Leben

Die Millennials und ihr neuer Minimalismus

von Ji-Hun Kim

Besitz ist für junge Leute nicht mehr so erstrebenswert wie für frühere Generationen – stattdessen setzen die Millennials auf ein einfaches, entrümpeltes Leben.

Nackte Glühbirne vor gelbem Hintergrund
Einleuchtend: Statussymbole und Besitz machen auf Dauer nicht glücklich, glauben viele Millennials – und setzen daher auf Minimalismus als Lebensstil. Foto: istock.com/chaofann

Das erfahren Sie gleich:

  • Wieso Millennials heute immer weniger besitzen wollen
  • Warum Marie Kondo und „The Minimalists" Millionen von Menschen begeistern
  • Wie Minimalismus mehr Lebensqualität schaffen kann

Millennials suchen einen bewussten Lebensstil

Weniger ist mehr“, dieses berühmte Motto des Bauhaus-Vordenkers Ludwig Mies van der Rohe hat im 20. Jahrhundert Architektur und Design weltweit maßgeblich geprägt. Aber noch heute sind klare Linien, Verzicht auf Ornamente und der Fokus auf Funktionalität wichtige Leitlinien in der Gestaltung. Derzeit wird dieses „less is more“ aber gerade bei der Generation der Millennials für immer mehr zum Credo eines ausgewogenen und bewussten Lebensstils. Aber woher kommt dieser Wunsch nach gelebtem Minimalismus? Die Gründe und Motivationen dafür sind ganz unterschiedlicher Natur.

Marie Kondo als Vorbild

Besser Aufräumen ist spätestens seit Marie Kondo zum weltweiten Hype geworden. Die japanische Bestseller-Autorin und Beraterin hat mit über sieben Millionen verkauften Büchern vielen Menschen auf der ganzen Welt zu einem neuen, aufgeräumten Lebensstil verholfen. In ihren Titeln wie „The Life-changing Magic of Tidying“ erklärt sie, wie man eine neue Beziehung zu seinen Gegenständen schafft (zum Beispiel mit Schuhen sprechen) und wie auch das sogenannte Decluttering (auf Deutsch nicht ganz so elegant: Entrümpelung) neue Perspektiven auf das eigene Leben bringen kann. In England und den USA spricht man sogar mittlerweile von „to kondo“, wenn man seine Wohnung aufräumt. Die nach der Autorin benannte KonMari-Methode ist heute ein feststehender Begriff und ihre Fans wie auch Marie Kondo selbst glauben bei dieser Idee an mehr als nur an eine saubere Wohnung: Dass nämlich Ordnung das Urteilsvermögen schulen kann. Dass man besser erkennt, was wirklich ist im Leben und dass ein ordentlich organisiertes Daheim die Basis dafür ist, einen aufgeräumteren Blick auf die Dinge im Allgemeinen zu erlangen.

Minimalismus macht das Leben besser

Dass Minimalismus jedoch mehr ist, als nur in den eigenen vier Wänden sich von unnötigem Besitz zu befreien, propagieren die beiden Amerikaner Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus. Gemeinsam betreiben sie den Blog theminimalists.com, haben mehrere Bücher veröffentlicht, darunter den Bestseller „Everything That Remains“, machen einen populären Podcast und haben mit „Minimalism“ im vergangenen Jahr sogar einen abendfüllenden Film herausgebracht. Millburn und Nicodemus hinterfragen dabei aber auch die übersättigte Konsumwelt, in der es oft darum geht, jedes Jahr das neuste Premium-Smartphone zu kaufen, für limitierte Sneaker von Adidas oder Nike stundenlang in der Schlange zu stehen oder an Rabatt-Spektakeln wie dem Black Friday sich handgreiflich mit anderen Kunden um einen Fernseher oder Konsole zu zanken. Sie fragen: Sind wir glücklicher, indem wir ständig mehr konsumieren? Können wir durch Minimalismus die Kontrolle übers Leben zurück erlangen? Wie kann unser Leben durch weniger besser werden? Zuletzt sind Millburn und Nicodemus auch davon überzeugt, dass ein bewusster Konsum und gelebter Minimalismus einen nachhaltigen und positiven Einfluss auf den ökologischen Fußabdruck hat. Weniger zu konsumieren ist auch besser für die Umwelt.

