Leben

Die Zukunft des Fleisches ist der Fleischersatz. Oder?

von Carola Franzke

Fleischersatz ist eine Möglichkeit, der Massentierhaltung den Kampf anzusagen. Doch wie funktioniert nachhaltiger Fleischkonsum? Es gibt spannende Projekte.

Fleischkultur in Petrischalen
Essen aus der Petrischale: In Zukunft soll Fleisch im Labor entstehen. Foto: picture alliance / Phanie

Das erfahren Sie gleich:

  • Hühnerbrust aus der Petrischale: Fleischersatz muss nicht unbedingt Tofu sein
  • Insekten essen: Speiseplan zwischen Dritte Welt und Sternerestaurant
  • "Meet and eat" – Der "Urban Farm"-Trend bringt uns unser Essen näher

Steak ohne Reue

Die meisten Menschen mögen Tiere, ob nun den eigenen Hamster oder Nachbars Fiffi. Die meisten Menschen könnten wohl auch kein Tier selbst töten, auch wenn es ein Nutztier ist. Aber deshalb auf Fleisch verzichten? Paul McCartney, der seit Jahrzehnten Vegetarier ist, prägte den berühmten Satz: "Wenn Schlachthäuser Wände aus Glas hätten, wäre jeder Vegetarier." Das muss aber gar nicht sein, wenn man sich mit Fleischersatz und Alternativen zu Fleisch aus konventioneller Massentierhaltung befasst.

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Fleischersatz aus dem Labor

Es gibt ein wahres Wettrennen um die Herstellung von "echtem, künstlichen" Fleisch. So widersprüchlich das klingt: Es meint echte Muskelzellen, die im Labor gezüchtet werden. Besonders weit entwickelt ist die Herstellung von Hühnerbrust und künstlichem Truthahn, beides bereits erfolgreich an der North Carolina State University (NCSU) geschehen. Der Biologe Paul Mozdziak hatte dort bereits 1992 das erste Hühnerfleisch im Labor gezüchtet. Die Motive der Forscher sind unterschiedlich; für manche hat es damit angefangen, Forschung an Zellen ohne Tierversuche betreiben zu wollen, andere wollten Ersatzorgane zur Transplantation züchten oder die Versorgung von Astronauten ermöglichen. Inzwischen geht es vor allem darum, gesundes, umweltfreundliches Fleisch ohne Tierleid zu produzieren – sogenanntes "clean meat". Und das marktgerecht und lecker in großen Mengen.

Bill Gates und Richard Branson investieren in ein Start-up, das sich der Produktion von 'clean meat' verschrieben hat.

Der amerikanische Tierschutzaktivist Paul Shapiro hat sein neues Buch "Clean Meat" dem Thema Laborfleisch gewidmet. Es beschäftigt sich ausführlich damit, wie man mit dem künstlichen Fleisch langfristig die Massentierhaltung und ihre katastrophalen Folgen für Umwelt und Klima abschaffen könnte, indem man Fleisch auf molekularer Ebene erzeugt. Auch das vermehrte Interesse und finanzielle Beteiligungen aus der Lebensmittelindustrie (Tyson Foods, Hampton Creek) sind zuverlässige Zeichen, dass dies mehr ist als eine verrückte Idee: Visionäre wie Bill Gates und Richard Branson investieren zum Beispiel in Memphis Meats, ein kalifornisches Start-up, das sich der Produktion von "clean meat" verschrieben hat. In Israel hat das junge Unternehmen SuperMeat rund drei Millionen US-Dollar an Startkapital aufgetrieben, um in den Markt einzusteigen.
Wer also Fleisch ohne Reue genießen möchte, kann sicher sein: Echtes, künstliches Fleisch kommt, und es dauert nicht mehr allzu lange.

Insekten essen – Kammerjäger oder Kochbuch?

