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Gesundheit

Dauer-Stress: Entkommen Sie dem Rushing Woman Syndrom!

von Alexander Cohrs

Dieses ständige Hetzen! Die Biochemikerin und Bestseller-Autorin Dr. Libby Weaver nennt es das "Rushing Woman Syndrom". Und verrät im Interview, was dagegen hilft.

Frau checkt im Café ihr Handy
Always on: In der ständigen Erreichbarkeit sieht Autorin Dr. Libby Weaver die Hauptursache für das Rushing Woman Syndrom. Foto: Unsplash/rawpixel.com

Das erfahren Sie gleich:

  • Alles gleichzeitig erledigen und es allen recht machen wollen – viele Menschen sind von ihrem Alltag überfordert
  • Besonders Frauen leiden unter der Hektik ihres Lebens. Sie sind vom "Rushing Woman Syndrom" befallen
  • Der Stress wirkt sich auf die Gesundheit aus, unter anderem auf die Periode und den Darm

Frauen (und Männer) in der Stressfalle

Wir rasen durch unseren Alltag: Morgens die Kinder in die Schule, kurz zum Arzt, dann schnell ins Büro, abends auf dem Heimweg noch eben was einkaufen und dann endlich mal wieder mit der besten Freundin treffen. "Als könnten wir vier Leben leben, als müssten wir überall sein", hat der Sänger Axel Bosse das mal beschrieben. Das Phänomen betrifft Männer und Frauen, Junge und Alte, aber Frauen scheinen darunter besonders zu leiden. Die Biochemikerin und Bestseller-Autorin Dr. Libby Weaver (43) hat das Phänomen jetzt in ihrem Buch "Das Rushing Woman Syndrom" (TRIAS Verlag, Stuttgart, 19,99 Euro) untersucht. Mit aio spricht die Australierin über die Gründe für das Rushing Woman Syndrom – und wie man ihm entgeht.

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Dr. Libby Weaver und ihr Buch "Das Rushing Woman Syndrom"
Biochemikerin und Bestseller-Autorin: Dr. Libby Weaver und ihr Buch "Das Rushing Woman Syndrom" (TRIAS Verlag Stuttgart, 19,99 Euro, ISBN 9783432104331). Foto: Trias

Wie sind Sie auf das Rushing Woman Syndrom aufmerksam geworden?
Das hat sich aus meinen Beobachtungen ergeben. Ich habe bemerkt, dass sich im Verhalten von Frauen und auch bei ihrer Gesundheit etwas verändert hat. Nie zuvor habe ich so viele Frauen erlebt, die sich wie verrückt abhetzen, um alles gleichzeitig zu erledigen und es allen recht zu machen. Diese Lebensweise hat Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Die Frauen, die in meine Praxis kamen, beschreibe ich als "müde, aber aufgedreht". Sie lebten mit einer unerbittlichen Dringlichkeit; einer Empfindung, dass sie nicht genug Zeit haben, kombiniert mit einer niemals enden wollenden To-Do-Liste. Diese verrückte Eile, die noch zugenommen zu haben scheint, seit ich sie erstmals bemerkte, ist für Frauen extrem schädlich.

Immer mehr Frauen und Männer leben in dieser unerbittlichen Eile.

Betrifft das Phänomen bestimmte Altergruppen besonders?
Ursprünglich dachte ich, dass das Rushing Woman Syndrom hauptsächlich westliche Frauen in den Dreißigern und Vierzigern betrifft. Aber wenn ich an die Patientinnen denke, die ich in den vergangen fünf Jahren erlebt habe, sehe ich nun deutlich, dass kaum eine Frau dagegen immun ist. Ich habe Frauen in den späten Sechzigern getroffen, einige der freundlichsten und fürsorglichsten Frauen, die mir je begegnet sind. Diese Frauen geraten innerlich in Panik, wenn sie jemand bittet, etwas zu tun. Ich kann keine genauen Zahlen nennen, aber ich denke, dass immer mehr Frauen und Männer in dieser unerbittlichen Eile leben. Zumindest in der westlichen Welt.

