Elektromobilität

Daten gehen direkt an Regierung: Elektroautos dienen in China als Spitzel

von
Paul Bandelin

Wenn das Elektroauto seinen Fahrer überwacht – eine gruselige Vorstellung für viele, aber in China übermitteln die Autos Daten automatisch an die Regierung.

Die Skyline von Schanghai.
Die chinesische Regierung überwacht seine Bevölkerung mit vielen Mitteln – jetzt soll auch das Elektroauto Daten liefern. Foto: Shutterstock / Yibo Wang

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie Elektroautos in China die Bürger überwachen
  • Wie die Regierung so Daten zu Arbeitsplatz, Wohnort oder Freizeitaktivitäten über das Elektroauto erhält
  • Warum viele Chinesen die Überwachung – ob durch das E-Auto oder durch andere Mittel – einfach hinnehmen

In Sachen Überwachung macht China keine halben Sachen. Viele der technischen Neuerungen – die ganz offiziell der Sicherheit dienen – präsentiert das Land den 1,3 Milliarden Einwohnern der Volksrepublik ganz öffentlich. Egal, ob es sich um die Gesichtserkennung per Datenbrille oder die öffentliche Brandmarkung für das Übertreten einer roten Ampel handelt. Nun dringt die chinesische Regierung noch weiter in das Privatleben ihrer Bürger vor: Sie nötigt die Hersteller von Elektroautos, Zugriff auf die Daten jedes Fahrers zu gewähren.

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In China überwacht das Elektroauto seine Fahrer

Im Jiading-Distrikt in Schanghai laufen sämtliche Daten zusammen. Das Shanghai Electric Vehicle Public Data Collecting, Monitoring and Research Center (SHEVDC) hat seinen Sitz hoch oben in einem der vielen Wolkenkratzer der Industriestadt. Auf einer Vielzahl modernster Bildschirme lässt sich jedes einzelne der Elektroautos nachverfolgen.

Dazu tauchen Informationen über den Fahrzeughalter und das Modell auf – wie beispielsweise der derzeitige Batteriestand oder die gefahrenen Kilometer. Insgesamt lassen sich Daten von über 222.000 Elektrofahrzeugen in ganz Schanghai einholen. Landesweit sind es sogar über eine Million Fahrzeuge.

In China gibt es Echtzeit-Überwachungssysteme, bei denen wir Autodaten an ein Regierungssystem liefern müssen.

Jochem Heizmann, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen Group China

Das Problem für die Bürger: Ohne dieses Überwachungssystem darf in China kein einziges Elektroauto zugelassen werden. Insgesamt 61 verschiedene Datenpunkte übermittelt das System permanent, darunter auch die Standortinformation. Damit lässt sich ein Bewegungsprofil erstellen, das beispielsweise Rückschlüsse auf Arbeitsplatz, Wohnort und Freizeitaktivitäten des jeweiligen Fahrers zulässt.

Ding Xiaohua stellvertretender Direktor von SHEVDC
Ding Xiaohua, stellvertretender Direktor von SHEVDC, überwacht mit seinem Team die Daten, die die Elektroautos liefern. Foto: picture alliance/AP Photo

Überwachung unter dem Deckmantel der Sicherheit

Über 200 Automobilproduzenten, darunter die Größen der Branche wie etwa Tesla, Volkswagen, BMW, Daimler oder auch General Motors geben Dutzende persönlicher Informationen an die staatlich unterstützten Überwachungszentren weiter. Die Fahrer wussten beim Kauf nichts davon.

Laut den chinesischen Behörden nutzen diese die gewonnenen Daten primär zur Erhöhung der öffentlichen Sicherheit im Land. Zudem sollen sie die Infrastrukturplanung erleichtern und Betrug in Subventionsprogrammen verhindern. Kritikern zufolge liegt die erhaltene Datenmenge allerdings weit über dem, was das Ministerium für Staatssicherheit zur Erreichung der Sicherheitsziele in Wahrheit benötige.

Das Ministerium lernt viel über die alltäglichen Aktivitäten der Menschen. Das wird Teil der allgegenwärtigen Überwachung, bei der so ziemlich alles, was Sie tun, aufgezeichnet und gespeichert wird und möglicherweise verwendet werden kann, um Ihr Leben und Ihre Freiheit zu beeinflussen.

Michael Chertoff, ehemaliger Minister für Innere Sicherheit in den USA

Überwachung in China nimmt kein Ende

Wer denkt, der Datentransfer von Elektroautos geschehe nur in China, der irrt. Auch in den USA, Japan oder Europa bekommen die Hersteller der Fahrzeuge Daten übermittelt. Doch dort stoppt die Versorgungskette allerdings. Die Regierungen oder Strafverfolgungsbehörden kommen in diesen Teilen der Welt nur im Falle kriminaltechnischer Untersuchungen an die Daten. In den USA benötigen sie gar eine spezielle gerichtliche Verfügung.

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"Die Autobauer betrachten ihre Daten als wertvolle Ressource und gaben uns Dutzende Gründe, warum sie sie geheim halten müssen. Nachdem wir unterschiedliche Boni angeboten hatten, gaben sie die Informationen allerdings frei, weil es Teil ihres Profits ist", so ein chinesischer Regierungsberater. Der chinesische Markt ist zu attraktiv, um sich die möglichen Verkäufe und Umsätze entgehen zu lassen.

Min Zeren, Besitzerin eines Tesla in China, zu der immer weiter ausartenden Überwachung in ihrem Land: "Es hat ohnehin keinen Sinn, sich darüber Sorgen zu machen. Denn wenn man sich über so etwas Sorgen macht, gibt es keine Möglichkeit, in diesem Land zu leben."

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