Gesundheit

Der Internet-Doktor: Wie wir in Zukunft online zum Arzt gehen

von Leonie Butz

Auf dem Land herrscht Ärztemangel – selbst in Deutschland sind viele Menschen unterversorgt. Der Internet-Doktor kommt deshalb digital zu seinen Patienten.

Modell eines Skeletts, wie sie oft in Arztpraxen stehen – mit Halswirbelsäule, Brustkorb und Wirbelsäule
Auch die Medizin wird digital: Vom Besuch beim Arzt zu E-Health und Internet-Doktor. Foto: Unsplash/ninoliverani

Das erfahren Sie gleich:

  • Warum E-Health vom Gesundheitsmarkt nicht mehr wegzudenken ist
  • Welche Patienten sich schon jetzt vom Internet-Doktor behandeln lassen können
  • Wie der Online-Arzt die Versorgung auch auf dem Meer verändert

E-Health statt Arztbesuch

Der Weg zum Arzt ist oft unnötig oder umständlich. Trotzdem nehmen ihn viele Menschen tagtäglich auf sich, selbst wenn sie aufgrund ihres Alters oder der Erkrankung vielleicht nur noch eingeschränkt mobil sind.

In Zukunft können sie sich den Weg in die Praxis eventuell sparen: Denn die elektronische Gesundheitsversorgung, E-Health, ist auf dem Vormarsch. Der Internet-Doktor ersetzt den Arzt vor Ort.

Mit dem E-Health-Gesetz, das digitale Angebote bei der Gesundheit fördert, steht die Digitalisierung des Gesundheitssystems in den Startlöchern. Viele Krankenkassen bieten bereits Prämien für Versicherte, die über Tracking-Gadgets ihre Gesundheit sowie ihre sportlichen Aktivitäten messen und die Ergebnisse mit den Kassen teilen.

Besonders, was Fitness und die Prävention angeht, ist E-Health deshalb nicht mehr aus dem Gesundheitsmarkt wegzudenken. Anders sieht das aber mit dem Arztbesuch vor Ort aus.

E-Health: Der Arzt aus dem Netz

In einigen ländlichen Regionen Deutschlands sieht es auch heute oft nicht gut aus, was die Verfügbarkeit eines Arztes angeht. Der Ärztemangel auf dem Land zwingt viele Patienten, einen sehr langen Weg zum Spezialisten auf sich zu nehmen.

Es ist also nicht verwunderlich, dass die Politik auch in diesem Bereich verstärkt auf E-Health, oder in diesem Fall Telemedizin, setzen möchte. Besonders für Patienten in der Langzeit-Überwachung, etwa nach schwierigen Operationen oder mit chronischen Erkrankungen, hieße das, sehr viel weniger Zeit mit Arztbesuchen zu verbringen.

Eine kurvige Landstraße führt durch bewaldetes Gebiet
Wenn der Doktor zum Patienten kommt: Besonders auf dem Land legen Ärzte für Hausbesuche oft immense Strecken zurück – ein Einsatzgebiet für den Internet-Doktor. Foto: Unsplash/Kees Streefkerk

Für viele ältere Menschen ist der Besuch des Hausarztes einer der wenigen verbliebenen menschlichen Kontakte.

Gesundheitsdaten eigenständig zu ermitteln und sich per Video-Live-Schaltung oder per Messenger mit dem Arzt auszutauschen, scheint deshalb in der Entwicklung nur logisch. Die technischen Möglichkeiten sind in jedem Fall vorhanden – die Umsetzung ist aber wegen der strengen Datenschutz-Gesetze in Deutschland schwierig.

Außerdem stellt ein digitales Gesundheitskonzept Patienten vor noch ganz andere Probleme:Besonders alte Menschen haben oft weder die technischen Mittel noch das Verständnis, um digitale Dienste zu nutzen. Nur rund 40 Prozent der über 65-Jährigen in Deutschland besitzen ein Smartphone. Um es auch für ältere, technisch weniger versierte Menschen zu öffnen, muss der digitale Arztbesuch also sehr viel simpler werden.

Hinzu kommt, dass für viele alte Menschen ein Hausbesuch durch den Doktor einer der wenigen menschlichen Kontakte ist, der ihnen noch geblieben ist. Dann ist ein simpler Chat-Kontakt mit dem Internet-Doktor nicht ausreichend, um das Wohlbefinden der Patienten via E-Health zu gewährleisten.

