Leben

eCall: Das Notrufsystem, das beim Unfall Leben retten kann

von Gertrud Teusen

Das eCall-System ist seit März 2018 Pflicht für alle Neuwagen. Aber was kann das Notrufsystem, wie funktioniert es und was ist mit Datenschutz im Auto?

Das Blaulicht eines Krankenwagens in der Nahaufnahme.
Bei einem Unfall geht es oft um Sekunden – das Notrufsystem eCall ruft deshalb automatisch den Krankenwagen. Foto: Shutterstock / Jimmy R

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie das Notrufsystem eCall funktioniert
  • Welche alternativen – und nachrüstbaren – Systeme es bisher gibt
  • Welche Daten aus dem Auto der eCall übermittelt

Seit März 2018 sind alle Autohersteller in Europa verpflichtet, das Notrufsystem "eCall" (kurz für Emergency Call also Notruf), in ihre neu genehmigten Fahrzeugmodelle einzubauen. So will die EU die Zahl der Unfalltoten drastisch reduzieren. Von 30.000 Toten im Jahr 2010 will Europa mit dem System die Anzahl auf 15.000 senken. Bereits damals kam die Initiative auf – aber erst in diesem Jahr kam es zur finalen Umsetzung.

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Wie funktioniert eCall?

Der eCall-Notrufdienst funktioniert europaweit gleich. Das System nutzt Mobilfunk und Satellitenortungssystem, um nach einem Unfall aus dem Auto heraus (automatisch oder manuell) eine Telefonverbindung zur Notrufnummer 112 herzustellen. Dadurch verbindet das System – unabhängig davon, wo man sich gerade befindet – mit der nächstgelegenen Rettungsdienst-Leitstelle.

Beim eCall baut das System über eine eingebaute SIM-Karte eine Mobilfunkverbindung auf. Über eine Freisprechanlage können Unfallbeteiligte dann zusätzliche Informationen an den Rettungsdienst durchgeben. Parallel zur Telefonverbindung übermittelt eCall aber auch Daten, die es dem Rettungsdienst ermöglichen, das Fahrzeug zu lokalisieren. Das funktioniert somit auch ohne Telefonat. Beim eCall unterscheidet man zwischen einer automatischen und einer manuellen Aktivierung:

Automatischer eCall

Lösen bei einem schweren Unfall bspw. die Airbags aus, setzt das System immer einen Notruf ab. Bei kleineren "Rempeleien" passiert das nicht.

Ausgelöste Airbags in einem Auto.
Das eCall-System setzt automatisch einen Notruf ab, wenn Airbags in einem Fahrzeug auslösen. Foto: picture alliance/PIXSELL

Manueller eCall

Bei einem dringenden medizinischen Problem bspw. Herzproblemen, lässt sich das Notrufsystem auch manuell aktivieren. Jeder, der am Unfallort vorbei kommt oder im Fahrzeug mitfährt, kann den SOS-Knopf drücken, um Hilfe zu holen.

UMD: Alternatives Notfallsystem nachrüsten

Die Deutschen liebe ihre Autos und fahren sie entsprechend auch ziemlich lange, nämlich 9,5 Jahre im statistischen Durchschnitt. Im Umkehrschluss bedeutet das:

In zehn Jahren wird es immer noch rund 19 Millionen Autos ohne eCall geben.

Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV)

Wer aber auch im alten Auto nicht auf einen Notrufassistenten verzichten will, kann sein Auto mit einem anderen System nachrüsten. Der GDV hat in Zusammenarbeit mit Versicherungsgesellschaften den Unfallmeldedienst (kurz: UMD) entwickelt. Nach einem Unfall wird mit diesem ein automatischer Notruf in die Telefonzentrale des Versicherers absetzt – also ist das System nicht so universell wie der eCall.

