Elektromobilität

Arbeitsmarkt Elektromobilität: Fast 114.000 Arbeitsplätze in Gefahr

von Christian Merten

Die Elektromobilität wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus und lässt alte Berufe verschwinden. Doch auf der anderen Seite entstehen dafür neue Jobs.

Die Elektromobilität verändert sogar die Jobsuche
Schrauber-Paradies: So einen Arbeitsplatz gibt es bald nur noch in Oldtimer-Werkstätten. Foto: Unsplash/lightninghorse

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie die Elektromobilität die Berufe der Automobilindustrie verändert
  • Warum die Sorge, E-Mobilität könnte Arbeitsplätze kosten, unbegründet ist
  • Warum es den klassischen Kfz-Mechaniker bald nicht mehr geben wird

Der Industriezweig für Elektromobilität ist im Wachstum. Immer mehr Hersteller von Automobilen, Bussen, Motorrädern und Fahrzeugen für die letzten Meter zum Ziel satteln ganz oder teilweise um. Für die neue Technik sind ausgebildete Fachkräfte sehr gefragt. Doch auch die Anforderungen an Werkstätten verändern sich.

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Die Elektromobilität schafft deshalb zahlreiche neue Stellen, doch an anderer Stelle fallen viele Jobs weg. Das könnte sich laut einer Studie auf dem Arbeitsmarkt langfristig zu einem Problem entwickeln.

Elektromobilität gefährdet zehntausende Arbeitsplätze

Eine Gruppe von Forschern des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung und dem Bundesinstitut für Berufbildung untersuchte den Einfluss der Elektromobilität auf den deutschen Arbeitsmarkt. In der dazugehörigen Veröffentlichung wagt die Gruppe einen Blick in die Zukunft – und die sieht nicht rosig aus.

Demnach sei bis 2035 mit dem Verlust von rund 114.000 Arbeitsplätzen in der deutschen Automobilbranche zu rechnen. Grund dafür sind in erster Linie die einfacher zu konstruierenden Motoren sowie die Fertigung von Batterien im Ausland. Die Gesamtwirtschaft soll bis zu diesem Jahr außerdem rund 20 Milliarden Euro verlieren, was rund 0,6 Prozent des preisbereinigten Bruttoinlandsproduktes entspreche.

Die Studie geht von einem Marktanteil von 23 Prozent bis zum Jahr 2035 aus. Sollte der Wert höher liegen, seien auch die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt stärker zu bewerten. Doch zunächst ist ein gegenteiliger Effekt zu beobachten, denn zumindest in der Übergangszeit schafft die Produktion von Elektroautos und anderen Fahrzeugen zusätzliche Arbeitsplätze. Auch der Blick in die Zukunft könnte weniger schlimm sein, als die Studie annimmt.

E-Mobilität: Aktuell boomt der Arbeitsmarkt

Experten für die Konzeption neuer Technik, Mitarbeiter in der Produktion, auf Elektroautos spezialisierte Kfz-Mechatroniker und viele mehr: Laut dem Job-Portal "Indeed" stieg die Anzahl der Stellenangebote im Bereich Elektromobilität in der Zeit von Juli 2015 bis 2018 um satte 433 Prozent.

Große Unternehmen wie die Automobilzulieferer Bosch und Mahle, aber auch junge Start-ups wie Lilium sind mit Hochdruck auf der Suche nach fähigen Mitarbeitern. München, Stuttgart und Berlin gehören zu den deutschen Hotspots für Jobs in der Elektromobilität.

Wir befinden uns aktuell in einem Bewerbermarkt, wo E-Mobilitäts-Stellenausschreibungen stärker zulegen als das Interesse potenzieller Kandidaten.

Annina Hering, Economistin bei Indeed Deutschland

Das Problem der Firmen: Das Interesse seitens der Bewerber ist noch zu klein. Dem Stellenwachstum von 433 Prozent steht lediglich ein Plus bei den Suchanfragen in Höhe von 186 Prozent bei Indeed gegenüber. Dabei ist der Zweig doch gerade für jüngere Arbeitnehmer attraktiv.

Die Arbeitsagentur kennt keine Kfz-Mechaniker

"Was soll ich bloß werden?", fragt sich auch der 16-jährige Tom. Die Schule geht zu Ende, und im nächsten Jahr soll die Ausbildung beginnen. Doch der schlaksige Krauskopf kann sich nicht entscheiden, welchen Beruf für die Zukunft er lernen soll. Eigentlich faszinieren ihn Autos und Elektromobilität, aber ihn interessiert auch die Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann. "Soll ich einfach Kfz-Mechaniker lernen wie mein Vater?", fragt er.