Heuschrecken mit Schokolade sind ja fast ein alter Hut, ob nun als skurrile Mutprobe oder tatsächlich als Dessert im Sternerestaurant. Bei Mehlwürmern oder ähnlichem fällt den meisten trotzdem eher das Engagieren eines Kammerjägers als der Griff zum Kochbuch ein.

Dabei wird schon lange diskutiert, wie proteinreiche Krabbeltiere einen Beitrag im Kampf gegen den Hunger in der Welt leisten können. Auf der Pro-Seite steht die vergleichsweise ressourcenschonende Aufzucht von Insekten. Sie verbrauchen viel weniger Platz, Futter und Wasser als die üblichen Nutztiere und produzieren deutlich weniger Treibgase als beispielsweise Kühe. Der hohe Eiweißgehalt von Insekten wird gern zitiert, aber sie punkten ernährungsphysiologisch auch mit gesunden Fettsäuren und Mineralien. Nicht ohne Grund stehen Insekten bei rund zwei Milliarden Menschen weltweit regelmäßig auf dem Speiseplan.

Grashüpfer am Fenster
Ungeziefer oder Nahrungsmittel? Insekten können einen großen Beitrag gegen den Hunger in der Welt leisten. Foto: Pixabay/Joshua_Willson

Insektenverzehr ist nach wie vor ein Nischenmarkt.

Trotz aller Vorteile setzen sich Lebensmittel aus Insekten in unserem Kulturkreis aber bisher nur schwer durch. Der Hamburger Folke Dammann, mit Snack Insects seit 2013 am Markt, ist sich bewusst: "Insektenverzehr ist nach wie vor ein Nischenmarkt, da müssen wir uns nichts vormachen." Er baut jedoch darauf, dass sich Gewohnheiten ändern lassen. Da sind die bunten Lutscher mit sichtbarer Wurmeinlage aus seinem Sortiment vielleicht ein guter Anfang, um Verbraucher aus ihrer Komfortzone zu locken.

Andere Unternehmen geben den Lebensmitteln eine vertraute Form oder kombinieren Insekten mit einem gewohnten Geschmack. Die Burger aus gemahlenen Buffalowürmern von Bugfoundation sehen zum Beispiel ganz gewöhnlich aus, und die Energieriegel aus Grillenmehl von Swarm Protein sollen in den Geschmacksrichtungen Schoko, Beere und Nuss auf den Markt kommen.

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"Urban Farm" steht für lokal und fair

Wer Laborfleisch zu futuristisch findet und sich für Würmer nicht erwärmen kann, muss trotzdem nicht unbedingt auf Tofu ausweichen, um auf Fleisch aus Massentierhaltung zu verzichten: Eine neue Generation von Bauern stört sich längst daran, dass im Namen des Profits Raubbau an Tieren und der Umwelt getrieben wird. Diese Landwirte versuchen, eine alternative und artgerechte Haltung jenseits der konventionellen Massentierhaltung zu praktizieren. "Urban Farm"-Landwirtschaftsprojekte liegen in oder in der Nähe von Ballungszentren und versorgen diese mit Lebensmitteln. Frei von ländlicher Romantik geht es diesen Bauern um bessere Produkte und höhere Margen, damit es sich von artgerechter Tierhaltung auch leben lässt. Solche Initiativen treffen zunehmend auf Verbraucher, die sich bewusst ernähren wollen.

Die Angebote sind vielfältig, und man kann sein persönliches Engagement dabei steuern. Es fängt mit partizipativer Landwirtschaft an, bei der man Anteile am Ertrag vorab erwerben kann und sich in gewissem Umfang zur Mithilfe verpflichtet; und geht ganz modern bis zum Onlineverkauf von Rindern: Auf Seiten wie kaufnekuh.de und meinbiorind.de kann man "seine" Kuh auswählen und bestellen, wie viel vom Tier man nach der Schlachtung haben möchte. Die Haltungsbedingungen sind transparent, und man könnte sein Steak sogar persönlich kennenlernen.

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