche war. Nonstop Stress seit fast 20 Jahren.

„Es gab Zeiten, in denen ich die Fabrik über drei, vier Tage lang nicht verlassen habe“, so Elon Musk zu den Reportern in Los Angeles. All dieser Stress gehe auf die Kosten seiner sechs Kinder und Freunde, die er kaum noch sehe. Zeitweise konnte der dreifach geschiedene Musk nicht weitersprechen, weil ihm die Tränen in den Augen standen.

An seinem 40. Geburtstag, am 28. Juni 2011, verbrachte er volle 24 Stunden im Büro. „Die ganze Nacht – keine Freunde, nichts“, sagte der Tesla-Chef. Zwei Tage später sollte Elon Musk Trauzeuge seines Bruders Kimbal in Calalonie sein. Er flog direkt aus der Fabrik nach Catalonia, landete gerade einmal zwei Stunden vor der Trauung und flog direkt danach zurück ins Tesla-Hauptquartier.

Tesla geht's besser, Musk schlechter

„Ich dachte, für Tesla sei nun das schlimmste überwunden. Das dachte ich“, sagte Elon Musk. „Operativ ist es das für Tesla auch. Aber was mein eigenes Leiden angeht, kommt das Schlimmste noch.“ Lauter kann ein – öffentlicher – Hilferuf kaum sein. So klingt ein Mensch, der kurz vor seinem völligen Zusammenbruch aufgrund von chronischem Stress steht.

Elon Musk bei der Eröffnung der neuen Tesla-Factory in Holland.
Bei allen großen Veranstaltungen dabei: Elon Musk fällt es sichtlich schwer, die Kontrolle abzugeben. Foto: picture alliance / Scanpix Denmark

Chronischer Stress: Kein Schlaf – immer die Kontrolle behalten

Schlaf findet der Milliarden Dollar schwere Elon Musk vor lauter Stress häufig nur noch dank eines verschreibungspflichtigen Schlafmittels: „Oft ist es eine Wahl zwischen kein Schlaf oder Ambien“, so Musk. Laut „New York Times“ berichten Mitglieder seines Führungsstabs, dass der Tesla-Chef für diesen atemlosen Führungsstil auch zu Aufputschmitteln greife.

Man fragt sich: Warum delegiert der gestresste Tesla-Boss nicht deutlich mehr? Bereits seit Jahren soll die Führungsriege von Tesla nach einem Chief Operating Officer oder einer Nr. 2 als Entlastung für Elon Musk suchen, heißt es. Doch Musk scheint die Hoffnung aufgegeben zu haben. „Soweit ich weiß, betreiben wir aktiv keine solche Suche mehr“, sagte er jetzt.

Ich würde eher Selbstmord begehen als scheitern

Elon Musk, im Interview mit der NYT

Musk habe auch keinesfalls vor, seine Doppelrolle als Chairman und CEO aufzugeben, berichten die Reporter. Für einen kooperativen Führunsstil à la New Work und eine bessere Work-Life-Balance gibt es für Musk und Mitarbeiter bei Tesla also wenig Aussichten. Eher provokativ fügte Musk bei der Verabschiedung hinzu: „Wenn Sie jemanden kennen, der den Job besser macht, lassen Sie es mich wissen. Er kann ihn haben. Sofort.“

Das klingt nach einem ironischen Bonmot am Ende. Doch Musk hatte vollkommen klar gemacht: Aus seiner Sicht läuft nichts ohne ihn als Chef auf allen Ebenen. Dieser Führungsstil ist ein Klassiker insbesondere für mächtige, weiße, alternde, männliche Wirtschaftsbosse. Keiner macht den Job besser als ich. Also mache ich weiter. „Ich würde eher Selbstmord begehen als scheitern“, soll er schon vor Jahren gesagt haben.

New Work: Darauf pfeift Musk

Kooperative Führungsstile, New Work, Work Life Balance, resiliente Unternehmensführung? Fehlanzeige. Nichts von all dem, was Tesla-Chef Elon Musk jetzt gegenüber den Reportern der „New York Times“ sagte und zeigte, klingt nach diesen zeitgemäßen Formen eines modernen Führungsstils.