Internet-Doktor als Pilotprojekt in Baden-Württemberg gestartet

Wie die ambulante Versorgung der Zukunft in realer Anwendung aussehen könnte, wird seit Frühjahr 2018 in Baden-Württemberg getestet. In Stuttgart und dem Landkreis Tuttlingen ist der Internet-Doktor nun die erste Anlaufstelle bei medizinischer Fernbehandlung. Ohne vorherigen Kontakt können sich Erkrankte vom Online-Arzt beraten und behandeln lassen.

Bislang wurde die Telemedizin in Deutschland ausschließlich für die beratenden Kommunikation unter Ärzten genutzt, etwa als Hilfestellung bei Schlaganfallbehandlungen.

Das hierzulande noch neuartige Konzept nennt sich Docdirekt und ist vorläufig auf zwei Jahre ausgelegt, mit der Option auf Verlängerung. Schon im Vorfeld hatte die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) angekündigt, den Internet-Doktor bei Erfolg auf weitere Regionen auszudehnen.

Alle gesetzlich Krankenversicherten, die nicht sofort die nächste Praxis aussuchen wollen oder können, können werktags zwischen 9 und 19 Uhr ein spezielles Callcenter kontaktieren, entweder telefonisch oder digital zum Beispiel per Videoanruf. Am anderen Ende erfasst ein speziell geschulter medizinischer Fachangestellter (MFA) die Symptome und beurteilt die Dringlichkeit. Besteht akute Gefahr, wird der Anrufer umgehend an die Notrufnummer 112 überstellt.

In weniger akuten Fällen ruft ein dem Krankheitsbild entsprechend passender Arzt binnen 30 Minuten zurück, um die Beschwerden abzuklären und eine Behandlung zu empfehlen. Kann der Internet-Doktor die Krankheit nicht online behandeln, vermittelt er den Patienten noch am gleichen Tag an eine Vertragsarztpraxis in dessen Nähe.

Ein Besuch beim Hausarzt ist auch dann weiterhin notwendig, wenn der Patient eine Krankmeldung oder ein Rezept benötigt – beides dürfen die Tele-Ärzte nicht ausstellen.

Docdirekt soll medizinische Versorgung vereinfachen

Docdirekt könnte vor allem deshalb wegweisend sein, weil Telemedizin bislang nur erlaubt war, wenn ein persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt sichergestellt wurde. Für den speziellen Fall des Pilotprojekts hat die Landesärztekammer Baden-Württemberg aber eine Änderung des Paragraphen 7 Absatz 4 der Berufsordnung genehmigt, die es nun erlaubt, ärztliche Behandlungen ausschließlich über Kommunikationsnetze durchzuführen. Ein persönlicher Kontakt mit dem Internet-Doktor ist deshalb nicht mehr zwingend notwendig.

Mit dem Projekt verfolgt die KVBW mehrere Ziele. Zum einen soll die Telemedizin ganz grundsätzlich die ambulante medizinische Versorgung, auch in Nicht-Ballungszentren, sicherstellen, aber auch für alle Beteiligten vereinfachen. Denn die Fernbehandlung entlastet nicht nur die Ärzte durch eine Verringerung der “einfachen” medizinischen Fälle. Es verkürzt auch die Wegstrecken und Wartezeiten der Patienten. Die Vermittlung an einen Spezialisten durch das Callcenter erspart zudem den Umweg über den Hausarzt.

Zum anderen soll Docdirekt neue Versorgungsformen ausloten und ganz grundsätzlich einen schnelleren Zugang zu ärztlicher Akutbehandlung bieten.

Der Internet-Doktor hilft auch auf dem Meer

Auf hoher See, etwa bei einem Einsatz der Küstenwache, ist es ebenfalls nicht immer möglich, einen Arzt mit auf die Fahrt zu nehmen. Damit Einsatzkräfte in kritischen Situationen aber in der Lage sind, Patienten zu versorgen, testen auch sie ein neues E-Health-Verfahren.

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Fazit: Vom Arzt an die Hand genommen

Für viele junge Menschen ist es längst Alltag, ihre Symptome zu googlen oder über Krankheiten im Familien- oder Bekanntenkreis im Netz Nachforschungen anzustellen. Wer sowieso ständig im Netz unterwegs ist, der findet sich auch schnell in einem E-Health-System zurecht. Die Ärzte und das Gesundheitswesen müssen aber vor allem technische Neulinge an die Hand nehmen, um ihnen den Schritt in die digitale Zukunft zu ermöglichen.

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