Millennials brauchen nicht viel Lagerplatz

Die Lebensphilosophie des Minimalismus wird darüber hinaus durch die ständige Digitalisierung und Vernetzung beeinflusst. Weil heute die meisten Medien wie Musik, Literatur, Hörbücher und Filme online durch Streaming-Anbieter wie Apple Music, Spotify, Netflix, Amazon und Audible verfügbar sind, bietet das auch neue Möglichkeiten nicht nur für Interior-Designer. Üppige Bücherregale, Plattensammlungen und DVD-Regale sind schlichtweg nicht mehr nötig. Stattdessen sind Smartphone, Tablet und Laptop heute zur mobilen Bibliothek, Videothek und Musiksammlung geworden. Im Wohnraum kann so Platz für andere Dinge geschaffen werden. Aber auch Autos, Fahrräder und Roller werden heute für den Transit in der Stadt mit Hilfe von Shared-Economy-Services genutzt. Man muss dieser Tage keines dieser Fortbewegungsmittel besitzen, um flexibel mobil zu sein. Digitales Nomadentum, flexible Arbeitsbedingungen und häufige Umzüge lassen umfangreichen Besitz auch schnell zur Last werden. Im Durchschnitt besitzt jeder Amerikaner geschätzt 300.000 Gegenstände. 80 Prozent davon spielen im Alltag so gut wie keine Rolle und verstauben oft in Kleiderschränken, Dachkammern und Kisten im Keller.

Tastatur, Notizbuch und Lautsprecher auf einem Schreibtisch
Weniger ist mehr: Millennials leben oft mobil und brauchen unterwegs nicht viel. Foto: Unsplash/Teresa Kluge

Erfahrungen sind der neue Besitz

Anders als bei der Elterngeneration der Babyboomer spielen bei den Millennials Statussymbole und steter Konsum eine bedeutend geringere Rolle. Stattdessen geben Millennials ihr Geld lieber für Erfahrungen wie Reisen, Festivals, Wellness und gutes Essen aus. Kauften oder bauten früher im Schnitt Menschen im Alter von 25 Jahren ihr erstes Haus, ist das Durchschnittsalter heute auf 45 Jahre angestiegen. Wie der Wall Street Journal herausgefunden hat, wollen zudem 88 Prozent aller Millennials in der Stadt leben. Die ständige Urbanisierung und die dadurch entstehende Wohnraumverknappung wie auch steigende Mieten lassen jungen Menschen oft auch finanziell schlichtweg keine andere Wahl, als sich mit minimalen Wohnräumen und der Vermeidung von unnötigem Konsum zu arrangieren.

Millennials interessieren sich mehr für die Werte und Stile des Lebens als die Dinge und Gegenstände im Leben.

Hohe Studienkosten in vielen Ländern, prekäre Arbeitsumfelder nicht nur in der Kreativbranche und häufig befristete Arbeitsverträge sorgen außerdem dafür, dass der Umgang mit Geld im Allgemeinen zu einem anderen geworden ist. Der Wirtschaftsanalyst Robin Lewis erklärt die Situation wie folgt: „Diese Generation ist, was die Bevölkerungsanzahl anbetrifft, zwar größer als die Boomer-Generation. Aber ihre Portemonnaies sind kleiner und sie interessieren sich mehr für die Werte und Stile des Lebens als die Dinge und Gegenstände im Leben.“ Weitere Studien belegen, dass in keiner anderen Generation Nachhaltigkeit, ökologisches Bewusstsein und Konsumkritik eine so relevante Rolle spielen wie bei den Millennials. Minimalismus als Lifestyle ist daher weitaus mehr als nur ein Trend. Er ist für viele Menschen zur Einstellung geworden. Eine Einstellung, die sich mit klugen, vernünftigen Lebenskonzepte und Ideen für die Zukunft wappnet – und ebenso wichtig: Viele empfinden, dass durch einen minimalistischen Lebensstil ihr Leben gar glücklicher geworden ist.

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