Leben

Die neue Stille in den Städten

von Gerd Blank

Dauerhafter Straßenlärm nervt und macht krank. Mit Elektromotoren werden sich unsere Städte fundamental verwandeln - und das Wohnen sogar an der Hauptverkehrsstraßen wieder attraktiv werden.

Die neue Stille in den Städten
Schöner wohnen: Der Trend zum Elektromotor könnte selbst Wohnungen an Hauptverkehrsstraßen wieder attraktiv machen. Foto: Unsplash/ Alexandre Chambon

Das erfahren Sie gleich:

  • Noch herrschen hohe Dezibel-Werte an den Hauptstraßen
  • Dauerhafter Verkehrslärm kann krank machen
  • Der Elektromotor verspricht Stille in den Metropolen

Dank Elektromotor herrscht Stille

Stresemannstraße in Hamburg, es ist ein Werktag in naher Zukunft, 8.00 Uhr morgens. Der Verkehr staut sich. Die Straße ist voller Pendler, die mit ihrem Auto vom westlichen Stadtrand in die City wollen. Die Luft wirkt klar und sauber. Vor allem aber: Es dringt kein Motorengeräusch in die anliegenden Wohnungen, es herrscht Stille. Die Fenster der Anwohner sind offen, Wäsche trocknet auf Balkonen. „Stadtluft macht frei“, ist immer häufiger zu hören. Ein Spruch aus dem Mittelalter, aufgeladen mit neuer Bedeutung. Zukunftsmusik? Auf jeden Fall. Doch der Weg dorthin wird gerade gebaut, und Elektromobilität führt uns dorthin.

Mit 75 Dezibel eine der lautesten Straßen

Die Anwohner der Stresemannstraße wird es freuen, denn diese zählt zu den meistbefahrenen Straßen der Stadt. Rund 30.000 Kraftfahrzeuge rollen dort täglich, der Lkw-Anteil liegt bei bis zu neun Prozent. Die Belastung an Stickstoffdioxid ist entsprechend hoch, der festgelegte Grenzwert wird hier permanent um 50 Prozent überschritten. Viel befahrene Verkehrswege wie die Stresemannstraße gibt es in ganz Deutschland.

Dauerhafter Lärm hat Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System.

Die Stadt Hamburg hat reagiert und erste Fahrverbote erlassen: Pkw und Lkw, die nicht der Euro-6-Norm entsprechen, dürfen auf der Stresemannstraße nur noch eingeschränkt fahren. Ein erster Schritt, damit die Luft künftig besser wird. Doch ein weiteres Problem für die Anwohner bleibt bestehen: der Lärm. Die Stresemannstraße ist mit mehr als 75 Dezibel eine der lautesten Straßen der Stadt. „Viele Menschen wissen nicht, dass dauerhafter Lärm nicht nur dem Gehör schadet, sondern auch immense Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System sowie das Schlafverhalten hat“, sagt die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN), Martina Wenker. Das Wohnen an einer Hauptverkehrsader wie der Stresemannstraße kann durch einen dauerhaft gesteigerten Blutdruck das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung erhöhen.

Stau in den Innenstadt
Pendler-Kolonne: Das Elektroauto verhindert keinen Stau – sehr wohl aber Lärm und Abgase. Foto: Unsplash/ Nabeel Syed Follow

35.000 Autos mit Elektromotor

Doch es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Ruhe auf den Straßen einkehren wird, denn wir sind die letzte Generation, die noch auf Autos setzt, die mit fossilen Brennstoffen angetrieben wird – die Weichen sind längst in Richtung Elektromobilität gestellt. Und das nicht nur in Deutschland: So werden voraussichtlich in Frankreich und Großbritannien ab 2040 keine neuen Diesel- oder Benzinfahrzeuge mehr zugelassen, in Norwegen soll es sogar schon 2025 soweit sein. Auf ein konkretes Jahr, wann in Deutschland mit einem Verbot zu rechnen ist, will sich Bundeskanzlerin Angela Merkel zwar nicht festlegen, aber den Ansatz hält sie für richtig. Schon jetzt fahren in Deutschland rund 35.000 Autos mit Elektromotor, durch staatliche Förderung und Kaufprämien soll sich die Zahl in den kommenden Jahren deutlich erhöhen.

Alle großen Autohersteller bereiten sich darauf vor und haben entweder Elektroautos in der Pipeline – oder sogar schon die ersten auf den Markt gebracht. Aber auch neue Mitspieler sorgen für elektrische Bewegung auf der Straße. Vor allem sieht man in Städten schon jetzt immer häufiger Lieferfahrzeuge, Busse oder Carsharing-Autos mit Elektromotor. Und die Vorteile sind unüberhörbar.

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Schon das Fahren von E-Autos unterscheidet sich sehr von der Nutzung eines Benziners oder Diesel-Fahrzeugs. Die Beschleunigung ist unmittelbar, vergleichbar vielleicht mit dem Druck auf den Schalter einer Bohrmaschine, um den Bohrer anzutreiben. Viel gravierender ist es, auch in der Fahrerkabine keinen Motor mehr zu hören. Das sorgt für viel weniger Stress beim Fahren und erlaubt es, Umgebungsgeräusche deutlicher wahrnehmen zu können. Die Zeiten, dass ein defekter Auspuff ein Auto klingen lässt, als würde es sich um einen Rennwagen handeln, sind bald vorbei. Apropos Rennwagen: Die Formel E beweist schon jetzt eindrucksvoll, dass man auch ohne großen Lärm Rennboliden in hoher Geschwindigkeit über den Parcours fahren kann. Den Gehörschutz können die Besucher der Rennen getrost zuhause lassen.

Bald wird Stille zum guten Ton

Es ist also eine Phase der Umstellung, denn noch sind wir es nicht gewohnt, dass wir uns auf der Straße nicht mehr auf unsere Ohren verlassen können, um ein sich näherndes Fahrzeug zu erkennen. Wir sind noch auf Motorengeräusche eingestellt. Allerdings ist dies nur ein temporäres Phänomen – solange noch sowohl Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor als auch E-Mobile unterwegs sind. Und je mehr flüsterleise Elektroautos auf der Straße sind, desto weniger wird der Lärm der Anderen akzeptiert. Dann gehört es zum guten Ton, einfach mal leise zu sein.

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