Der UMD arbeitet mit drei Komponenten:

  1. Der erste ist ein (mit Sensoren versehener) spezieller Stecker, der in die Buchse des Zigarettenanzünders eingesteckt wird. Diese Crash-Sensoren registrieren, dass ein Unfall passiert ist.
  2. Die zweite Komponente ist eine Notfall-App, die auf dem Smartphone des Fahrers installiert ist. Der Sensorenstecker aktiviert diese via Bluetooth, wenn ein Unfall passiert ist. Die App fügt dieser Information die Ortungsdaten (bspw. GPS Längen und Breitengrade) hinzu.
  3. Die dritte Komponente ist das Smartphone des Fahrers, das sich beim Unfall automatisch (oder auch manuell) mit der Notrufzentrale des Autoversicherers verbindet. Diese leitet die Notfall- oder Pannenhilfe-Maßnahmen ein. Dort werden auch Daten hinzugefügt, die hinterlegt sind, also bspw. Fahrzeugtyp, Antriebsform u.ä.

Weitere Notfallsysteme: Die Eigeninitiative der Autohersteller

Einige Autohersteller haben sich schon vor Jahren selbstständig gemacht und eigene Notruf-Assistenz-Systeme entwickelt und ihren Modellen verbaut. Nicht alle erfüllen die Standards, die die EU vorgibt. Das größte Manko: Die Notrufe gehen meist nicht direkt an die nächstgelegenen Rettungsleitstellen ein, sondern landen zunächst bei jeweiligen Service-Zentralen des Automobilherstellers. Das kostet im Notfall wertvolle Zeit.

Zum anderen sind nicht alle Herstellersysteme überall in Europa verfügbar. Zudem sind sie oft nur als Extra-Ausstattung hinzuzufügen – und kosten (verbunden mit teuren Multimedia-Paketen) richtig Geld. Außerdem gibt es bei manchen zweifelhafte Zusatz-Funktionen, über deren Sinn sich streiten lässt.

Einige Beispiele:

  • BMW: Der Autohersteller bindet in seinen Telematik-Dienst "Connected Drive" den "intelligenten Notruf" ein, der über eine fest verbaute Telefoneinheit zunächst an den BMW-Call-Center geht. Wie teilweise bei anderen Herstellern lässt er sich auch manuell absetzen. Auslöser für den Notruf ist die Auslösung der Airbags.
  • Ford: Der Autobauer bietet das Kommunikationssystem "Sync" an. In Abweichung zur üblichen Praxis geht hier der Notruf nicht im Call-Center des Herstellers ein, sondern wird direkt zu einer Notrufzentrale geleitet. Im Auto fest verbaut ist nur das GPS-Modul für die Fahrzeugortung.
  • Mercedes: Seit 2012 kann man sein Modell kostenpflichtig mit dem Fahrzeugnotruf "Comand Online" ausrüsten lassen.
  • Opel: General Motors bot als erster Hersteller ein automatisches Notrufsystem "OnStar" an. Sobald ein Airbag auslöst, setzt es über ein LTE-Modem einen Notruf ab. Was damit auch geht: Das Service-Center kann aus der Ferne das Auto öffnen, bspw. wenn sich der Fahrer ausgesperrt hat.
  • Peugeot & Citroën: Beim französischen PSA-Konzern nennt man diese Notrufassistenten "Connect SOS" bzw. "Citroën Notruf". Wie bei anderen Herstellern auch ermittelt das System den Standort des Autos nicht nur im Notfall, um schnelle Hilfe zu schicken. Auch etwa bei Pannen lässt sich die Technik nutzen.
  • Volvo: Beim schwedischen Hersteller kostet der "OnCall" extra. Neben dem automatischen Notruf, wenn sich der Airbag auslöst, bietet der Hersteller mit der Telematik-Funktion auch andere "Dienstleistungen" an. So lassen sich die Flüssigkeitsstände des Fahrzeugs aus der Ferne abrufen. Wird das Auto gestohlen, hilft die Lokalisierung durch "OnCall" per Geo-Daten weiter – der Motor des Volvos kann aus der Ferne deaktiviert werden.