Geht nicht, denn diesen Beruf gibt es gar nicht mehr. Wer auf der Seite der Arbeitsagentur "Kfz-Mechaniker" eingibt, wird umgeleitet: Seit der Ausbildungsreform 2003 heißt der Beruf Kfz-Mechatroniker, und die Jugendlichen hantieren immer häufiger mit dem Computer als mit dem Schraubenschlüssel.

Seit fünf Jahren gibt es sogar eine spezielle Ausbildung für den Bereich Elektroautos: den Kfz-Mechatroniker für System- und Hochvolt-Technik. Die Azubis haben mit Starkstrom zu tun und müssen sich mit Elektronik auskennen. Kurzum: Die Elektromobilität verändert sogar die Suche nach etablierten Berufen.

Bewerbung mit Schwerpunkt Elektrotechnik

Der Autoindustrie mit ihren 828.000 Mitarbeitern in Deutschland (Stand: 2017) geht es bisher noch prächtig. Zwischen 2008 und 2017 kamen 58.000 neue Stellen hinzu, während die Bruttolohn- und -gehaltssumme um 35 Prozent anstieg.

Jedoch: "Ein Elektromotor ist weniger kompliziert und hat weniger Teile als ein Verbrennungsmotor", warnt Jörg Hofmann, der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Metall. Für einen Acht-Zylinder-Motor müssen 1200 Teile zusammenmontiert werden – für einen Elektromotor nur 17. Deshalb sind neue Berufe und Ausbildungen wichtig. Weniger Jobs gibt es nicht, sie verlagern sich nur.

Wer eine Bewerbung abschickt, ist gut beraten, Interesse an Elektrotechnik und Elektronik nachzuweisen, weil der Anteil solcher Bauteile im Elektroauto bei 75 Prozent liegt, während Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor nur auf 40 Prozent kommen.

Der wachsende Anteil von Software und Elektronik im Auto wird die Nachfrage nach Fachkräften aus diesen Bereichen weiter steigern, während klassische Qualifikationen in Metall und Mechanik durch die Elektromobilität immer weniger gefragt sind.

Autohersteller investieren in die Ausbildung

Deshalb qualifizieren die Hersteller schon Mitarbeiter aus der Produktion zu Elektrofachkräften weiter, und auch bei Lehrinhalten für Ausbildung und Weiterbildung bedarf es eine Anpassung. Gerade für junge Menschen ist die neue Technologie ein gutes Argument für den Einstieg im Automobilbereich.

Um Elektroautos zu bauen, brauchen auch die Ingenieure neue Kompetenzen und eine andere Ausbildung. Gesucht sind beispielsweise Spezialisten für neue Werkstoffe und Elektrochemie, die sich nur schwer finden lassen. Deshalb setzen immer mehr Hersteller auf die Weiterbildung ihrer Angestellten.

Ingenieure für Verbrennungsmotoren bilden sich neben der Arbeit weiter.
Bei einigen Herstellern bilden sich beispielsweise Ingenieure, die bisher auf Verbrennungsmotoren spezialisiert waren, neben der Arbeit für ihre Zukunft weiter.

Hochschulen unterstützen diese Entwicklung. So hatte bereits 2011 die Münchner Hochschule für angewandte Wissenschaften zum ersten Mal einen Bachelor-Studiengang für Elektrotechnik/ Elektromobilität angeboten, den es ähnlich nun auch in Chemnitz, Ravensburg und Ingolstadt gibt.

Doch es sind noch mehr Zusatz- und Aufbaustudiengänge nötig, denn die Elektromobilität bringt immer neue Aufgaben. Dazu gehören beispielsweise die gesamten Batterie- und Stromspeichertechnologien sowie die Leistungselektronik oder die Klimatisierung der Batterie. Die Optimierung des Fahrzeugs wird auch beim Elektroantrieb zu immer mehr Komplexität führen, woraus dann neue Jobs entstehen.

Ausbildung und Beruf wachsen zusammen

Es lässt sich jetzt schon erkennen, wie durch den Umstieg auf die Elektromobilität bisher getrennte Disziplinen zusammenwachsen. Die Autoindustrie und die Stromkonzerne dürften sich beispielsweise immer stärker vernetzten und die Ausbildungsprofile von bisher getrennten Berufsbildern in Zukunft miteinander verknüpfen.

Updates

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Eine solche Entwicklung hatte es schon gegeben, als vor mehr als 20 Jahren der Beruf des Mechatronikers entwickelt wurde, der für Arbeiten auf dem Gebiet der Mechanik und der Elektronik qualifiziert ist.

In Zukunft wird die Elektromobilität noch mehr neue Ausbildungen und Berufe schaffen. Das versteht auch Tom und möchte jetzt erst einmal ein Praktikum machen, weil er den Kfz-Mechatroniker für System- und Hochvolt-Technik bisher nur aus dem Internet kennt. "Ich möchte die Arbeit gern aus der Nähe ansehen und ein paar Tage dabei sein", sagt der 16-jährige.

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