Technik

China: Künstlicher Mond statt Straßenbeleuchtung für Chengdu

von Marten Zabel

Die Stadt Chengdu in China will mit einem künstlichen Mond ihre Straßenbeleuchtung ersetzen. Der entsprechende Satellit soll schon 2020 ins All fliegen.

Die Skyline von Chengdu bei Nacht.
Eine Stadt, die niemals schläft: Chengdu soll einen eigenen künstlichen Mond erhalten. Foto: Shutterstock / cad_wizard

Das erfahren Sie gleich:

  • Wie ein künstlicher Mond Straßenlaternen ersetzen soll
  • Wie die Stadt Chengdu in China so Kosten für Elektrizität und Wartung bei Straßenlampen sparen will
  • Welche ähnlichen Projekte bereits Straßenbeleuchtung ersetzen sollten

Die Stadt Chengdu in China ist eigentlich vor allem für ihre Pandas bekannt – und für ihre niedliche Panda-Schwebebahn. Mit einem neuen Projekt könnte die Stadt bald auch für ein Objekt am Nachthimmel Berühmtheit erlangen: Das Chengdu Aerospace Science and Technology Microelectronics System Research Institute (CASC) will einen Spiegelsatelliten als künstlichen Mond nutzen. So will die Stadt den gesamten Metropolraum nachts erhellen sowie Strom und Wartungskosten für die Straßenbeleuchtung sparen.

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Ein Privatunternehmen hat bereits den Zuschlag bekommen, den Satelliten in Position zu bringen – und schon 2020 soll es so weit sein. Der künstliche Mond würde aus einem ausfaltbaren Segel mit Spiegelflächen bestehen, die ständig neu ausgerichtet würden, um Sonnenlicht auf die Nachtseite der Erde zu reflektieren. Damit soll ein Gebiet mit einem Durchmesser zwischen zehn und 80 Kilometern erhellt werden — und zwar etwa acht mal so hell, wie vom natürlichen Mond.

Ein künstlicher Mond für China – Chengdu als Versuchsobjekt

Laut den Unterstützern des Projekts soll mit dem Projekt ein ständiger Zustand von Dämmerlicht erzeugbar sein, der angeblich keine negativen Auswirkungen auf Menschen und Tiere haben soll. Skeptiker sehen das anders. Bereits vorhandenes künstliches Licht hat erwiesenermaßen schädliche Auswirkungen auf die Tierwelt, von der inneren Uhr der Menschen ganz abgesehen. Sollte das Projekt in die Praxis umgesetzt werden, dürften eben diese Nebeneffekte auch erforschbar werden.

Noch gibt es keine genauen Angaben zum Preis des künstlichen Mondes von Chengdu. Die Kosten eines Satellitenstarts und des weiteren Betriebs im Weltraum sind allerdings nicht zu unterschätzen. Andererseits hat eine Millionenmetropole auch eine ganze Menge Straßenbeleuchtung, deren Energieverbrauch in der Industriestadt großteils mit Kohleenergie abgedeckt wird – vielleicht ließe sich in den alten Kohlekraftwerken dann künftig Ökostrom produzieren.

Die direkte Nutzung des Sonnenlichts würde an dieser Stelle vermutlich tatsächlich eine Menge CO2 und Geld einsparen. Auch die regelmäßigen Reparaturen tausender Straßenlaternen sind im Budget der Stadt kein kleiner Faktor, der damit wegfallen würde.

Eine neon-beleuchtete Einkaufsstraße in Chengdu.
Bereits jetzt machen Neonleuchten die Nacht in Chengdu zum Tag. Mit dem künstlichen Mond soll die Stadt aber noch heller werden. Foto: Shutterstock / Sean Pavone

Extreme Straßenbeleuchtung im Laufe der Geschichte

Chengdu ist nicht die erste Stadt, die von einer zentralen Lichtquelle als Ersatz für die Straßenbeleuchtung träumt: Einige Archäologen gehen davon aus, dass es Spiegelsysteme zur längeren Nutzung des Sonnenlichts schon im alten Ägypten gab.

Konkrete Pläne für eine groß angelegte zentrale Straßenbeleuchtung gab es im 19. Jahrhundert in Paris: Ging es nach dem Pariser Ingenieur Amédée Sébillot und dem Architekten Jule Bourdais, sollte ein 300 Meter hoher Turm aus Granit mit einer riesigen Lampe darauf die Nacht in der Hauptstadt abschaffen. Der Entwurf des Sonnenturms wurde letztlich nicht genommen, und so entstand stattdessen der Eiffelturm, der bis heute das Wahrzeichen der Stadt ist.

Russland als Vorbild?

Ein Projekt wie das von Chengdu hatten russische Entwickler in den 1990er Jahren ebenfalls ins All bringen wollen. Der Satellit Znamya sollte mit einem ausfaltbaren Spiegel mit 20 Metern Durchmesser einen Lichtkegel auf Teile Sibiriens werfen, um die Nacht zum Tag zu machen. Damit sollten nicht nur Kosten am Boden gespart werden, sondern auch längere Arbeitstage trotz langer Winternächte möglich werden.

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Der geplante permanente Spiegelsatellit hätte einen Durchmesser von mehr als 200 Metern gehabt – und es gab Überlegungen zu einer ganzen Konstellation davon. Der Testsatellit funktionierte, und Anfang 1999 sollte ein zweiter Znamya in den Orbit gehen. Dieser verhakte sich allerdings an einer Antenne der Raumstation Mir, sodass der Spiegel zerriss. Das Projekt endete danach ohne weitere Finanzierungen.

Noch ist auch der Start des Kunstmondes von Chengdu keine sichere Sache. Wenn er kommt, dann wird sich zeigen müssen, wie es sich ohne Nacht lebt. Das wäre nicht das erste umstrittene Projekt der Regierung – die etwa ihre Bevölkerung mit Tauben-Drohnen überwachen will.

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