eCall setzt neue Standards

Das neue eCall-System ist fest installiert und im Infotainment-System verbaut. Es ist bei neuen Fahrzeugmodellen Bestandteil der Typzulassungsprüfung. Es besteht also eCall-Pflicht. Aus diesem Grund lässt es sich nicht manipulieren bzw. ausschalten. Wird es dennoch aus dem Fahrzeug entfernt, so verliert das Fahrzeug die Betriebserlaubnis im öffentlichen Straßenverkehr. Bei einem Unfall riskiert man den Versicherungsschutz, und bei einer Hauptuntersuchung könnte die Werkstatt die Plakette verwehren.

Der eCall verfügt über einen Empfänger für GPS-Koordinaten und Galileo-Ortungsdaten, eine Mobilfunkantenne, ein Steuergerät mit fest-verbauter SIM-Karte, eine Verbindung zum Airbag-Steuergerät und eine Freisprechanlage.

Idealerweise hat das System auch eine Pannenruf-Taste, damit bei ausschließlich technischen Problemen nicht die 112-Rettungsleitstelle informiert werden muss.

Der eCall kann somit ohne Umwege mehr Informationen in kürzerer Zeit direkt an die nächstgelegene Rettungsdienstleitstelle übermitteln – zumindest theoretisch. Denn praktisch müssen auch die Rettungsdienstleitstellen europaweit auf einen einheitlichen Standard nachgerüstet werden.

Die übermittelten Informationen reichen von "einfachen Angaben" wie:

  • Wann der Unfall passiert ist
  • Wo sich das verunfallte Fahrzeug befindet (incl. Fahrtrichtungsangabe)
  • Wie viele Personen (theoretisch) an dem Unfall beteiligt bzw. in Mitleidenschaft gezogen wurden. Das wird an der Anzahl der geschlossenen Sicherheitsgurte festgestellt

Hinzu kommen fahrzeugspezifische Informationen wie beispielsweise: Um welche Antriebsart handelt es sich beim Unfallfahrzeug – das ist besonders bei E-Autos eine entscheidende Information? Durch Übermittlung der 17-stellige Fahrzeugidentifizierungsnummer (FIN) lassen sich Marke, Typ und Antrieb eindeutig identifizieren.

Bleibt der Datenschutz auf der Strecke?

Der eCall ist nicht als großer Lauschangriff gedacht. Er ist als "schlafendes System" angelegt, das erst dann "aufwacht", wenn es gebraucht wird. Durch das Auslösen der Airbags oder mit dem Druck auf einen bestimmten Knopf (bei manueller Aktivierung) baut das System eine Mobilfunkverbindung auf. Dadurch will die EU dem sogenannten "tracking" (Erstellen von Bewegungsprofilen) vorbeugen.

In der EU-Vorgabe ist festgeschrieben, dass nur der Mindestdatensatz übermittelt wird, der zur Einleitung von Rettungsaktionen benötigt wird. Für andere Zwecke darf das System keine Daten erheben oder speichern. Die Positionsdaten bspw. muss das System regelmäßig überschreiben.

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Dennoch steht der "gläserne Autofahrer" im Raum: Es geht beim eCall auch um den Datenschutz von Millionen von Autofahrern, die hoffentlich nie einen Notruf absetzen müssen. Bewegungsdaten, selbst wenn sie immer wieder überschrieben werden, sind zumindest kurzfristig vorhanden.

"Damit", sagte Datenschutzexperte Volker Lüdemann von der Uni Osnabrück im Interview mit dem Stern, "wird eCall zum Türöffner für neue Telematik-Dienstleistungen. Während der gesetzliche Notruf datenschutzrechtlich unproblematisch ist, drohen die Zusatzdienste zum Dreh und Angelpunkt für alle möglichen automobilen Datensammler zu werden." Darüber lohnt es sich nachzudenken – selbst wenn man zukünftig wohl keine andere Wahl hat, ob ein neues Fahrzeug mit diesem Notrufsystem ausgestattet ist oder eben nicht.

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