Woran können Frauen merken, dass sie von dem Rushing Woman Syndrom betroffen sind?
Eine gehetzte Frau liebt den Kaffee so sehr, dass sie sich beraubt fühlt, wenn sie ihr tägliches Heilmittel nicht bekommt. Sie sagt sich selber, dass sie ihn als Energiequelle braucht, um ihrem Gehirn zu helfen oder ihre Verdauung in Gang zu bekommen. Wenn sie gefragt wird, wie es ihr geht, antwortet sie mit "so beschäftigt" oder "gestresst". Sie hat Probleme mit ihrer Periode, die nach einem Polyzystischen Ovar-Syndrom aussehen kann, schwere, klumpige Perioden, unregelmäßige Perioden, PMS oder eine schwächende Menopause. Sie neigt dazu, Zucker zu sich zu nehmen, vor allem am Nachmittag oder kurz vor der Menstruation. Sie fühlt sich oft überfordert, hat ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis, und glaubt, dass der Tag nie genug Stunden hat.

Frau hält Kaffeebecher
Schwarzes Gold oder schwarze Pest? Die Rushing Woman hat das Gefühl, dass sie Kaffee als Energiequelle unbedingt braucht. Foto: Unsplash/Iris Juana

Die Rushing Woman verurteilt sich selber dafür, dass sie keine gute Ehefrau, Mutter oder Freundin ist.

Sie kann leicht überreagieren, selbst wenn sie es nicht nach außen zeigt. Oft fühlt sie sich müde, aber aufgedreht. Sie kann sich aber auch nicht ausruhen, weil sie sich dann schuldig fühlen würde. Sie hat wahrscheinlich Schlafprobleme, hat keine Zeit für sich selber und kann ihre To-Do-Liste nie abarbeiten, was sie sehr stört. Sie fühlt oft eine Panik, hat wahrscheinlich Verdauungsprobleme wie das Reizdarmsyndrom IBS oder Blähungen und kann ohne Wein schlecht entspannen. Sie hat eine geistige Unschärfe, eine Art Gedankennebel, und verurteilt sich selber dafür, dass sie keine gute Ehefrau, Mutter oder Freundin ist. Sie kann außerdem schlecht um Hilfe bitten und gegenüber anderen "nein" sagen. Wenn sie es doch mal tut, fühlt sie sich schlecht.

Wie ist unsere Gesellschaft überhaupt so gehetzt geworden?
In den letzten 20 Jahren haben sich unglaubliche Veränderungen vollzogen. Normalerweise passt sich jede Generation an die herrschenden Bedingungen an, aber jetzt verändert sich unsere Umgebung mit einer Geschwindigkeit, die es nie zuvor gegeben hat. Die vergangenen zwei Jahrzehnte, in die die Geburt des Internets und die Erfindung von Mobiltelefonen fällt, haben die bisher schnellste Veränderung in der Menschheitsgeschichte ausgelöst. Es ist nicht lange her, da waren Sie unerreichbar, wenn Sie das Haus verließen. Jetzt klingeln unsere Handys nicht nur, sondern sie pingen bei der Ankunft von E-Mails oder Kommentaren in sozialen Netzwerken.

Das Grundproblem liegt in dieser ständigen Erreichbarkeit.

Frau im Auto tippt auf dem Smartphone
Tippen ohne Pause: Viele Frauen (und Männer) nutzen jeden Ampelstopp, um ihr Smartphone nach neuen Nachrichten zu durchsuchen. Foto: Unsplash/rawpixel.com

Die meisten Frauen, die ich kenne, warten nicht einfach nur an der roten Ampel. Sie suchen nach einem Text, nach E-Mails oder den neuesten Nachrichten in den sozialen Medien. Früher mussten wir an der roten Ampel über die Farbe des Himmels nachdenken oder einfach nur dankbar sein oder einem großartigen Lied im Radio zuhören. Auf natürliche Weise, ohne etwas dafür tun zu müssen, gab es mehr Ruhezeiten für die Seele. Das Grundproblem liegt in dieser ständigen Erreichbarkeit, dem Gefühl, jederzeit verfügbar sein zu müssen. Zu viele Frauen leben heute eine Art Doppelschicht, die tags und nachts andauert, mit ganz wenig Ruhe. Unser Geist mag dazu zwar in der Lage sein – unser Körper musste aber noch nie so leben.