Na und? Ist doch sein Problem, seine Entscheidung und sein persönliches Schicksal, könnte man sagen? Nein. Denn eine chronische Erschöpfung über Jahre und eine Haltung des Nicht-delegieren-Könnens einer Führungskraft können weitreichende, schwerwiegende Auswirkungen haben: auf Mitarbeiter und das gesamte Unternehmen, Anleger und natürlich die Familie und Freunde.

Weshalb sind chronischer Stress und eine jahrelange Erschöpfung so gefährlich? Weil sie zu wesentlichen, negativen Veränderungen im Gehirn führen. Und zwar strukturellen Veränderungen. Das Gehirn wird unter chronischem Stress geradezu umgebaut. Ganze Hirnregionen schrumpfen, neuronale Verbindungen schwinden. Stress formt das Gehirn – und belastet die Gesundheit. Bei Menschen mit großen Befugnissen und Verantwortungen wie Elon Musk kann dies besonders weitreichende Folgen haben.

Die Silhouette eines Mannes, der übermüdet wirkt.
Stress verändert das Gehirn und so auch den Führungsstil von Chefs – darunter leiden dann auch die Mitarbeiter und das Unternehmen. Foto: Unsplash/Gift Habeshaw

Gestresste Chefs: "Umbau" des Gehirns

In welcher Form kann sich das Gehirn unter chronischem Stress, dauerhaftem Schlafenzug und einem Burnout – einem Erschöpfungssyndrom hinter dem häufig eine Depression steckt – verändern? Und welche Folgen hat dies für seinen Führungsstil, seine Entscheidungskompetenz, Emotionssteuerung und sozialen Beziehungen?

Folgen für das Gehirn und den Führungsstil:

  • Im Gehirn wird das Nervenzellwachstum gebremst, die Kommunikation der verschiedenen Areale und ihre Aktivität verändern sich unter chronischem Stress; Teile des Gehirns schrumpfen
  • Die Bildung von Nervenzellen im Hippocampus wird verringert, sein Volumen kann bis zu 20% abnehmen. Der Hippocampus ist ein Zwischenspeicher für Erinnerungen und dient der Verarbeitung von Emotionen. Die Folgen: Vergesslichkeit und ein sprunghafter, von Impulsen geleiteter Führungsstil
  • Das "Abschalten" der Stressreaktion durch den Hippocampus wird verhindert. Chronischer Stress befördert deshalb weiteren Stress – ein Teufelskreis. Regeneration ist für diese Chefs kaum möglich
  • Der präfrontale Cortex, eine Kontrollinstanz für Emotionen, verliert an Aktivität und Umfang. Die Folgen: weniger situationsgemäße Reaktionen, irrationales Verhalten; Zielsetzungen werden zunehmend erschwert
  • Der cinguläre Cortex, der mit Entscheidungsfindung in Verbindung steht, ist verkleinert. Die Folge: schlechtere Entscheidungen der Chefs. Gift für Unternehmen
  • Im Frontalhirn werden negative Bewertungen unterstützt. Die Folge: ständig nörgelnde, unzufriedene, verärgerte Chefs
  • Die Amygdala, der sogenannte Mandelkern, ist überaktiv. Symptome sind häufige Angstzustände und Panik
  • Handlungsspielräume verengen sich. Die Folge: ein autoritärer Führungsstil
  • Das Verhalten des Chefs wird unflexibel, rigide, impulsiv, aggressiv, cholerisch

Die gute Nachricht: Die meisten Veränderungen aufgrund von chronischem Stress, Burnout und Depressionen lassen sich rückgängig machen. Allerdings geschieht dies nicht allein durch einen längeren Urlaub. In der Regel Bedarf es therapeutischer Maßnahmen, oftmals unter Einsatz von Psychopharmaka. Vor allem aber Bedarf es einer Änderung der Lebens- und Arbeitsweise. Und des Führungsstils. Möglicherweise gilt dies auch für Teslas Elon Musk.

Damit es überhaupt nicht so weit kommt, ist der regelmäßige Stressabbau und ein Ausgleich zur Arbeit dringend erforderlich.

Updates

Bleiben Sie zum Thema Gesundheit immer informiert.

Auch interessant

Diese Website verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie dem zu. Um mehr über die von uns verwendeten Cookies zu erfahren und wie man sie deaktiviert, können Sie unsere Cookie-Richtlinie aufrufen.

Schließen