Welche Auswirkungen hat diese Lebensweise auf die Gesundheit?
Zwischen all diesen Smartphones und E-Mail-Systemen, den Laptops und WLANs, fordern wir unseren Körper wie nie zuvor. Unsere Drüsen und Organe, unsere Leber, die Gallenblase, die Nieren und Nebennieren, unsere Schilddrüse, die Eierstöcke, die Gebärmutter, unser Gehirn und unser Verdauungssystem müssen mit dieser Eile fertig werden. Wir sind nicht dafür gemacht, mit konstantem Druck fertig zu werden, ob er nun real oder nur gefühlt herrscht. Wir sind auch nicht dafür gemacht, schlechtes Essen zu uns zu nehmen und den Großteil unseres Tages im Sitzen zu verbringen, an unsere Computer gefesselt und mit dem Smartphone über Kopfhörer verbunden.

Wir können einfach nicht in diesem irrwitzigen Tempo leben.

Gesundheitsprobleme, die mit Sexualhormonen in Verbindung stehen, waren nie so häufig wie in unserer Zeit: Das schon erwähnte Polyzystische Ovar-Syndrom, Endometriose, Unfruchtbarkeit und eine entkräftigende Menopause. Jede dritte Frau leidet an dem Reizdarm-Syndrom, Schlafstörungen sind auf dem Vormarsch, und viele Menschen berichten, dass sie wenig oder gar keine Energie mehr haben. Wir können einfach nicht in diesem irrwitzigen Tempo leben. Und wir dürfen auch nicht vergessen, wie wichtig es ist, unseren Körper mit wertvoller, echter Nahrung zu stärken um ihm die Nährstoffe zu geben, die er braucht.

Viele moderne Frauen leben ein schnelles, mobiles Leben und sind ständig unterwegs. Können die denn überhaupt etwas ändern?
Schon die kleinsten Veränderungen können die Gesundheit eines Menschen beeinflussen. Oft denken wir in Begriffen wie "alles oder nichts". Problematisch daran ist, dass dies ein Gefühl der Ohnmacht erzeugt, weil die Menschen glauben, dass sie doch nichts ändern können. Aber das stimmt nicht. Etwas so einfaches, wie weniger Koffein zu sich zu nehmen, kann einen starken Einfluss auf ein überreiztes Nervensystem haben. Nur noch einen Kaffee am Tag zu sich zu nehmen oder ihn mal ganz auszulassen, ist etwas kleines, aber mächtiges.

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Kranke Frau hockt auf Fußboden
Nichts geht mehr: Permanente Eile kann schwere gesundheitliche Auswirkungen haben. Foto: Unspalsh/Imani Clovis

Unser Körper reagiert darauf, wie wir über unseren Alltag und die Aufgaben denken, die wir erfüllen müssen.

Suchen Sie sich eine morgendliche Routine, die Sie kompromisslos durchziehen; sei es eine fünfminütige Meditation oder 20 lange Atemzüge, ein Spaziergang in der Natur oder Dehnungs- und Yoga-Übungen. Versuchen Sie, Ihren Morgen mit einer Routine zu beginnen, damit Ihr Tag in Ruhe startet. Und legen sie große Aufmerksamkeit auf Ihre Ernährung. Wenn Sie unterwegs sind, ist es natürlich schwierig, eigene Mahlzeiten zuzubereiten. Aber Sie können immer Gemüsepulver dabei haben, um Ihre Gemüseaufnahme zu erhöhen. Oder Sie können im Restaurant Gemüse als Beilage bestellen. Vor allem aber ermutige ich Sie, Ihre Wahrnehmung von Druck und Dringlichkeit zu erforschen. Denn unser Körper reagiert darauf, wie wir über unseren Alltag und die Aufgaben denken, die wir erfüllen müssen. Ein schnelles mobiles Leben kann in unserem Geist geliebt oder gefürchtet werden, und unsere Wahrnehmung beeinflusst unsere Gesundheit. Oft entsteht Stress aus einer inneren Sorge, was andere Leute denken. Dies zu erforschen kann extrem nützlich sein.

Als erfolgreiche Wissenschaftlerin und Autorin sind Sie sicher auch oft in Eile. Würden Sie sich auch als Rushing Woman bezeichnen?
Es gab in der Vergangenheit sicher Zeiten, in denen das auf mich zugetroffen hat. Ich habe allerdings meine Rituale, bei denen ich keine Kompromisse eingehe. Und ich habe ein System gefunden, das mir genug Ruhezeiten gibt und mir erlaubt, mich zu erholen, wenn mein Terminkalender voller ist, als ich es mir wünsche. Mir ist auch bewusst, was für ein Privileg das Leben ist. Für mich gibt es nichts wichtigeres als unsere eigene Gesundheit und unser Wohlbefinden. Denn ohne das haben wir gar nichts.

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